Bürgerkrieg in Libyen Ein Land zerfällt

Durch den Angriff von Warlord Haftar auf Tripolis könnte der Bürgerkrieg in Libyen erneut eskalieren. Beobachter rechnen nicht mit einem raschen Ende der Kämpfe - denn ausländische Akteure verfolgen eigene Interessen.
Von Mirco Keilberth, Maximilian Popp und Fritz Schaap
Mitglieder der Libyschen Nationalen Armee: Der Bürgerkrieg könnte erneut eskalieren.

Mitglieder der Libyschen Nationalen Armee: Der Bürgerkrieg könnte erneut eskalieren.

Foto: Esam Omran Al-Fetori / Reuters

Neun Mal wurde Jamal Alaweeb, Kommandeur einer Miliz aus Misurata in Libyen, in diesem Jahr bereits von Militärs zur Hilfe gebeten. Meist kam der Anruf vom Afrika-Kommando der US-Streitkräfte, Africom, mit denen Alaweebs Einheiten im Kampf gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) zusammenarbeiten.

Dieses Mal war es jedoch die Regierung von Libyens Premier Fayez al-Sarraj in der Hauptstadt Tripolis, die sich bei ihm meldete. Sarraj ist, einmal mehr, in größter Not, seit sein Widersacher, General Khalifa Haftar, vergangene Woche zum Sturm auf Tripolis geblasen hat.

Khalifa Haftar: Der General ist nicht so stark, wie er sich gibt

Khalifa Haftar: Der General ist nicht so stark, wie er sich gibt

Foto: Philippe Wojazer / Reuters

Haftar hat bereits den Osten Libyens unter seine Kontrolle gebracht. Nun will er Sarraj stürzen und die Herrschaft über das gesamte Land übernehmen. Seine Libysche Nationale Armee (LNA) steht wenige Kilometer vor dem Zentrum Tripolis. In der vergangenen Woche nahmen sie den letzten offenen zivilen Flughafen unter Beschuss. Sarrajs Milizen konnten den Vormarsch vorerst stoppen. Beide Seiten verlegen nun weitere Panzer an die Front. Der Bürgerkrieg in Libyen ist dabei, ein weiteres Mal zu eskalieren.

Die Europäer haben Libyens Milizen viel Geld gezahlt

Als die Arabische Rebellion den Dauerherrscher Muammar al-Gaddafi nach 40 Jahren an der Macht 2011 aus dem Amt fegte, hofften die Menschen in Libyen auf Demokratie und Wohlstand. Seither ist Libyen jedoch zu einem Flickenteppich aus Stadtstaaten verkommen. Warlords, Islamisten und Mafia-Banden ringen um die Vorherrschaft.

Im Westen, in Tripolis, hat Sarraj offiziell das Sagen. Er wurde von den Vereinten Nationen eingesetzt, weil er als einigermaßen integer galt, kann sich jedoch nur mithilfe verschiedener Milizen und krimineller Banden an der Macht halten. Diese teilen die Einnahmen aus dem Ölgeschäft und dem Menschenhandel unter sich auf. Die Regierung ist dafür verantwortlich, dass Migranten in Gefängnissen misshandelt und gefoltert werden.

Fayez al-Sarraj: In großer Not

Fayez al-Sarraj: In großer Not

Foto: STR/ AFP

Im Osten, um die Stadt Bengasi, hat Haftar ein Militärregime errichtet, nachdem er radikale Islamisten niederrang. Doch auch der General ist nicht so stark, wie er sich gibt. Die LNA ist keine Armee, sondern eine Zweckgemeinschaft aus Ex-Gaddafi-Offizieren, Söldnern, lokalen Milizen. Haftar behauptet, Dschihadisten in Schach zu halten. Aber auch in seinen eigenen Reihen kämpfen etliche Salafisten wie der Warlord Mahmoud al-Werfalli, der wegen Kriegsverbrechen vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag gesucht wird. "Haftar ist eine Kopie von Gaddafi. Er will das Land allein beherrschen", sagt Milizenkommandant Alaweeb.

Die Europäer wollten Libyen zu einem Rohstofflieferanten und Partner in der Migrationskontrolle aufbauen. Sie haben den Milizen viel Geld bezahlt, damit diese Migranten brutal an der Flucht nach Europa hindern. Dem Staatszerfall sehen sie nun tatenlos zu.

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Haftars Offensive in Libyen: Sturm auf Tripolis

Foto: ABDULLAH DOMA/ AFP

Rom und Paris finden keinen klaren Kurs

Vor allem die beiden ehemaligen Kolonialmächte Italien und Frankreich können sich nicht auf eine gemeinsame Strategie einigen. Während die Regierung in Rom fest zu Sarraj steht, kooperiert Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit Haftar. Paris hat in der vergangenen Woche gar eine EU-Resolution blockiert, die die Offensive der LNA verurteilt.

Auch Libyens großer Nachbar Ägypten steht weiter fest hinter Haftar. Am Wochenende empfing Staatschef Abdel Fattah el-Sisi den Warlord - ein klares Zeichen dafür, dass seine Offensive von Kairo gebilligt wird. Saudi-Arabien soll Haftars Vormarsch gar finanzieren. Nach Informationen des "Wall Street Journal" habe das Königshaus in Riad dem Warlord "zig Millionen Dollar" für die Finanzierung der Operation angeboten. Haftar hatte sich Ende März in der saudi-arabischen Hauptstadt mit König Salman und anderen Würdenträgern getroffen - kurz darauf startete er seine Offensive.

Libyen wird damit indirekt zum Austragungsort des innerarabischen Konflikts zwischen Saudi-Arabien und Katar. Das kleine Emirat am Golf unterstützt die libysche Übergangsregierung und hat Haftars Vorgehen klar verurteilt. Das Außenministerium in Doha verlangte den Rückzug des Warlords und forderte, "gewisse Staaten" müssten daran gehindert werden, Haftar aufzurüsten - ein klarer Verweis auf Saudi-Arabien.

Die Lebensbedingungen werden immer schlechter

Leidtragende sind die Zivilisten. "Wir überlassen die Libyer der Willkür der Milizen. Niemand ist bereit, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen", sagt ein Mitarbeiter des Uno-Flüchtlingshilfswerks.

Die Lebensbedingungen in Libyen verschlechtern sich immer weiter. Tausende Menschen aus Tripolis und dem Umland sind auf der Flucht. Teile von Tripolis sind nach Berichten von Ärzte ohne Grenzen (MSF) seit Tagen ohne Wasser und Strom. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor dem Ausbruch von Seuchen.

Die USA haben Soldaten aus dem Bürgerkriegsland mit Schnellbooten evakuiert, EU-Mitarbeiter der Grenzschutzmission Eubam wurden vor der tunesischen Marine gerettet, nachdem sie Tripolis mit einem Boot verlassen und einen Notruf abgesetzt hatten.

Besonders schlimm ist die Lage für Flüchtlinge, die vom Sarraj-Regime und Milizen in Kerkern gefangen gehalten werden. Sie sind sich selbst überlassen, hungern. MSF berichtet von Vergewaltigungen, Misshandlungen und Folter.

Selbst wenn sich Sarraj und Haftar überraschend auf einen Kompromiss einigen und sich die LNA in den Osten zurückziehen sollte, rechnen Beobachter nicht mit einem raschen Ende des Konflikts. "Der Zugang zu Geld und Macht ist (in Libyen) auf ein Kartell von Familien oder Stämmen beschränkt", sagt der ehemalige libysche Kultusminister, Younis Issa. "Wenn Haftar weg ist, werden es vielleicht Gruppen aus Misurata oder Zintan sein, die gegen die Milizenmafia in Tripolis antreten."

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