Libyen-Krieg Ärzte berichten von mehr als tausend Toten in Misurata

Ärzte in der umkämpften Rebellenhochburg Misurata schildern grausame Szenen. Demnach wurden dort mehr als tausend Menschen getötet - die meisten davon Zivilisten. Viele Opfer wurden durch Streubomben so schwer verwundet, dass ihnen Arme oder Beine amputiert werden mussten.

AFP

Tripolis/Misurata - Die libysche Führung bestreitet immer wieder, beim Kampf gegen die Aufständischen auch die Zivilbevölkerung anzugreifen. "Wir haben keine Verbrechen gegen unser Volk begangen", sagte Muammar al-Gaddafis Sohn Saif al-Islam der "Washington Post": "Das ist nicht passiert. Das wird nie passieren."

Doch die Realität sieht offenbar ganz anders aus. Ärzte in der Rebellenhochburg Misurata im Westen des Landes berichten, bei den seit sechs Wochen dauernden Kämpfen seien rund 1000 Menschen ums Leben gekommen. 80 Prozent der Getöteten seien Zivilisten, berichtete Chalid Abu Falgha, Verwalter des Krankenhauses. Außerdem habe es etwa 1000 Verletzte gegeben. Die 60 Betten der Klinik seien derzeit alle mit Verletzten belegt.

Seit vergangener Woche seien bei den Patienten besonders schwerwiegende Verletzungen festgestellt worden, die von dem Einsatz von Streubomben herrührten, sagte Falgha. Nach Angaben der Ärzte mussten zahlreichen durch Streubomben verletzten Menschen Gliedmaßen amputiert werden, um sie zu retten. Streumunition ist international geächtet. Ihre Behälter öffnen sich in der Luft und setzen viele kleine Bomben, sogenannte Bomblets, über große Flächen frei. Die Gebiete bleiben wegen der großen Zahl von Blindgängern auch nach dem Ende eines Konflikts verseucht.

"Die Einwohner haben sich an den Lärm der Mörser und Raketen gewöhnt"

Die libyschen Rebellen sowie Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch werfen den Regierungstruppen vor, die heimtückischen Waffen seit vergangenem Donnerstag einzusetzen. Außerdem versetzen Heckenschützen die Bevölkerung in Misurata zunehmend in Angst und Schrecken. Nach Angaben des Arztes Abdul Kadher Muchtar erlitt etwa ein zehnjähriger Junge einen glatten Kopfdurchschuss durch einen Scharfschützen. Es sei unklar, ob Mohammed jemals wieder zu Bewusstsein komme.

Immer mehr Menschen fliehen vor der Gewalt. Da die Stadt von Gaddafis Truppen umzingelt ist, bleibt den Flüchtlingen nur der Seeweg. Am Sonntag blockierten Hunderte Menschen laut Augenzeugen den Hafen und behinderten ein Hilfsschiff der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Die IOM befürchtet nun eine Massenflucht aus Misurata, wo 400.000 Menschen leben.

Rund 3500 Gastarbeiter meist aus afrikanischen Ländern sitzen nach Angaben der IOM in der Stadt fest. Sie warten den Angaben zufolge im Hafen von Misurata verzweifelt auf eine Möglichkeit, per Schiff nach Bengasi zu gelangen.

Gaddafis Truppen setzten den Beschuss der Rebellenbastion auch am Montag fort. Misurata sei mit Raketen und Artillerie angegriffen worden, sagte ein Sprecher der Aufständischen. Am Sonntag waren nach Rebellenangaben insgesamt 17 Menschen bei den Angriffen getötet worden. Zudem seien 100 Menschen verletzt worden, die meisten von ihnen Zivilisten. In erbitterten Häuserkämpfen wehrten sich die Rebellen gegen die Einnahme der letzten von Regierungsgegnern gehaltenen Stadt.

Unterstützt von schweren Waffen und Scharfschützen drangen die Gaddafi-Truppen bis ins Zentrum der Stadt vor. Seit Tagen schon sei Misurata mit Mörsern und Raketen beschossen worden, berichtete der Bewohner Abdel Salam. "Die Einwohner haben sich an den Lärm der Mörser und Raketen gewöhnt", sagte er. "Auf den Dächern der hohen Gebäude sind immer noch Scharfschützen, die auf alles schießen, was sich bewegt."

Rebellen rücken auf Brega vor

Auch in den Städten Nalut im Westen und in Adschdabija im Osten des Landes hielten die Kämpfe an. Die Milizen der Regimegegner rückten am Montag zudem erneut auf den Ölhafen Brega vor. Die Kämpfer legten etwa die halbe Strecke zwischen Adschdabija und Brega zurück, berichtete ein Reporter des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira aus der Region. Die Aufständischen hatten bereits am Vortag von Adschdabija aus einen Vorstoß auf das 80 Kilometer westlich gelegene Brega unternommen. Dieser war aber von den Gaddafi-Truppen zurückgeschlagen worden.

Die Rebellen konnten angesichts der Überlegenheit der Regierungstruppen nur kleine Erfolge vermelden. Die Soldaten Gaddafis seien aus der Gegend rund um einen zentralen Marktplatz zurückgetrieben worden, sagte der Aktivist Rida al-Montasser über den Internetdienst Skype.

als/AFP/DAPD/Reuters

insgesamt 216 Beiträge
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Seite 1
ThomasPr, 18.04.2011
1. .
Zitat von sysopIn der umkämpften Rebellenhochburg Misurata erheben Ärzte schwere Vorwürfe gegen Gaddafi:*In den vergangenen Wochen seien rund 1000 Menschen getötet worden, die meisten davon Zivilisten. Viele Opfer seien durch Streubomben so schwer verwundet, dass Arme oder Beine amputiert werden mussten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757720,00.html
Woran erkennt man denn einen Zivilisten? Das er keine Uniform trägt? Die "Rebellen" tragen auch keine Uniformen.
hauser kd 18.04.2011
2. und wieder taucht der Begriff
Streubomben auf. Falls es sich tatsaechlich um BOMBEN handelt,gibt es nur eine Luftwaffe die solche abwerfen kann. Die der Rebellen!
Mineraloel Steuer 18.04.2011
3. 1
Noch mehr lügen von Tag zu Tag. Was ist den morgen dran? Massenvernichtungswaffen? Terrorlink zu 9/11? (wobei ja Ironischerweise die Verursacher in dem Konflikt von der USA unterstüzt wird) Vielleicht auch was ganz neues. Rebellen Berichten zufolge hat Gaddafi es geschaft eine Mondbasis zu errichten und wird von dort beginnen jedes einzelne Land auf der Welt mit einer Laserkanone zu vernichten. Seine Forderungen? EINE MILLION DOLLAR!
svenbaumer 18.04.2011
4. an alle pseudo-pazifisten und gadaffi-fans
erstmal möchte ich dem spiegel danken für die berichterstattung über die lage in misurata. sehr lobenswert! weiter so. des weiteren möchte ich noch eine bilderreihe der new york times posten http://www.nytimes.com/interactive/2011/04/18/world/africa/20110418_MISURATA_BIG.html?ref=africa#1 um unseren pazifisten und gadaffi-fans hier im forum den mund zu verbieten und ihrer argumentation entgegenzuwirken. die armen kinder welche einfach erschossen wurden. nur noch schlimm was dort im namen gadaffis geschieht - gott stehe diesen armen leuten bei. schämt euch alle, welche für dieses morden und gegen die befreiung libyens seid.
Facultas 18.04.2011
5. Libyen: Ärzte berichten von mehr als 1000 Toten ...
Niemand glaubt an die Streubomben von Gadaffi. Die 1000 Tote sind sicher Opfer der Nato-Bomben, kollateralschäden, und noch weniger glauben an die Vergewaltigungen, wie in Vietnam, Irak, usw.
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