Bürgerkrieg in Libyen Ein Land als Geisel der Milizen

30 Menschen sind bei Gefechten in Tripolis getötet worden. Nun gilt eine Feuerpause, doch der Machtkampf in Libyen ist damit nicht gelöst. Das liegt auch an der internationalen Gemeinschaft.

AP/ Mohamed Ben Khalifa

Von


Ein Granatensplitter riss Mohamed Ben Khalifa aus dem Leben. Der freie Journalist arbeitete als Fotograf und Kameramann, unter anderem für die Nachrichtenagentur AP und berichtete von schweren Gefechten zwischen rivalisierenden Milizen in der libyschen Hauptstadt Tripolis. Dort traft ein Schrapnell den 35-Jährigen tödlich am Kopf.

Ben Khalifas Tod steht sinnbildlich für das Abgleiten Libyens in den Bürgerkrieg. Der Fotograf war selbst ein Chronist dieser Entwicklung und all ihrer Begleitumstände. Machtkämpfe der Milizen, verzweifelte Flüchtlinge, die in verheerenden Umständen auf die Überfahrt nach Europa warten. Aber auch die Hoffnung vieler Libyer auf ein ruhiges Leben in Frieden und bescheidenem Wohlstand: Ben Khalifa hat all diese Facetten in seinen Aufnahmen festgehalten.

Sehen Sie hier eine Auswahl seiner Fotos:

Fotostrecke

10  Bilder
Bilder aus Libyen: Szenen eines Bürgerkriegs

Der Fotojournalist wurde Opfer der jüngsten Bürgerkriegsrunde zwischen den Milizen in Tripolis und Umgebung. Wieder einmal hatten sich Kämpfer der sogenannten Siebten Brigade aus der 65 Kilometer südöstlich gelegenen Kleinstadt Tarhuna auf den Weg in die Metropole gemacht. Ihr Ziel ist es, die Dominanz der vier großen Milizen in der Hauptstadt zu brechen. Wie ein Mafiakartell haben sie Tripolis unter sich aufgeteilt und sich die von den Vereinten Nationen unterstützte Regierung von Ministerpräsident Fayez Sarraj Untertan gemacht.

Die Waffenruhe löst den Konflikt nicht

Im September hatte die Siebte Brigade zusammen mit verbündeten Milizen aus Misurata und Zintan schon einmal versucht, das Kartell von Tripolis zu stürzen. Bei tagelangen Gefechten in der Hauptstadt wurden mehr als hundert Menschen getötet und Tausende Zivilisten vertrieben, bevor die Uno eine brüchige Waffenruhe vermittelte.

Nun starteten die Milizen aus dem Umland einen neuen Versuch, um sich gewaltsam ihren Anteil an den Pfründen in der Hauptstadt zu sichern. Tagelang lieferten sie sich Gefechte, bei denen mindestens 30 Menschen getötet wurden, unter ihnen der Fotograf Ben Khalifa.

Nun gilt seit einigen Tagen eine Feuerpause, die aber den grundlegenden Konflikt nicht löst: Dass Milizen mit Waffengewalt staatliche Institutionen plündern und jeden bekämpfen, der ebenfalls an die Geldtöpfe will.

Macron und Salvini hintertreiben die Libyen-Politik der EU

Die nächste Gefechtsrunde in Tripolis ist daher nur eine Frage der Zeit. Salah Badi, Anführer der Miliz "Brigade der Standfestigkeit" aus Misurata, droht offen mit einem neuen Angriff auf die Kampfgruppen in Tripoli. "Die Uno hat ihren Job nicht gemacht. Darum denke ich, dass der bewaffnete Kampf eine Möglichkeit ist, Druck auszuüben", sagte Badi dem Magazin "Zenith". "Die Regierung ist nur eine Marionette."

Kämpfer in Tripolis
AP/ Mohamed Ben Khalifa

Kämpfer in Tripolis

Die Machtlosigkeit und die fehlende Legitimation der Regierung machen es auch den Vereinten Nationen schwer, den politischen Prozess in Libyen voranzutreiben. Denn die Lage innerhalb des formal von der Regierung kontrollierten Gebiets rund um Tripolis ist nur ein Teil des Problems. Hinzu kommt die politische Spaltung des Landes in einen international anerkannten Teil im Westen und einen Ostteil rund um Tripolis, der von den Truppen des Warlords Khalifa Haftar und seinen Verbündeten beherrscht wird.

Haftar wird maßgeblich von Russland, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten unterstützt. Die Vereinten Nationen und die Europäische Union stützen Premierminister Sarraj. Doch ausgerechnet zwei gewichtige EU-Staaten, Frankreich und Italien, hintertreiben die Libyen-Politik. Erst lud im Mai 2018 der französische Staatschef Emmanuel Macron die beiden Widersacher Sarraj und Haftar zu einem Gipfel nach Paris, auf dem er den 10. Dezember als Termin für Parlaments- und Präsidentschaftswahlen ausrief. Dieses Datum ist lange verstrichen, Wahlen - oder auch nur ein Wahlgesetz - sind weiterhin nicht in Sicht.

Im November veranstaltete dann die einstige Kolonialmacht Italien in Palermo einen eigenen Libyen-Gipfel, die gänzlich ohne greifbares Ergebnis blieb.

Sarraj besucht Kurz

Am Montag reist Sarraj nach Wien. Beim Treffen mit dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz wird es jedoch weniger um den innenpolitischen Konflikt in Libyen gehen. Stattdessen vielmehr darum, sicherzustellen, dass die Zahl der Flüchtlingsboote, die über das Mittelmeer nach Europa aufbrechen, weiter zurückgeht.

In den nächsten Wochen soll unter Schirmherrschaft des Uno-Sondergesandten Ghassan Salamé eine "Nationale Konferenz" beginnen, auf der die wichtigsten Konfliktparteien friedlich beraten sollen, wie Libyen künftig aussehen wird. Dabei geht es vor allem um die zukünftige Regierungsform und darum, wie viel Autonomie die drei Landesteile Tripolitanien im Westen, Cyrenaika im Osten, Fezzan im Süden künftig genießen werden.

Doch solange noch nicht einmal die Machtverhältnisse innerhalb der Hauptstadt geklärt sind, scheint ein Erfolg dieser Konferenz sehr fraglich. Die Uno will noch nicht einmal einen Starttermin verkünden.



insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mursol 28.01.2019
1. Ja soviel zur unfreiwilligen Demokratiesierung
Eines Landes ! Nachdem ein angeblicher Diktator vernichtet wurde und die Ressourcen vereinnahmt wurden ist es sich selbst überlassen worden. Wie in irak Syrien und Libyen! Die westlichen Werte eben
bürgerl 28.01.2019
2. Lybien
Wo sind die vor 8 Jahren versprochenen Blühenden Landschaften im Lybischen Frühling ? Alles Lug und Trug !
frankfurtbeat 28.01.2019
3. und ...
und das alles geschieht weil es Regierungen auf dem Planeten gibt die meinen, das man Demokratische Systeme jedem verordnen bzw. überstülpen kann. Das ist so trivial gedacht und wurde auf noch trivialere Art und Weise ausgeführt. Diese Länder benötigen anscheinend Strukturen wie diese unter Saddam und Gadaffi herrschten denn wie man sieht brennt selbst Jahre nach der "Befreiung durch die USA zusammen mit der Koalition der Willigen" noch immer das Feuer. Es funktioniert anscheinend nicht da u.a. die dortigen unterschiedlichen Auslegungen der Religion ein friedliches Miteinander nicht zulassen. Ein "super und bravo" an alle Beteiligten. Dasselbe gilt für Afghanistan und den Irak! Inzwischen denkt man ja auch offen daran, das Thema im Iran anzugehen - unglaublich und wieder werden westliche Politiker sich dem Willen der möchtegernWeltmacht bücken, zustimmen, abnicken und support bei der Durchführung leisten..
keine Zensur nötig 28.01.2019
4. So mag ich Herrn Sydow -
sachlich einen Zustand beschreiben - ohne Wertung. Das ist mal Journalismus. Falsch ist leider due Nennung der Verursacher des libyschen Desasters. Die Verursacher sind die USA, UK und Frankreich in Einheit mit nahöstlichen Islamtistenunterstützern. Da wurde unter dem Vorwand des Schutzes ein ungeliebter Despot einfach entsorgt. Seitdem wird das Land systematisch geplündert und aus der einst gut versorgten libyschen Bevölkerung ist ein Haufen Bettler geworden, der sich lieber mit Schleppen beschäftigt. Auch wenn es weh tut - manche Völker brauchen eine harte Hand. Und wenn der Despot nach unserer Pfeife tanzt, dann gibt es damit kein Problem. Wenn nicht bringen wir Demokratie. Traurig.
Rosenhag 28.01.2019
5.
Man sollte endlich eingreifen, so wie man das bei Gaddafi tat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.