Libyen-Krieg Letzte Hoffnung Lazarettschiff
Libyen-Krieg: Letzte Hoffnung Lazarettschiff
Foto: STR/ REUTERSHamburg - Für Hunderte Menschen an Bord der "Ankara" ist der Bürgerkrieg in Libyen vorbei. Das Schiff hat am Montagmorgen den Hafen von Bengasi verlassen und steuert nun auf die türkische Küste zu, meldet "Turkish Weekly". 40 Stunden dauert die Überfahrt nach Izmir.
Auf der umgebauten Autofähre befinden sich auch 230 Schwerverletzte aus der heftig umkämpften Stadt Misurata. Für sie gab es dort keine ausreichende Versorgung mehr. Weitere 190 Menschen gingen in Bengasi an Bord. Unter ihnen viele Verletzte, aber auch 30 Ausländer: Türken, Ukrainer, Griechen und Niederländer.
Die humanitäre Aktion der türkischen Regierung hatte eigentlich schon zu Beginn der vergangenen Woche stattfinden sollen - aber aus Sicherheitsgründen hatte die Nato den Aufschub verlangt. So ankerte die "Ankara" seit vergangenem Dienstag 25 Meilen vor dem Hafen von Misurata.
Unter dem Schutz von türkischen F-16-Bombern und zwei Fregatten gelang schließlich am Wochenende die Rettung der Verletzten. Schwer bewaffnete Spezialkräfte der türkischen Polizei bewachten den Hafen, als Medikamente und medizinisches Gerät abgeladen und die Verwundeten auf das Schiff gebracht wurden.
Die Männer, Frauen und Kinder liegen nun auf einfachen Matratzen auf den Autodecks der Fähre. Ein türkischer Diplomat berichtete der Nachrichtenagentur Reuters, das Schiff habe schließlich schnell ablegen müssen, weil plötzlich Hunderte Menschen in den Hafen geströmt seien, die alle auf eine Fluchtmöglichkeit hofften.
Nach wochenlangen Kämpfen steht Misurata, der westliche Vorposten der libyschen Rebellen, offenbar vor dem Fall. Die Streitkräfte von Machthaber Muammar al-Gaddafi haben die drittgrößte Stadt des Landes am Wochenende komplett eingekesselt. Die Truppen nahmen Häuser und Straßen unter heftigen Beschuss. Ärzten zufolge kamen bei den Kämpfen bisher Hunderte Zivilisten ums Leben.
Bewohner beschrieben die Lage in der Enklave als dramatisch und verzweifelt. Zahlreiche Häuser seien in Brand gesetzt worden. Frauen und Männern würden misshandelt. Geschosse trafen ein Krankenhaus. Mehrere Freiwillige wurden verletzt, berichtete die Oppositionsgruppe "Feb17voices" am Sonntag über den Kurzmitteilungsdienst Twitter. Es herrsche ein Mangel an medizinischem Bedarf, hieß es weiter. "Misurata wird jeden Tag mit Granaten beschossen. Die Stadt wird seit 40 Tagen belagert. Was passiert, ist wirklich eine Katastrophe", sagte eine Sprecherin der Aufständischen.
Ein BBC-Reporter berichtet, dass an Bord der "Ankara" viele Verwundete mit schwerwiegenden Verletzungen sind. Ein Mann habe ein Stück seines Beines bei einer Explosion verloren, als er gerade seine verletzte Ehefrau ins Krankenhaus bringen wollte. Ein 13-Jähriger sei von einem Scharfschützen angeschossen, ein 12-jähriger Junge von Splittern getroffen worden.
Türkei bemüht sich um Waffenstillstand
Auf der "Ankara" versorgen bereits Mitarbeiter des Roten Halbmondes die Verletzten. Wenn sie in der Türkei angekommen sind, sollen sie in moderne, gut ausgerüstete Krankenhäuser gebracht werden, sagte ein Regierungsbeamter.
Die Türkei bemüht sich nun um einen Waffenstillstand in Libyen. Wie in der Hauptstadt Ankara bestätigt wurde, wollte Außenminister Ahmet Davutoglu den libyschen Vize-Außenminister Abdelati Laabidi empfangen, der zuvor in Athen Gespräche geführt hatte. Auch Oppositionsgesandte aus Libyen würden möglicherweise schon bald in Ankara erwartet. Es gehe darum, Möglichkeiten für einen Waffenstillstand zu sondieren.
Die Türkei hatte die Mitte März von Frankreich begonnenen Luftangriffe in Libyen kritisiert und verlangt, die Nato solle das Kommando über die Einsätze in dem nordafrikanischen Land übernehmen. Inzwischen beteiligt sich die Türkei im Rahmen einer Nato-Mission an der Überwachung des Waffenembargos gegen Libyen. Ankara stimmte auch der Kontrolle des Flugverbots in Libyen durch das Bündnis zu.
Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen traf am Montag zu Gesprächen mit der türkischen Regierung in Ankara ein. Er traf sich zunächst mit Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Anschließend standen Gespräche mit Außenminister Davutoglu sowie Verteidigungsminister Vecdi Gönül an.