SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

01. April 2011, 15:47 Uhr

Libyen-Krieg

Rebellen bieten Gaddafi Waffenstillstand an

Aus Bengasi berichtet

Eine Visite mit Symbolwert: Zum ersten Mal hat ein Uno-Diplomat die Hochburg der Gaddafi-Gegner besucht und damit den ersten Schritt zur Anerkennung des Übergangsrats als libysche Gegenregierung getan. Von den Rebellen kam ein überraschendes Signal an den Despoten. 

Der Uno-Sondergesandte Abdelilah al-Khatib hat als erster hochrangiger internationaler Diplomat offiziell die Rebellenhochburg Bengasi besucht. Al-Khatib war bereits vor einigen Tagen in Tobruk, nahe der ägyptischen Grenze gewesen. Sein Besuch in Bengasi, dem Herz des Widerstands gegen Machthaber Gaddafi, der unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattfand, signalisierte erstmals die internationale Anerkennung des sogenannten Übergangsrats der Aufständischen, der sich in den letzten Wochen formiert hatte.

Auf einem Flughafen außerhalb der Stadt kam der Gesandte mit allen relevanten Vertretern des Rats zusammen, auch mit Mustafa Abdul Dschalil, der als politischer Kopf der Rebellen gilt.

Für die Rebellen war dies ein wichtiger Schritt hin zu einer Anerkennung des Übergangsrats als legitimes Sprachrohr für die Menschen in Ostlibyen, wo der Widerstand gegen den Despoten im fernen Tripolis am stärksten ist. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Uno-Diplomaten boten die Gaddafi-Gegner durch Dschalil einen Waffenstillstand mit den Einheiten des Machthabers an, gegen die die chaotischen und schlecht ausgerüsteten Rebellentruppen in den letzten Tagen massive Rückschläge erlitten hatten. Die Bedingung für ein Ende der Kämpfe sei laut Dschalil ein Rückzug der Gaddafi-Truppen aus den Städten. Zudem müssten sie auch die Belagerung von mehreren Orten aufgeben.

Das Angebot ist ein politisches Signal, aber auch das Eingeständnis der militärischen Unterlegenheit. Zum einen wollen die Rebellen der Welt zeigen, dass sie nicht auf den militärischen Kampf gegen das Regime und einen möglichen Marsch auf Tripolis setzen. Gleichwohl wären sie wohl zu einem solchen auch gar nicht in der Lage.

Die höchstens mit Schnellfeuergewehren und einigen von der Gaddafi-Armee eroberten Raketenwerfern ausgerüstete Truppe hat gegen die Einheiten des Machthabers und Tausende von ihm ins Land gebrachte Söldner aus verschiedenen afrikanischen Ländern nur wenig Chancen. Trotz der Luftangriffe der internationalen Koalition sind diese noch immer mobil und verfügen über ausreichend Waffen.

Rebellen mussten Rückschläge verkraften

In den letzten beiden Tagen hatten die Rebellen nach einem Vormarsch, der sie bis kurz vor den Geburtsort des Despoten führte, erhebliche Rückschläge einstecken müssen. Waren sie nach dem Wochenende mit Luftunterstützung der Koalition fast bis nach Sirte in Westlibyen vorgerückt, drängten sie die Gaddafi-Einheiten wieder bis nach Adschdabija, rund 180 Kilometer von ihrer Hochburg Bengasi, zurück. Am Donnerstag fürchteten die Rebellen gar, dass die Regimetruppen, die Rebellen sprechen von rund 3500 Söldnern aus dem Nachbarland Tschad, wieder in Richtung Bengasi marschieren könnten. Diesen Vorstoß hatte die Koalition durch Luftschläge in letzter Minute verhindert.

Die Äußerungen der Rebellen enthielten auch eine politische Botschaft für Gaddafi. Dschalil sagte, der Diktator solle umgehend mit seiner Familie das Land verlassen. Damit eröffneten die Gegner des Machthabers eine durchaus überraschende Exit-Strategie. Bisher hatten sie stets gefordert, Gaddafi müsse für seine Verbrechen am libyschen Volk vor Gericht gestellt werden. An die westliche Welt, so schien es jedenfalls, schickten die Rebellen damit auch das Signal, dass sie nicht an Rache interessiert sind.

Sich selbst stellen sie so als politische Bewegung dar, die hauptsächlich an die Zukunft des Landes denkt.

Für den Westen, wo niemand ein Interesse an einem langen Krieg zwischen den Rebellen und Gaddafi hat, wäre die Ausreise des Diktators eine willkommene Lösung. Bisher aber hat der Machthaber stets klargemacht, dass er bis zum Ende kämpfen will. Zwar wollen die Rebellen aus Tripolis erfahren haben, dass sich einige seiner Söhne bereits von ihm lösen, doch im erratischen System von Gaddafi, der sich stets nur mit einem kleinen Kreis von Vertrauten umgeben hat, sind solche Behauptungen kaum zu verifizieren. Öffentlich jedenfalls bekundet er weiter Kampfgeist, erst am Donnerstag strahlte das Staatsfernsehen frische Bilder des Despoten aus, die ihn inmitten einer jubelnden Menge von Anhängern zeigten.

Forderungen der Uno an Gaddafi

Der Uno-Gesandte berichtete nach dem Treffen mit den libyschen Oppositionellen, unter ihnen auch mehrere übergelaufene ehemalige Weggefährten Gaddafis, er habe sich am Vortag mit der Regierung in Tripolis getroffen. Bei den Gesprächen habe er den drei wichtigsten Forderungen der Vereinten Nationen Nachdruck verliehen. Diese seien:

Noch immer haben die Gaddafi-Einheiten vor allem die Stadt Misurata umstellt, in der es ebenfalls eine starke Rebellen-Fraktion gibt. Aufständische berichten von massivem Raketenbeschuss und einer dramatisch schlechten humanitären Lage der Bevölkerung.

Unabhängig von der militärischen Lage erscheint Gaddafi dieser Tage mehr und mehr isoliert. Auch wenn das Regime Berichte von übergelaufenen Politikern wie dem einstigen Außenminister, der sich nach London abgesetzt hatte, vor westlichen Journalisten herunterspielt, scheint sein Machtapparat zu erodieren. Arabische Fernsehsender berichten von einem halben Dutzend einstiger Getreuer des Diktators, die in den letzten Tagen das Land verlassen hätten. Mit dem Ex-Außenminister führt die britische Regierung derzeit intensive Gespräche, er gilt als einer der wichtigsten Vertrauten Gaddafis und kann dem Ausland viele Hinweise auf das Innenleben im Machtapparat Gaddafis geben.

Trotz des Angebots eines Waffenstillstands scheinen die Rebellen an diesen nicht wirklich zu glauben. Der Führer der Aufständischen erneuerte am Freitag seine Forderungen, der Westen solle die Rebellen militärisch aufrüsten. Ohne Waffen, Kommunikationsmittel und Training sei die Amateur-Armee nicht in der Lage, sich gegen die Gaddafi-Einheiten zu wehren, sagte Dschalil. Vor der Stadt Adschdabija schien sich die Front zwar am Freitag nicht zu bewegen, doch Bengasi ist für einen möglichen Vormarsch der Regimetruppen weiterhin nicht gerüstet.

"Gaddafi hat die Lösung in der Hand", sagte ein hochrangiger Vertreter des Übergangsrats am Tag des Treffens mit dem Uno-Diplomaten, "er weiß, wo der Flughafen ist."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung