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11. Juni 2011, 11:14 Uhr

Libyen-Krise

Gaddafi-Schreiben bietet US-Abgeordneten Verhandlungen an

"Lasst uns die Zerstörung beenden und Verhandlungen aufnehmen": Der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi hat sich offenbar in einem Brief an den US-Kongress gesprächsbereit gezeigt. Das Dokument wird nun auf seine Echtheit überprüft.

Washington - Der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi hat möglicherweise in einem Brief an den US-Kongress seine Bereitschaft bekundet, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Ob das Schreiben vom 9. Juni mit der Unterschrift "Muammar Gaddafi, Kommandeur der Großen Revolution", echt ist, werde noch geprüft, schreibt die "New York Times". Das US-Außenministerium erklärte, es habe von dem Brief gehört, ihn aber bisher nicht gesehen.

Gaddafi hatte dem US-Präsidenten Barack Obama in den vergangenen zwei Jahren wiederholt geschrieben. Die "New York Times" berichtete, der jüngste Brief sei auf demselben Wege zugestellt worden wie die bisherigen Depeschen des selbsternannten libyschen Revolutionsführers. Die Zeitung hat offenbar wenig Zweifel an der Authentizität des Dokuments.

Der Autor des Briefs bedankt sich darin offensichtlich für eine jüngste Resolution, in der Obama wegen der US-Rolle beim Nato-Einsatz in Libyen ohne Genehmigung vom US-Kongress kritisiert worden war. Die Entschließung in der vergangenen Woche ging allerdings nicht so weit, eine Einstellung des US-Engagements zu fordern.

"Ich möchte meine aufrichtige Dankbarkeit für Ihre nachdenkliche Diskussion der Fragen zum Ausdruck bringen", zitiert die "New York Times" aus dem dreiseitigen Brief. "Wir bauen auf den Kongress der USA, dass er weiterhin die militärischen Aktivitäten der Nato und ihrer Verbündeten untersucht."

Weiter wird die Bereitschaft betont, sich zu Gesprächen über eine Waffenruhe an den Tisch zu setzen: "Lasst uns die Zerstörung beenden und Verhandlungen aufnehmen, um eine friedliche Lösung für Libyen zu finden." Libyen dürfe "nicht wieder von Europäern kolonisiert werden".

Ein Sprecher von John Boehner, dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses, nannte das Schreiben wirr: "Wenn dieser inkohärente Brief echt ist, bestärkt er nur darin, dass Gaddafi gehen muss."

Türkei garantiert sicheres Geleit

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat dem libyschen Machthaber inzwischen sicheres Geleit ins Exil garantiert. "Gaddafi hat keine andere Wahl als Libyen zu verlassen und zwar mit Hilfe der ihm angebotenen Sicherheiten", sagte Erdogan am Freitagabend im Fernsehen.

Die Türkei habe ihm bereits ein entsprechendes Angebot übermittelt. Um welche Garantien es sich dabei handelt, führte Erdogan nicht weiter aus. "Wir haben ihm gesagt, wir würden ihm dabei helfen, zu dem Ort seiner Wahl zu gelangen" so Erdogan. Als Nato-Mitglied würde die Türkei mit ihren westlichen Alliierten über die von Gaddafi gewünschte Exil-Lösung verhandeln. "Leider haben wir von Gaddafi immer noch keine Antwort bekommen", sagte Erdogan.

Der türkische Ministerpräsident warf dem libyschen Machthaber zudem vor, auf Zeit zu spielen. "Ich habe ihn sechs oder sieben Mal kontaktiert. Wir haben unseren Sondergesandten zu ihm geschickt, doch sahen wir uns immer wieder mit Verzögerungstaktiken konfrontiert", so Erdogan. So habe die libysche Führung einen Waffenstillstand gefordert, kurz darauf hätten die Gaddafi-Truppen aber erneut bombardiert.

Vor Beginn des Libyen-Konflikts zählte die Türkei zu den Verbündeten Gaddafis. Das muslimisch geprägte Land unterhielt enge Wirtschaftsbeziehungen zu dem nordafrikanischen Staat. Doch seit Beginn der Proteste in Libyen im Februar, die schließlich in einem Bürgerkrieg mündeten, hat sich Erdogan von Gaddafi distanziert und ihn wiederholt zum Rücktritt aufgefordert. Gaddafi hatte zuletzt erklärt, er wolle lieber als Märtyrer sterben, als sich zu ergeben.

jdl/dpa/Reuters

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