Libyen-Krise Nato stellt sich auf monatelange Kämpfe ein

Die Nato rechnet nicht mit einem schnellen Ende der Militäroperation in Libyen. In der Rebellenhochburg Adschdabija tobten auch am Freitag schwere Kämpfe. In Syrien, im Jemen und in anderen arabischen Ländern demonstrierten Tausende Regimegegner.

REUTERS

Brüssel/Tripolis/Damaskus/Sanaa/Daraa - Die Nato stellt sich auf einen rund 90-tägigen Militäreinsatz in Libyen ein, um die Flugverbotszone zu gewährleisten. Der Intervention könnte auch länger oder kürzer dauern, sagte ein Vertreter des Bündnisses am Freitag in Brüssel.

Die Kämpfe gingen mit unverminderter Härte weiter: Die USA schossen erneut Marschflugkörper vom Typ Tomahwak Richtung Libyen ab. Sie seien von Schiffen und U-Booten vor der Küste gestartet worden, hieß es aus US-Militärkreisen. Als Ziele wurden Scud-Raketenstellungen in der Nähe von Tripolis genannt.

Nach den Angriffen der Koalition waren in der libyschen Hauptstadt am Freitag laute Explosionen zu hören. Ein libyscher Militärsprecher erklärte, dass "mehrere zivile und militärische Einrichtungen in Tripolis" bombardiert worden sein. Nähere Einzelheiten nannte er nicht. Der US-Sender CNN berichtete, Kampfjets hätten Stellungen am Rand der Hauptstadt angegriffen.

Französische und britische Flugzeuge nahmen Stellungen der libyschen Regierungstruppen bei Adschabija unter Feuer. Dabei sollen Artilleriegeschütze zerstört worden sein. Ziel der Angriffe war es, die um die Stadt stationierten Rebellen zu entlasten, die seit Tagen den Truppen des Machthabers Muammar al-Gaddafi standhalten. Die Angriffe hatten offenbar Erfolg: Am Abend erreichen die Aufständischen einem Bericht des Fernsehsenders al-Dschasira zufolge die Stadt. Sie hätten viele Soldaten der Regierungstruppen als Geiseln genommen, hieß es.

Gaddafi-treue Truppen beschossen am Abend einen Außenbezirk der Stadt Misurata. Dabei kamen nach Angaben der Rebellen sechs Menschen ums Leben, darunter drei Kinder.

Frankreich: Luftraum in Libyen unter Kontrolle

In Adschdabija lieferten sich Rebellen und Truppen Gaddafis schwere Artillerie-Gefechte. Von der Stadt aus wird die Küstenstraße beherrscht, auf der noch vor Wochenfrist die Regierungstruppen in Richtung der Rebellenhochburg Benghasi vorgerückt waren. Nun drängen die Aufständischen die Soldaten des Machthabers zurück und wollen auf Tripolis marschieren. Der Sprecher der Rebellen, Mustafa Gheriani, sagte, er rechne mit der Einnahme der Stadt Adschdabija entweder noch am Freitag oder am Samstag. Die Luftschläge würden die gegnerischen Kräfte schwächen, vor allem aber ihre Kampfmoral.

In Bengasi gingen die Bemühungen um den Aufbau schlagkräftiger bewaffneter Kräfte der Aufständischen weiter. Der arabische Nachrichtensender Al-Arabija zeigte ein Militärlager, in dem junge Männer an der Waffe ausgebildet werden. Der Nationalrat, das Gegenparlament der Gaddafi-Gegner, hatte erklärt, dass die Regimegegner über rund tausend eigene Milizionäre verfügen.

Afrikanische Union bezeichnet Forderungen der Rebellen als "legitim"

Die Vereinigten Arabischen Emirate stellen zwölf Kampfflugzeuge für den Libyen-Einsatz ab. Die Emirate sind das zweite arabische Land nach Katar, das sich an der Operation beteiligt. Flugzeuge aus Katar sollen erstmals an diesem Wochenende Patrouillenflüge über Libyen unternehmen.

Am Freitag hat sich auch die Afrikanische Union (AU) in die Libyen-Krise eingeschaltet. AU-Vertreter schlugen eine Übergangsperiode für Libyen vor, in der demokratische Wahlen vorbereitet werden sollten. In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba traf eine libysche Regierungsdelegation mit Vertretern von fünf afrikanischen Staaten zusammen, um einen Fahrplan zu erörtern, nach dem politische Reformen in Libyen umgesetzt werden könnten.

Nato soll Kommando beim Libyen-Einsatz übernehmen

Unterdessen steht eine Einigung über die Leitung aller internationalen Militäraktionen in Libyen offenbar kurz bevor. Die Nato soll laut der US-Regierung das Kommando übernehmen. Man habe sich auch über das Kommando zum Schutz der Zivilbevölkerung geeinigt, sagte US-Regierungssprecher Jay Carney am Freitag in Washington. Allerdings müssten noch militärische Details geklärt werden.

Die Nato teilte am Freitagabend mit, der kanadische Generalleutnant Charles Bouchard übernehme das Kommando für den Militäreinsatz in Libyen zur Überwachung der Flugverbotszone und des Waffenembargos. Der Drei-Sterne-General werde auch die Führung der gesamten Militärintervention übernehmen, wenn sich die Nato darauf einigen sollte, das Kommando über alle Aspekte des Einsatzes zu übernehmen. Der Einsatz wird vom operativen Hauptkommando der Nato bei Neapel koordiniert.

Zunächst hatte die "Koalition" am späten Donnerstagabend lediglich beschlossen, das Kommando zur Überwachung der Flugverbotszone von den USA an die Nato zu übergeben. Über das Kommando zum Schutz der Zivilbevölkerung hatte es dagegen zunächst keine Einigung gegeben.

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Seite 1
pragmat 25.03.2011
1. Und ich dachte immer....
Zitat von sysopDie Nato rechnet nicht mit einem schnellen Ende der Militäroperation in Libyen. In der Rebellenhochburg Adschdabija tobten auch am Freitag schwere Kämpfe. In Syrien, im Jemen und in anderen arabischen Ländern demonstrierten Tausende Regimegegner. Die Ereignisse des Tages im Minutenprotokoll. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,753270,00.html
... in Libyen sei ein Volksaufstand im Gange, der den Diktator mit Unterstützung der UN hinwegfegt. Mir raucht schon der Kopf. Ob mir da irgendwas entgangen ist?
lupodo 25.03.2011
2. Au weia
Zitat von sysopDie Nato rechnet nicht mit einem schnellen Ende der Militäroperation in Libyen. In der Rebellenhochburg Adschdabija tobten auch am Freitag schwere Kämpfe. In Syrien, im Jemen und in anderen arabischen Ländern demonstrierten Tausende Regimegegner. Die Ereignisse des Tages im Minutenprotokoll. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,753270,00.html
Wenn jetzt schon vorab von Monaten gesprochen wird, wirds kritisch. In Afganistan u. Irak hatte man ja schon nach sehr kurzer Zeit den Krieg für beendet erklärt. Wir wissen heute etwas mehr. In der Zwischenzeit können beide Seiten ihren Nachschub organisieren. Den Gaddafi nicht vergessen , der zahlt besser.
team_gleichklang_de 25.03.2011
3. AU hat Recht, Rebellen lehnen Verhandlungen ab
Die Afrikanische Union hat Recht, dass Libyen einer Transitionsphase bedarf, in der ein Waffenstillstand besteht die Menschenrechte geachtet werden. Die Rebellen haben aber erklärt, sie lehnten jedwedige Verhandlungen ab. In dieser Position werden sie offenbar durch den Westen und den Luftkrieg, den er führt, unterstützt. Dies blockiert eine mögliche firedliche Entwicklung mag am Ende zu bei Weitem mehr Menschenrechtsverletzungen und Toten führen als derzeit absehbar. Verhanldungen zwischen Regierung und Rebellen und zivilen Kräften sind erforderlich. Sie abzulehnen, ist Wahnsinn, es sei denn es geht einem nur um die Macht, egal wie hoch der Preis an Menschenleben ist. Es sollte nicht einer gewinnen, den anderen ausschalten und Rache nehmen, sondern die Opponenten sollten sich in freien Wahlen dem Volk stellen. Dann kann und wird das Volk entscheiden, was und wen es will und was und wen nicht. Dies ist die einzig mögliche Strategie, die Druck auf beide Seiten verlangt.
prandtner 25.03.2011
4. Neusprech auf S.P.O.N.
"Ziel der Angriffe war es, die um die Stadt stationierten Rebellen zu entlasten, die seit Tagen der Belagerung durch Truppen des Machthabers Muammar al-Gaddafi standhalten." Das hat etwas von Orwell's "1984". Wenn Truppen der Rebellen um die Stadt stationiert sind, belagern ja wohl die Rebellen die Stadt, die von Gaddafis Truppen gehalten wird. Wer innen ist, wird belagert, wer draussen ist, ist der Belagerer. Man darf das nur nicht zugeben, weil unter diesen Bedingungen natürlich keine Rede davon sein kann, dass die Luftangriffe die Zivilbevölkerung in Adschdabija schützen. Die Alliierten unterstützen eine Belagerung, die für die Zivilbevölkerung gefährlich ist. Dazu auch n-tv: http://www.n-tv.de/politik/NATO-erwartet-laengeren-Kampf-article2945381.html "Der Sprecher der Rebellen, Mustafa Gheriani, sagte, er rechne mit der Einnahme von Adschdabija entweder noch am Freitag oder am Samstag. Die Luftschläge würden die gegnerischen Kräfte schwächen, vor allem aber ihre Kampfmoral." Wenn man die Luftwaffe der Rebellen sein will, damit die in drei Monaten Tripolis einnehmen, sollte man das vielleicht zugeben und ein anderes UN-Mandat suchen, aber nicht unter der falschen Flagge des jetzigen UN-Mandats segeln. Sonst spielt man Russland und China aussenpolitisch ein Riesenpfund in die Hände.
prandtner 25.03.2011
5. Misurata
Es ist heute in allen westlichen Medien so still um Misurata. Nachdem die Stadt gestern noch schwer umkämpft war, scheint mir das verdächtig. Könnte es sein, dass Gaddafis Truppen die Stadt jetzt kontrollieren? Das wäre eine schwere Niederlage der westlichen Militäroperation, weil Misurata wegen seiner Grösse und relativen Nähe zu Tripolis von strategischer Bedeutung ist. Ausserdem würde eine solche Entwicklung die Kampfmoral von Gaddafis Truppen erheblich stärken.
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