SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

12. Juni 2011, 20:21 Uhr

Libyen-Krise

Rebellen kämpfen sich Richtung Tripolis vor

Im Westen Libyens liefern sich Truppen des Machthabers Muammar al-Gaddafi und Rebellen erneut heftige Gefechte. Die Aufständischen haben sich in die Nähe der Hauptstadt vorgekämpft. Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs hofft nun auf eine Festnahme des Diktators.

Tripolis/Kairo - Die Kämpfe zwischen Aufständischen und Truppen des Machthabers Muammar al-Gaddafi verlagern sich zunehmend in den Westen Libyens - und in die Nähe der Hauptstadt. Rebellen griffen am Sonntag Regimestreitkräfte zwischen Jafran, 110 Kilometer südwestlich von Tripolis, und Sintan an, berichtete ein Reporter des Nachrichtensenders al-Dschasira aus dem Konfliktgebiet.

"Sie hatten die Gaddafi-Truppen schon ziemlich in die Enge getrieben, aber die Gaddafi-Truppen haben schwere Waffen", sagte er. Die Aufständischen kontrollieren weitgehend den Kamm des Nafusa-Gebirges, der von der tunesischen Grenze bei Wasin bis nach Jafran und in das südliche Hinterland von Tripolis reicht.

Aktiv wurden die Rebellen am Wochenende auch in der Küstenstadt Sawija, 50 Kilometer westlich von Tripolis. Sie starteten am Samstag einen Überraschungsangriff auf Regierungstruppen, wie ein Reporter der "Washington Post" berichtete. Die Kämpfe hätten auch am Sonntag angedauert, meldeten Oppositionelle. Dabei habe es mehrere Tote gegeben. Rund 20 Gaddafi-Soldaten seien gefangen genommen worden.

Sawija liegt an der Hauptstraße von Tripolis zur tunesischen Grenze bei Ras al-Dschadir. Diese ist die Hauptversorgungslinie für das Regime. Im März war dort eine Revolte der Gaddafi-Gegner blutig niedergeschlagen worden.

Regierungssprecher Mussa Ibrahim beeilte sich, die Zusammenstöße herunterzuspielen. Die Rebellen säßen "in der Falle" und "stellen keine Gefahr für uns dar", sagte er in der Nacht zum Sonntag vor Journalisten in Tripolis. Dennoch war die Hauptstraße nach Ras al-Dschadir gesperrt. Reisende mussten umständliche Umwege durch das Hinterland auf sich nehmen.

Das libysche Staatsfernsehen zeigte am Sonntag Bilder von Gaddafi mit dem Chef des Internationalen Schachverbandes Fide, Kirsan Iljumschinow. Die russische Agentur Inferfax zitierte den Russen mit den Worten, er habe mit Gaddafi am Sonntag eine Partie Schach gespielt. "Dabei hat Gaddafi betont, dass er Libyen nicht verlassen wird", sagte Iljumschinow. Der Diktator werde auch nicht zurücktreten. "Er hat gesagt: 'Ich bin weder Premier, noch Präsident, noch König. Ich habe kein Amt inne und kann demzufolge keins abgeben'", so Iljumschinow.

Das Treffen habe zwei Stunden gedauert, erzählte der Verbandschef. Es habe in einem Bürogebäude der libyschen Hauptstadt stattgefunden. Auch mit Gaddafis ältestem Sohn Mohammed, der Libyens Nationales Olympisches Komitee (NOK) leitet, habe er in aller Ruhe eine Partie gespielt. Iljumschinow gilt als höchst exzentrisch. So hatte der 49-Jährige im russischen Staatsfernsehen von einem Besuch bei Außerirdischen erzählt.

Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, Luis Moreno-Ocampo, äußerte derweil die Hoffnung, dass Gaddafi in den kommenden Wochen von seinen eigenen Anhängern festgenommen werde. "Wir hoffen, dass der Haftbefehl bald ausgestellt wird und dass Gaddafi vom libyschen Volk gefasst und festgesetzt wird", sagte Moreno-Ocampo der spanischen Zeitung "El Mundo". Er setze darauf, dass Libyens Machthaber "von den Seinen, von Leuten des Regimes" festgenommen werde. Anderenfalls müsse der Nationale Übergangsrat der Rebellen dies übernehmen.

Moreno-Ocampo hatte Mitte Mai Haftbefehle wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al-Islam und den libyschen Geheimdienstchef Abdullah Sanussi beantragt.

jdl/dpa/AFP

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung