Libyen-Liveticker Erbitterte Kämpfe fordern viele Tote

18 Menschen sind bei schweren Gefechten in Misurata ums Leben gekommen. Auch in der Hafenstadt Ras Lanuf fordern die Kämpfe viele Tote und Verwundete. SPIEGEL-Reporter Clemens Höges berichtet aus dem Krankenhaus. Die Ereignisse des Tages im Liveticker.


+++ Uno fordert sofortigen Zugang zu Angriffsopfern +++

[22.50 Uhr] Die Vereinten Nationen haben von al-Gaddafi den sofortigen Zugang zu den Opfern von Bombenangriffen in der Stadt Misrata verlangt. "Die Hilfsorganisationen brauchen jetzt einen Not-Zugang", hieß es am Sonntag in einer Erklärung der UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos. In der Stadt 150 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis gebe es Menschen, die "verletzt sind und im Sterben liegen und sofort Hilfe brauchen". "Ich rufe die Behörde auf, den Zugang ohne Aufschub zu erlauben, um es den Helfern zu ermöglichen, Leben zu retten", fügte Amos hinzu. Sie sei "sehr beunruhigt" über die aktuellen Geschehnisse im Westen Libyens.

+++ Auch US-Senator McCain spricht sich für Flugverbotszone aus +++

[21.10 Uhr] Die Diskussionen in den USA über ein Flugverbot gehen weiter: nun sprach sich auch US-Senator John McCain für eine "No-Fly-Zone" aus. Der Stabschef des Weißen Hauses, William M. Daley sprach in einem Interview mit dem US-Sender NBC hingegen davon, viele Menschen sprächen von einem Flugverbot "wie von einem Videospiel".

+++ Zivilisten als menschliche Schutzschilde +++

[20 Uhr] Die Rebellen sollen im Häuserkampf Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzen. Das berichtet das libysche Staatsfernsehen unter Berufung auf Quellen aus dem Militär.

+++ Rebellen lassen britische Elitesoldaten laufen +++

[19.30 Uhr] Ein Team von acht Soldaten, die einen Diplomaten begleiteten, ist nach Angaben des britischen Außenministeriums wieder frei. Die Männer hätten die Stadt Bengasi demnach am Sonntagmachmittag verlassen und sind auf auf einem britischen Kriegsschiff auf dem Weg nach Malta.

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Kämpfe in Libyen: Gewehrsalven, Jubelfeiern und Wüstensand
+++ Misurata und Sawija sind wieder befreit +++

[18.20 Uhr] Oppositionelle der Übergangsregierung melden, die Rebellen hätten die Städte Misurata und Sawija wieder zurückerobert, berichtet Reuters.

+++ USA debattieren über Flugverbot +++

[18.14 Uhr] Die USA und ihre Verbündeten sollten nach Ansicht von US-Senator John Kerry eine Flugverbotszone über Libyen vorbereiten. Ohne eine internationale Einigung sollte ein Flugverbot aber nicht in Kraft treten, sagte der Vorsitzende des Ausschusses für auswärtige Beziehungen im US-Senat dem Fernsehsender CBS. Außerdem sollte ein Vorgehen gegen die libysche Luftwaffe nur als Reaktion auf Angriffe auf Zivilisten vonseiten der regimetreuen Truppen in Erwägung gezogen werden. Anders als US-Verteidigungsminister Robert Gates betrachte er ein Flugverbot nicht als militärische Intervention in Libyen, sagte Kerry. Gates hatte vor wenigen Tagen erklärt, eine Flugverbotszone über dem nordafrikanischen Land käme einem Krieg gleich: Nur mit einem kriegerischen Akt könne die libysche Luftwaffe am Boden gehalten werden.

+++ Dutzende Verletzte und Tote in Ras Lanuf +++

[18.01 Uhr] SPIEGEL-Reporter Clemens Höges berichtet aus dem Krankenhaus der Hafenstadt Ras Lanuf. Laufend fahren Ambulanzen vor und liefern Dutzende Verletzte der Gefechte ein. "Fünf Verwundete des Gefechts um Ben Dschawad sind hier gestorben. Und es kommen immer mehr Krankenwagen. Die Kämpfer vor dem Krankenhaus sind extrem aufgewühlt", schreibt Höges. "Einer brüllt herum, mit einer Handgranate in der Hand."

+++ 18 Menschen sterben bei Gefechten in Misurata +++

[17.53 Uhr] Die Nachrichtenagentur Reuters meldet, 18 Menschen, darunter ein Kleinkind, seien bei einem Gefecht in Misurata ums Leben gekommen. Ein Arzt, der im Krankenhaus von Misurta arbeitet, habe am Telefon gesagt: "Wir haben 18 Tote, aber die Zahl ist nicht endgültig. Wir haben so viele Verwundete, dass ich sie nicht einmal zählen kann." Unter den Toten seien Rebellen sowie Zivilisten.

+++ Sawija weiterhin ohne Telefon- und Internetverbindung +++

[17.20 Uhr] Die Oppositionellen, die Libyens Übergangsregierung gebildet haben, treten in Twitter nun offenbar unter dem Namen "Libyan TNC" auf ("Lybian Transitional National Council"). Über den Kurznachrichtendienst melden sie, die Internet- und Telefonleitungen in Sawija seien weiterhin tot. Gaddafis Truppen hatten sie beim Einmarsch in die Stadt gekappt.

+++ Rebellen schlagen Gaddafi-Truppen in Misurata zurück +++

[16.46 Uhr] In Misurata, 200 Kilometer östlich der Hauptstadt, haben Aufständische offenbar Truppen des Regimes zurückgedrängt. Die Armee war um die Mittagszeit mit Panzern ins Stadtzentrum vorgerückt. Ein Bewohner Misuratas meldete telefonisch der Nachrichtenagentur Reuters: "Die Rebellen haben 20 Soldaten gefangen genommen und ein Panzerfahrzeug erobert. Die Stadt ist nun vollständig unter der Kontrolle der Jugendlichen." Doch wie die Lage in Misurata wirklich ist, lässt sich, ebenso wie in anderen Städten, nur schwer beurteilen. Die Kämpfe toben weiter.

+++ Anhänger feiern in einem Paralleluniversum +++

[16.29 Uhr] In der Hauptstadt Tripolis liefert Gaddafis Propagandamaschinerie eine wahre Glanzleistung ab: Anhänger im Stadtzentrum feiern weiterhin Siege über eroberte Städte - die in Wahrheit noch unter der Kontrolle der Rebellen sind. "Sie feiern schon das Ende eines Krieges, der aber noch nicht beendet ist", berichtet eine Reporterin von al-Dschasira.

+++ Ben Dschawad: Verstärkungen der Rebellen rücken an +++

[16.12 Uhr] SPIEGEL-Reporter Clemens Höges hat sich aus der Kampfzone zurückgezogen. Ihm kommen aber eine ganze Reihe Rebellen entgegen. Sie wollen ihre Truppen vor Ben Dschawad verstärken. "Der Tag ist noch lange nicht vorbei", schreibt Höges. "Wenn die Rebellen Ben Dschawad nicht zurückerobern, hätten Gaddafis Truppen zum ersten Mal hier im Osten diesen schnellen Vormarsch gestoppt."

+++ Erbitterter Kampf um Ben Dschawad +++

[15.48 Uhr] Höges ist kurz hinter der Front vor Ben Dschawad, wo sich Aufständische und Gaddafi-Anhänger einen erbitterten Kampf um die Stadt liefern. Soeben ist eine Granate neben ihm runtergekommen. Offenbar ziehen sich die Rebellen wieder etwas zurück: "Es geht hin und her", schreibt Höges. "Krankenwagen rasen mit jaulenden Sirenen zwischen den Kolonnen der Kampfwagen durch, zurück nach Ras Lanuf. Wir fahren hinter ihnen her und bleiben außer Schussdistanz, soweit ich das abschätzen kann. Das Ding eben war viel zu nahe dran, hundert Meter vielleicht. Ich bin gesprungen."

+++ Rebellen wollen sich Ben Dschawad zurückholen +++

[15.17 Uhr] Höges schreibt: "Ich sehe ein paar Kilometer vor mir schwere Gefechte, ernsthafte Artillerie, irgendetwas Großes brennt schwarz. Die Druckwellen spüre ich bis hier. Es sieht aus, als gingen die Rebellen vor, um sich die Stadt zurückzuholen." Zuvor hatten sich die Rebellen aus der Stadt zurückgezogen, nachdem sie von den Truppen schwer attackiert worden waren. Dabei sind mindestens zwei Menschen ums Leben gekommen.

+++ Gaddafis Propagandamaschine läuft auf Hochtouren +++

[14.59 Uhr] Freudenschüsse über Tripolis, im Fernsehen verkündet ein Laufband, welche Städte Libyens von der Armee "befreit" worden seien. Dann werden Bilder von Demonstranten gezeigt, die Bilder Gaddafis in die Höhe halten. Die Propagandamaschine im Kampf gegen die Rebellen läuft weiterhin auf Hochtouren: Der Gaddafi-treue Fernsehsender El Libya etwa meldete, Ras Lanuf sowie Misurata im Westen und Tobruk im Osten seien unter Kontrolle der Regierung und ihre Truppen rückten nun auf Bengasi vor. Am Sonntagmorgen flog die Luftwaffe zwei Angriffe auf Posten der Aufständischen in Ras Lanuf, wobei nach Angaben der Gaddafi-Gegner jedoch niemand verletzt wurde. Auch nach Beobachtungen von AFP-Reportern in Ras Lanuf war die Stadt weiter in Hand der Aufständischen. Mehrere Rebellenvertreter in Ras Lanuf und Tobruk bestritten, dass Gaddafis Truppen die Städte zurückerobert hätten.

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takeo_ischi 06.03.2011
1. .
Zitat von sysopDie Meldungen über Eroberungen und Rückeroberungen libyischer Städte überschlagen sich. Aufständische und Gaddafi-Anhänger liefern sich vielerorts heftige Gefechte. Rebellen berichten, sie hätten im Osten des Landes einen Helikopter der Regierungstruppen abgeschossen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749309,00.html
Könnte man sich bitte endlich auf eine einheitliche Bezeichnung der Kriegsparteien einigen. In einem Bericht sind die 'Aufständischen' die 'Rebellen' im nächsten dann wieder die 'Regierungstruppen'. Dann sind wiederum die 'Regierungstruppen' mal die von Gadaffi und mal die der Übergangsregierung der anderen Clans. Verwirrender geht es nicht. Bitte irgendwas eindeutigeres überlegen, liebes SPON.
Kaworu 06.03.2011
2.
Na, exportiert die EU noch weiter fleißig Waffen nach Libyen? Oder hat sich da endlich mal was getan?
Bayerr, 06.03.2011
3. Es scheint,
dass die Nationen die sonst Freiheit und Demokratie am Hindukusch verteidigen, diesmal lieber im Fernsehsessel zuschauen, wie ein Verrückter sein Volk zusammenschießt. Er ist wahrscheinlich ein berechenbarer Öllieferant, bei den anderen weiß man ja nie...
2010sdafrika 06.03.2011
4. Gaddafi eine Schande für sich selbst !
Es ist äußerst tragisch und traurig zugleich, dass ein solcher Mann wie Gaddafi das Land Libyen Jahrzehnte lang regiert hat(te). Wer sich mit dem Leben von Gaddafi beschäftigt hat, der weiß, dass dieser Mensch stets nach Herausforderungen suchte, die zwischen Banalität und Irrsinn anzutreffen sind. Dementsprechend würde es mich nicht wundern, so die Aussagen einiger arabischer Medien, dass der Revolutionsführer Gefallen an der jetzigen Situation findet, um seine Stärke und Willenskraft unter Beweis zu stellen. Ich hoffe, das libysche Volk wird wie in Tunesien zumindest bei der Abdankung des Staatsoberhauptes siegen wird: http://2010sdafrika.wordpress.com/2011/01/16/burgerkrieg-droht-in-tunesien-lybiens-blogger-mobilisieren-volk/.
wolfman11 06.03.2011
5. Es wird Zeit ...
Zitat von sysopDie Meldungen über Eroberungen und Rückeroberungen libyischer Städte überschlagen sich. Aufständische und Gaddafi-Anhänger liefern sich vielerorts heftige Gefechte. Rebellen berichten, sie hätten im Osten des Landes einen Helikopter der Regierungstruppen abgeschossen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749309,00.html
... das die USA endlich eingreifen und die Flugverbotszone durchsetzen. Und zwar nur das. Das die US Navy hierzu mit dem vorhandenen Träger absolut die Möglichkeit hat sollte niemand bezweifeln. Woran es fehlt ist bisher noch der Wille. Das libysche Volk jedenfalls hat endlich wirkliche Hilfe verdient.
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