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Saif al-Islam al-Gaddafi: Diktatorensohn vor dem Prozess

Foto: Ammar El-Darwish/ AP

Libyen Menschenrechtler beklagen Haftbedingungen von Gaddafis Sohn

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erhebt schwere Vorwürfe gegen Libyens neue Machthaber. Gaddafis Sohn Saif al-Islam sitzt demnach seit Wochen in Isolationshaft, ohne Zugang zu Anwälten. Zudem seien ihm zwei Fingerkuppen wegen Wundbrands amputiert worden.

London - Schon im kommenden Monat könnte der Prozess gegen den Mann beginnen, dessen Inhaftierung in Libyen Jubelschreie auslöste: Saif al-Islam al-Gaddafi, ältester Sohn des getöteten Despoten Muammar al-Gaddafi, muss sich laut einem Bericht der britischen "Times" offenbar schon bald vor Gericht verantworten. Dem 39-Jährigen werden Kriegsverbrechen und Korruption vorgeworfen.

Human Rights Watch (HRW) zufolge gibt es aber handfeste Gründe für Kritik an den Haftbedingungen, unter denen das frühere Sprachrohr des Diktatorenregimes in einem Gefängnis in der libyschen Stadt Sintan einsitzt. Gaddafi habe keinerlei Zugang zu Anwälten und befinde sich in Isolationshaft, berichtete die Zeitung unter Berufung auf die Menschenrechtsorganisation.

HRW-Mitarbeiter konnten Gaddafi demnach in der vergangenen Woche für rund 30 Minuten besuchen. Dem Häftling seien die obersten Glieder von rechtem Zeigefinger und Daumen amputiert worden. Gaddafi habe dies damit erklärt, dass es zu Wundbrand an den Handverletzungen gekommen sei, die er zuvor bei einem Nato-Luftangriff erlitten hatte. Ein weiterer Finger sei verletzt, hieß es.

Gaddafi klagt über Isolationshaft

Gaddafi beklage sich vor allem darüber, dass er in Isolationshaft festgehalten werde, berichtete die "Times". Omran Eturki, Chef der Rebellenregierung in Sintan, erklärte, dass der Gefangene derzeit noch verhört werde. Er dürfe erst nach der Befragung mit Anwälten sprechen. "Das ist nicht meine Entscheidung, das sind libysche Regeln", sagte Eturki der "Times".

Laut Human Rights Watch dagegen entspricht es internationalen Standards, dass Häftlingen innerhalb von 48 Stunden nach ihrer Festnahme Zugang zu Anwälten gewährt wird.

Sintan-Brigaden hatten Gaddafi am 19. November im Süden des Landes festgenommen, er war offenbar im Begriff, ins Nachbarland Niger zu flüchten. Die Brigaden hatten ihn anschließend nach Sintan gebracht. Sintan, in den Nafusa-Bergen im Westen Libyens gelegen, war eine der ersten Städte, die sich im vergangenen Februar offen gegen das Gaddafi-Regime stellten.

Bislang gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass die Milizionäre ihren Häftling an den Nationalen Übergangsrat in Tripolis überstellen. Die Sintan-Miliz gilt auch in der Hauptstadt als einflussreich: Einen Tag nach der Festnahme von Saif al-Islam al-Gaddafi wurde Osama al-Juwali zum Verteidigungsminister ernannt - seine Einheiten hatten den Gaddafi-Sohn gefasst.

Gaddafi-Tochter will Internationalen Strafgerichtshof einschalten

Vertreter der neuen politischen Führung in dem nordafrikanischen Land hatten früh signalisiert, dass sie Gaddafi nicht an den Internationalen Strafgerichtshof nach Den Haag ausliefern, sondern ihm in der Heimat den Prozess machen wollen. Bei einem Verfahren in Libyen droht Gaddafi die Todesstrafe. Human Rights Watch zufolge behaupten libysche Offizielle, "sehr starke Beweise" gegen Gaddafi zu haben.

Abdul Rachman Busin, Sprecher des Nationalen Übergangsrats, erklärte laut "Times", dass Gaddafi innerhalb der kommenden Tage Kontakt zu seinem Anwalt bekommen solle. Der Prozess werde "möglicherweise bereits im Januar" beginnen.

Die Gaddafi-Familie hat den israelischen Anwalt Nick Kaufman engagiert. Laut einem Bericht des "Guardian" will Aischa al-Gaddafi, Tochter des früheren Diktators, erwirken, dass der Internationale Strafgerichtshof die genauen Umstände des Todes ihres Vaters untersucht. Kaufman hat demnach einen Brief an das Gericht geschickt, in dem er schreibt, dass seine Mandantin "schweren seelischen Belastungen" durch die Bilder zum Tod von Muammar al-Gaddafi ausgesetzt gewesen sei. Der langjährige Machthaber und sein Sohn Mutassim seien "auf entsetzlichste Weise ermordet" worden, die Leichen seien anschließend unter Missachtung islamischen Rechts auf "groteske Weise missbraucht" worden.

Muammar al-Gaddafi war am 20. Oktober bei einem Gefecht in Sirt ums Leben gekommen. Der Diktator starb durch einen Kopfschuss. Bilder zeigten damals das blutüberströmte Haupt des langjährigen Diktators. Später wurde er zusammen mit seinem Sohn Mutassim an einem unbekannten Ort in der Sahara beigesetzt.

hen