Libyen nach Gaddafi Reich wie Dubai, zerrissen wie der Irak

Libyens neue Führer stehen vor einer gigantischen Aufgabe: Ein von Diktatur und Krieg geschundenes Land muss auf Kurs gebracht werden. Aus dem ölreichen Staat könnte ein zweites Dubai werden - oder es kommt wie im Irak zum Bürgerkrieg.

Libyerin bejubelt Ende Gaddafis: Wohin treibt das ölreiche Land?
AP

Libyerin bejubelt Ende Gaddafis: Wohin treibt das ölreiche Land?

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Am Samstag wird Libyen für befreit erklärt, in einem Monat soll die neue Übergangsregierung in Tripolis stehen, im kommenden Juni dann ein Nationalkongress die Weichen für den kompletten Neuanfang stellen: Libyens am Donnerstag getöteter Ex-Herrscher Muammar al-Gaddafi war noch nicht bestattet, da skizzierte die Übergangsregierung in Tripolis bereits einen ehrgeizigen Plan, wie sie das nordafrikanische Ölland nach jahrzehntelanger Diktatur zu einer modernen Demokratie führen will. "Es ist an der Zeit, ein neues Libyen zu starten, ein geeintes Libyen", erklärte Ministerpräsident Mahmud Dschibril. "Ein Volk, eine Zukunft."

Acht Monate lang hatte der Bürgerkrieg in Libyen die Regierung der Rebellen an grundlegender Arbeit gehindert. In Bengasi, später in der Hauptstadt Tripolis und in den westlichen Hauptstädten, in denen die Rebellenführer hofiert wurden: Immer wurde für den Tag danach geplant, den Tag nach dem Sturz Gaddafis. Nachdem der Despot nun ums Leben gekommen ist, soll der Erfolg der Aufständischen schnell zementiert werden. Die kommenden Wochen werden darüber entscheiden, ob das ölreiche Libyen den Weg hin zu einem neuen Dubai einschlägt - oder ob es zu einem zweiten Irak wird.

42 Jahre lang wurde das Land durch die Herrschaft Gaddafis heruntergewirtschaftet, dann folgte der kräftezehrende Bürgerkrieg: Genügend Faktoren, die das frisch befreite Libyen vom Weg in eine bessere Zukunft abbringen könnten. Eine der größten Gefahren für das Land geht von den jetzt nicht mehr benötigten jungen Kämpfern aus, die wieder in eine zivile Gesellschaft eingegliedert werden müssen. "Da ist in den vergangenen Monaten eine Kultur des Kämpfertums und Märtyertums entstanden", sagt Thomas Hüsken, Ethnologe an der Universität Bayreuth. Diese durch Erfahrungen mit der Gewalt verrohten jungen Männer müssten zügig in eine neue, reguläre Armee integriert werden oder bräuchten einen Job, mahnt Hüsken. Sonst drohten Zustände wie in Staaten jenseits der Sahara: "Da kann der bewaffnete Kampf dann schnell zur Selbstverständlichkeit werden."

Die oft beschworene Gefahr eines durch die Stämme angezettelten neuen Bürgerkriegs sieht Hüsken, der sich auf die Erforschung libyscher Stämme spezialisiert hat, jedoch nicht. "Auch die Stammesführer sind pragmatische Machtpolitiker", sagt der Ethnologe. Ein Krieg sei von keinem Stamm zu gewinnen. Der Ölreichtum dürfte Libyen vor einem Dauerkrieg bewahren. "Alle haben ein Interesse daran, dass die Pfründe verteilt werden können", sagt Hüsken.

Erschwert wird die Lage jedoch durch die inzwischen flächendeckende Verteilung von geplünderten Waffen aus Gaddafis Beständen. Sie sind mittlerweile auch international eine Gefahr. Vergangene Woche hatten ägyptische Sicherheitskräfte auf der Sinai-Halbinsel Boden-Luft-Raketen aus libyschen Beständen sichergestellt. Anscheinend hatten Schmuggler versucht, diese in den Gaza-Streifen zu bringen, wo die radikalislamische Hamas sie gegen die israelische Luftwaffe einsetzten könnte.

Rebellen aus Westlibyen übernehmen die Führung

Unter den Dutzenden Milizen, die sich für den Kampf gegen das Gaddafi-Regime zusammengeschlossen hatten, droht nun ein Kampf um die Macht im entstehenden neuen Militärapparat. Zersplittert in Dutzende sogenannte Brigaden, die meist nach den Heimatstädten der Kämpfer benannt sind, werden die Kommandeure unter dem Hinweis auf ihre Erfolge bei den Kämpfen darauf drängen, in der Rangordnung auch künftig ganz weit oben zu stehen. Dabei geraten die Revolutionäre der ersten Stunden, also die Kämpfer aus Ostlibyen rund um Bengasi, immer mehr ins Hintertreffen.

In der Führung sind stattdessen immer mehr Rebellen aus Westlibyen dominant. Aufständische aus der Stadt Misurata, die Gaddafi am Donnerstag getötet hatten, dürften versuchen, aus diesem Triumph politisches Kapital zu schlagen. Das zeigte sich schon im Umgang mit Gaddafis Leiche: Statt sie in die Hauptstadt Tripolis zu bringen, zogen die sogenannten Misurata-Brigaden am Donnerstag mit dem Leichnam durch die zerschossenen Straßen ihrer Heimatstadt. Das Symbol war eindeutig - aus ihrer Sicht hat niemand anders als die mutigen Kämpfer aus Misurata die wichtigen Siege der Revolution errungen.

Vor enormen Herausforderungen steht Libyen auch bei der Besetzung der wichtigsten politischen Ämter: Der Nationale Übergangsrat muss glaubwürdige Führer finden, die es schaffen, sowohl die konservativen Islamisten als auch die westlich orientierten säkularen Kräfte einzubinden. Mahmud Dschibril, der seit der Bildung des Übergangsrats in Bengasi an dessen Spitze stand, fällt dabei aus: Nachdem er von verschiedenen Rebellenfraktionen als zu westlich kritisiert worden war, kündigte er Ende September an, nach Festnahme oder Tod Gaddafis nicht länger zur Verfügung zu stehen. Damit verlieren die Rebellen ausgerechnet den Mann, der bei westlichen Regierungen die Anerkennung ihres Rates durchgesetzt hat und von Washington bis Berlin höchstes Ansehen genießt.

Unklar ist auch, welche Rolle Mustafa Abd al-Dschalil, der bisherige Präsident des Übergangsrats, künftig spielen kann. Zwar hatte sich Gaddafis ehemaliger Justizminister schon frühzeitig den Rebellen angeschlossen, doch die Kritik an seiner Rolle als ehemaliger Handlanger des Diktators verstummte nicht. Jetzt, da kein äußerer Feind die Rebellen mehr zusammenschweißt, könnte er weiter an Rückhalt verlieren.

Wer Dschalil und Dschabril an der Spitze ersetzten könnte, ist auch für Libyen-Experten unklar. "Die mutigen und optimistischen jungen Leute, die die eigentliche treibende Kraft hinter der libyschen Revolution sind, halten Ausschau nach neuen Gesichtern, sie zu führen. Aber noch haben sich diese nicht gezeigt", schreibt Abd al-Bari Atwan, Chefredakteur der in London erscheinenden Zeitung "Al-Kuds al-Arabi".

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Monty68 21.10.2011
1. ??
Soll das ein Witz sein?
Triple_AAA 21.10.2011
2. Da
Zitat von sysopLibyens neue Führer stehen vor einer gigantischen Aufgabe: Ein von Diktatur und Krieg geschundenes Land muss auf Kurs gebracht werden. Aus dem ölreichen Staat könnte ein zweites Dubai werden - oder es kommt wie im Irak zum Bürgerkrieg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793222,00.html
wirds jetzt ein Hauen und Stechen geben, wahrscheinlich auch mit westl. Unterstützung.
haemoride 21.10.2011
3. Chaos
Zitat von sysopLibyens neue Führer stehen vor einer gigantischen Aufgabe: Ein von Diktatur und Krieg geschundenes Land muss auf Kurs gebracht werden. Aus dem ölreichen Staat könnte ein zweites Dubai werden - oder es kommt wie im Irak zum Bürgerkrieg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793222,00.html
Wird die nächsten Jahrzehnte die Entwicklung von Ex-Jugoslawien nehmen - und wenn dann das Öl "Alle" ist geht der grosse Katzenjammer los - Back to the camel !
berteb 21.10.2011
4. "42 Jahre lang wurde das Land durch die Herrschaft Gaddafis heruntergewirtschaftet"
Lieber SPON-Autor:Bitte belegen Sie diese Aussage.
syracusa 21.10.2011
5. was Libyen braucht: Verfassung, Gewaltenteilung, freie Medien
Zitat von sysopLibyens neue Führer stehen vor einer gigantischen Aufgabe: Ein von Diktatur und Krieg geschundenes Land muss auf Kurs gebracht werden. Aus dem ölreichen Staat könnte ein zweites Dubai werden - oder es kommt wie im Irak zum Bürgerkrieg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793222,00.html
Das ALLERWICHTIGSTE, das bislang noch in keinem einzigen arabischen Staat eingeführt wurde, ist GEWALTENTEILUNG und gegenseitige Kontrolle der staatlichen Teilgewalten. Ein zweihäusiges Parlament nach britischem Vorbild, oder sich ergänzende Verfassungsorgane wie in Deutschland Bundestag und Bundesrat, die sich gegenseitig kontrollieren und die beide die Exekutive kontrollieren, ist nach allem, was wir wissen, zwingende Voraussetzung für eine befriedete Gesellschaft. Und als bürgerrechtliches Instrument hat sich ein nach britischem oder deutschem Vorbild aufgebauter öffentlich-rechtlicher Rundfunk bewährt.
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