Libyen Rebellen vermuten Gaddafi in Wüstenversteck

Sie suchen ihn seit Tagen - nun wollen die libyschen Rebellen Gaddafi in der Wüstenstadt Bani Walid aufgespürt haben. Er halte sich dort seit vergangener Woche versteckt, so ein Sprecher. Der Despot kündigte an, "niemals aufgeben" zu wollen.
Libyen: Rebellen vermuten Gaddafi in Wüstenversteck

Libyen: Rebellen vermuten Gaddafi in Wüstenversteck

Foto: Mohamed Messara/ dpa

Tripolis - Ein Teil des Gaddafi-Clans ist bereits nach Algerien geflüchtet, nur von Familienoberhaupt Muammar al-Gaddafi fehlt seit Tagen jede Spur. Nun meinen die libyschen Rebellen, konkrete Hinweise auf den Aufenthaltsort des langjährigen Machthabers zu haben: Demnach hält sich Gaddafi in der Wüstenstadt Bani Walid auf.

Dies habe eine vertrauenswürdige Person dem Übergangsrat mitgeteilt, sagte der Militärkoordinator des Rats, Abd al-Madschid, der Nachrichtenagentur Reuters. Gaddafi sei von seinem Sohn Saif al-Islam und Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi begleitet worden. Den Angaben zufolge hätten sie von Bani Walid aus "aggressive Operationen" gegen die Rebellen starten wollen. Laut Madschid hat der Übergangsrat mit Autoritätspersonen in dem Ort verhandelt, aber noch keine Antwort erhalten.

Bani Walid liegt rund 150 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Tripolis. Die 50.000-Einwohner-Stadt wird schon seit Tagen immer wieder als mögliches Versteck von Gaddafi genannt. In dem Ort, eine weit ausgebreitete Stadt aus Gehöften und Bauernhöfen, würde der Despot unzweifelhaft Unterstützung des lokalen Stamms genießen - diesen hat er jahrelang mit Geld gefügig gemacht. Wie belastbar die Belege der Rebellen für ihre Vermutung sind, erscheint allerdings schwer abzuschätzen.

In den vergangenen Tagen suchten allerlei sogenannte Kommandeure der Aufständischen - bis heute eine lose Ansammlung von Brigaden aus verschiedenen Teilen des Landes - mit teils absurden Informationen die Öffentlichkeit.

Fotostrecke

Aischa Gaddafi: Wüstenprinzessin im Exil

Foto: AFP

Aus westlichen Diplomatenkreisen in Libyen erfuhr SPIEGEL ONLINE jedoch ebenfalls, dass man Gaddafi noch in dem nordafrikanischen Land vermute. Ein in der Sache gut informierter Diplomat sagte, es gebe elektronische Spuren des Despoten aus den vergangenen Tagen. Er spielte damit auf abgehörte Telefon- oder E-Mail-Kommunikation Gaddafis oder seines engsten Umfelds an. Details wollte der Diplomat nicht nennen.

Allerdings zeigen seine Aussagen, dass die internationale Staatengemeinschaft die Jagd auf Gaddafi sehr genau verfolgt. Sicher scheint, dass die Nato und auch die westlichen Geheimdienste den Rebellen Hinweise geben würden, um Gaddafi zu fassen. Möglicherweise würden britische oder französische Eliteeinheiten einen Zugriff auch am Boden unterstützen, hieß es in Tripolis. Die Festnahme des Diktators und ein ordentlicher Prozess wären zweifelsfrei ein großer Erfolg - vor allem für Paris und London.

Gaddafis Außenminister festgenommen

Gaddafi wurde zuletzt an zahlreichen Orten vermutet. Als mögliches Versteck galt nicht nur Bani Walid, sondern auch die Garnisonsstadt Sabha oder sein Geburtsort Sirt. Die französischsprachige Zeitung "El Watan" berichtete auf ihrer Internetseite gar, Gaddafi habe über seine Einreise nach Algerien verhandeln wollen. Er habe versucht, den algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika telefonisch zu erreichen, schrieb "El Watan" unter Berufung auf Kreise des Präsidialamts in Algier. Dieser habe sich jedoch geweigert, den Anruf entgegenzunehmen.

Am Donnerstag erklärte Gaddafi, er wolle "den Kampf fortsetzen" und "niemals aufgeben". Dies kündigte der Despot in einer am Donnerstag vom Fernsehsender Arrai in Auszügen verbreiteten Botschaft an. "Selbst wenn Ihr meine Stimme nicht hören könnt, setzt den Widerstand fort", heißt es in der Botschaft.

Während Gaddafi noch auf der Flucht ist, sind weitere Top-Funktionäre seines Regimes festgesetzt worden. Arabische Medien meldeten, in einem westlichen Vorort der Hauptstadt Tripolis sei bereits am Dienstag der letzte Außenminister des abgetauchten Machthabers, Abdelati al-Obeidi, festgenommen worden. Die Rebellen berichteten auf ihren Websites außerdem, Abdullah al-Hedschasi, ein ehemaliger Vertrauter Gaddafis, sei gefasst worden. Bei dem Versuch, die Grenze nach Tunesien zu überqueren, habe man zudem einen Neffen Gaddafis gestellt, der dem Regime in leitender Funktion gedient habe.

Gaddafis Ehefrau Saifa sowie seine drei Kinder Aischa, Hannibal und Mohammed konnten am Montag ungehindert die Grenze nach Algerien passieren. Aischa brachte dort eine Tochter zur Welt. Die Rebellen verlangen die Auslieferung der Gaddafis, Algier betont jedoch, die Familienmitglieder aus "rein humanitären Gründen" aufgenommen zu haben.

Innerhalb der Familie ist ein Streit entbrannt. Während Gaddafis bekannter Sohn Saif al-Islam die Getreuen seines Vaters zum Kämpfen gegen die "Verräter und Ratten" aufruft, will sein Bruder Saadi mit den Rebellen über ein Ende des Blutvergießens verhandeln. Beide sagen, sie verträten ihren Vater.

EU hebt Sanktionen gegen Libyen auf

In Paris hat am Donnerstag eine internationale Konferenz begonnen, bei der Gesandte von rund 60 Ländern und Organisationen über die Zukunft Libyens beraten. Erwartet wird, dass der Übergangsrat der Rebellen seinen Finanzbedarf für die kommenden Monate anmeldet und seine weiteren Pläne vorstellt.

Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte, die weltweit eingefrorenen Milliarden Gaddafis müssten nun freigegeben werden - und den Rebellen zugutekommen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bereits Hilfe beim Wiederaufbau des Landes zugesagt. Großbritannien, Frankreich und Italien haben ebenfalls angekündigt, Vermögen freizugeben.

Die Europäische Union hebt zudem ihre Sanktionen gegen Libyen teilweise auf. 28 Unternehmen oder Behörden werden von der Sanktionsliste genommen. Darunter sind sechs Hafengesellschaften, mehrere Banken und Öl- und Gasunternehmen. Das berichteten EU-Diplomaten nach einem Beschluss der 27 Mitgliedstaaten. Es sei ein wichtiges politisches Signal unmittelbar vor Beginn der Konferenz in Paris.

kgp/mgb/Reuters/dpa/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.