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Ende der Herrschaft: Zoff im Gaddafi-Clan

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Libyen Streit entbrennt zwischen Gaddafi-Söhnen

Jahrelang herrschte die Gaddafi-Familie über Libyen - nach dem Ende des Regimes zerfällt der Clan. Sohn Saif al-Islam ruft zum Zermürbungskrieg gegen die Rebellen auf, sein Bruder Saadi aber will sich ergeben. Vom Despoten selbst fehlt jede Spur: Er soll versucht haben, sich nach Algerien abzusetzen.

Tripolis - Einst galt er als moderat, doch im monatelangen Libyen-Krieg ist Saif al-Islam zum Sprachrohr seines Vaters Muammar al-Gaddafi geworden. Der Sohn des langjährigen libyschen Machthabers hat jetzt erneut eine Audiobotschaft mit wüsten Drohungen gegen die Rebellen veröffentlicht, die er als "Verräter und Ratten" beschimpft. Er warnte die Truppen des Übergangsrats vor einem Einmarsch in Gaddafis Heimatstadt Sirt. Rund 20.000 bewaffnete Jugendliche stünden dort bereit, um zurückzuschlagen, sagte er.

"Greift die Feinde an, wo immer sie sind", rief er die Getreuen des Regimes nach CNN-Berichten auf. Der Widerstand gehe weiter, sagte Saif al-Islam in der vom Fernsehsender al-Rai verbreiteten Botschaft, "der Sieg ist nah".

Durch die Gaddafi-Familie scheint ein Riss zu gehen. Denn der weniger bekannte jüngere Sohn Saadi verhandelt nach Angaben der Rebellen bereits über Sicherheitsgarantien für eine Kapitulation. Er bezeichnete die Aufständischen in einem Interview mit dem Fernsehsender al-Arabija als "Brüder". Um das Blutvergießen zu beenden, sei er bereit, sich zu ergeben. Der Vizepräsident des Militärrats der Rebellen, Mehdi Harati, sagte, Saadi zögere, zu kapitulieren. Die Aufständischen würden aber für seine Sicherheit garantieren, sollte er dies tun.

Beide Gaddafi-Söhne gaben an, im Namen ihres Vaters zu sprechen. Er sei autorisiert, mit dem Übergangsrat über ein Ende des Blutvergießens in Libyen zu sprechen, sagte Saadi al-Gaddafi laut dem Sender al-Dschasira. Allerdings nahm auch Saif al-Islam für sich in Anspruch, den früheren Machthaber zu vertreten. Nach eigenen Angaben meldete er sich aus einem Vorort von Tripolis. Seinem Vater gehe es gut. "Wir trinken Tee und Kaffee."

Doch wo Muammar al-Gaddafi sich tatsächlich aufhält, ist unklar. Von dem Despoten fehlt seit der Einnahme seiner Residenz am Dienstag vergangener Woche jede Spur. Berichten zufolge soll er sich in seiner Geburtsstadt Sirt oder in Bani Walid südöstlich von Tripolis verstecken. Dagegen behauptete ein ehemaliger Leibwächter von Gaddafis Sohn Chamis, dass sich der Ex-Diktator in die Garnisonsstadt Sebha abgesetzt habe.

Weigerte sich Algeriens Präsident, mit Gaddafi zu sprechen?

Die französischsprachige Zeitung "El Watan" berichtete auf ihrer Internetseite, Gaddafi versuche von der Grenzstadt Ghadames aus, über seine Einreise nach Algerien zu verhandeln. Er habe versucht, den algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika telefonisch zu erreichen, schrieb "El Watan" unter Berufung auf Kreise des Präsidialamts in Algier. Dieser habe sich jedoch geweigert, den Anruf entgegenzunehmen.

Algerien wäre ein naheliegendes Ziel: Während zwei seiner Söhne sich um den Umgang mit den Rebellen streiten, haben sich andere Familienmitglieder bereits ins Nachbarland abgesetzt. Ehefrau Saifa sowie seine drei Kinder Aischa, Hannibal und Mohammed haben die Grenze am Montag überquert. Algier betont jedoch, die Familienmitglieder aus "rein humanitären Gründen" aufgenommen zu haben.

Auch wenn Saif al-Islam nun vor der Einnahme von Gaddafis Hochburg Sirt warnt, könnte es am Wochenende zu heftigen Kämpfen dort kommen. Die Übergangsregierung hat den Truppen des alten Regimes ein Ultimatum gestellt, bis Samstag die Waffen niederzulegen. Sonst werde Sirt angegriffen. Die Bevölkerung in der rund 75.000 Einwohner zählenden Küstenstadt sei gespalten, berichtet al-Dschasira. Eine Hälfte plädiere für Kampf, die andere Hälfte für Kapitulation. Stammesälteste versuchten, die Gaddafi-Truppen wenigstens davon zu überzeugen, dass im Fall einer Entscheidungsschlacht Frauen und Kinder zuvor die Stadt verlassen könnten.

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Aischa Gaddafi: Wüstenprinzessin im Exil

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Über die Zukunft Libyens nach der Ära Gaddafi beraten am Donnerstag in Paris Gesandte von rund 60 Ländern und Organisationen. Um schnell eine Verbesserung der humanitären Lage zu erreichen, will die Staatengemeinschaft die Milliardenhilfe für das Land koordinieren. Erwartet wird, dass der Übergangsrat der Rebellen seinen Finanzbedarf für die kommenden Monate anmeldet und seine Pläne für die Übergangsphase vorstellt.

Der neue Geschäftsträger der libyschen Botschaft in Berlin, Aly Masednah al-Kothany, schätzt den akuten Finanzbedarf für seine Heimat auf eine Milliarde Euro. Dieses Geld reiche zwar noch nicht, um "genügend Lebensmittel und Medikamente zu importieren, aber es würde uns etwas Luft verschaffen für die nächsten zwei Wochen", sagte al-Kothany der "Financial Times Deutschland". Die humanitäre Situation war zuletzt besonders in der Hauptstadt Tripolis sehr schlecht. Dort mangelte es vor allem an Wasser.

kgp/AFP/dpa
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