Folter und Vergewaltigung Darum gehen Libyens Milizen immer brutaler gegen Migranten vor

In Libyen werden immer mehr Migranten gefoltert und vergewaltigt. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie. Unter den Tätern sind offenbar auch die lokalen Partner der EU.

Ein Migrant auf einem Schiff der libyschen Küstenwache
Ismail Zitouny/ REUTERS

Ein Migrant auf einem Schiff der libyschen Küstenwache


Es ist eine traurige Gewissheit, dass so ziemlich jede Frau, die durch Libyen nach Europa flüchten will, Opfer sexueller Gewalt wird. Doch kaum bekannt ist bisher, dass auch Jungen und Männer - die überwiegende Mehrheit der Migranten - vergewaltigt werden. Inzwischen scheinen die brutalen Übergriffe dermaßen verbreitet, dass fast jeder betroffen ist. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der renommierten internationalen Organisation "Women's Refugee Commission", die in Italien Überlebende befragt und mit humanitären Helfern gesprochen hat.

Die Details der Studie sind kaum zu ertragen: Vergewaltigungen mit Stöcken. Verbrennungen der Genitalien. Männer, denen der Penis abgeschnitten wird. Jungen, die gezwungen werden, ihre Schwester zu vergewaltigen. So unvorstellbar sind die Grausamkeiten, die den Migranten und Flüchtlingen angetan werden, dass ein Überlebender, ein Junge aus Gambia, sagt: "Wenn mir jemand das vorher erzählt hätte, hätte ich es nicht geglaubt. Das glaubt man erst, wenn man es mit eigenen Augen gesehen hat." Ein junger Mann aus Guinea sagt: "Es ist unbeschreiblich. Es gibt keine Worte dafür."

Derzeit kommen nur noch wenige Menschen über die sogenannte zentrale Mittelmeerroute über Libyen nach Italien. Das liegt unter anderem daran, dass im Mittelmeer nun mit Unterstützung der EU die sogenannte libysche Küstenwache patrouilliert, die auf See aufgegriffene Migranten wieder zurück in Haftanstalten nach Libyen bringt. Im Gegenzug wächst das Leid auf dieser ohnehin schon gefährlichen Route: Die Sterblichkeitsrate unter den Migranten hat sich 2018 im Vergleich zu 2017 fast verdreifacht, so das Uno-Flüchtlingshilfswerk. Zudem kommt es offenbar immer häufiger zu Folter und sexueller Gewalt - in immer grausameren Formen.

Milizionäre erpressen Angehörige mit Handyvideos

"Offenbar werden die sexuelle Gewalt und Folter immer schlimmer, weil die Schmuggler und Milizen nun weniger verdienen durch die Überfahrten nach Italien und stattdessen zu immer extremeren Formen der Folter greifen, um diese Einkommensverluste zu kompensieren", sagt Sarah Chynoweth, Leiterin des Projekts zu sexueller Gewalt bei der "Women's Refugee Commission". Denn häufig werden die brutalen Misshandlungen gefilmt und den Familien der Opfer per Handyvideo geschickt: Sie sollen zahlen, wenn sie verhindern wollen, dass ihre Angehörigen weiter leiden oder umgebracht werden.

Auch in den sogenannten offiziellen libyschen Haftanstalten sind nach Aussagen der Überlebenden Folter und Vergewaltigungen an der Tagesordnung - also genau dort, wo die auf See Geborgenen mit EU-Unterstützung zurückgebracht werden. Ein Mann aus Sierra Leone erzählte, dass in dem inoffiziellen libyschen Internierungslager, in dem er festgehalten wurde, Menschen getötet wurden, mit denen man kein Geld mehr erpressen konnte - um wieder Platz zu schaffen. Ein im Dezember veröffentlichter Uno-Bericht kam zu ähnlichen Ergebnissen.

Derzeit befinden sich nach Uno-Schätzungen rund 670.000 Migranten und Flüchtlinge in Libyen. Die Situation in Libyen sei besonders krass, heißt es in der neuen Studie. Doch es käme auch in den anderen Durchgangsländern zu sexueller Gewalt und Folter. "Die ganze Reise ist traumatisch", sagte ein medizinischer Helfer den Forschern. "Libyen ist nur die Krone des Ganzen."

Im Video: Wie Schlepper das Flüchtlingsleid ausnutzen

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