Libyen-Ticker Das Minutenprotokoll der Revolution

AP

2. Teil: "Sie töten Kinder und Frauen"


+++ "Es wird noch viel Blut fließen" +++

[18.19 Uhr] Weder Regierungsgegner noch Regimeanhänger scheinen momentan in der Lage, die vollständige Kontrolle über Libyen zu gewinnen. In Bengasi sind viele Menschen erbost, berichtet AFP. "Es wird noch viel Blut fließen. Wie lange wird der Westen zuschauen und nichts tun?", sagt ein Mann in der ostlibyschen Stadt.

+++ Rebellen wollen Gaddafi-Hochburg stürmen +++

[18.00 Uhr] Sirte ist das nächste Ziel der Rebellen. Die Gaddafi-Hochburg einzunehmen wäre ein großer Sieg: In Sirte ist der Despot geboren worden, außerdem hat er den Ort zur zweiten Hauptstadt stilisiert. Er liegt westlich von Ras Lanuf, das zurzeit von den Aufständischen kontrolliert wird. Von dort aus wollen die Rebellen nun vorstoßen. Ein Soldat, der auf Seiten der Regierungsgegner kämpft, erklärt gegenüber der Agentur AFP, das Wetter sei entscheidend für den Vormarsch. Doch wegen eines Sandsturms sei die Sicht schlecht, berichtet der AFP-Korrespondent.

+++ Rebellen schießen nach eigenen Angaben Flugzeug ab +++

[17.37 Uhr] Die Aufständischen erklären, sie hätten ein Kampfflugzeug nahe Ras Lanuf abgeschossen. "Ich habe das Flugzeug und zwei tote Piloten mit eigenen Augen gesehen", sagt ein Unterstützer der Regierungsgegner der Agentur Reuters.

+++ Offenbar Gefechte in Ben Dschawad +++

[17.27 Uhr] Die BBC meldet neue Kämpfe zwischen Regierungsanhängern und -gegnern in Ben Dschawad nahe Ras Lanuf.

+++ Regierungstreue attackieren Moschee in Sawija +++

[17.17 Uhr] Die Kämpfe in Sawija dauern an. Ein Augenzeuge berichtet Reuters, dass Gaddafis Anhänger eine Moschee beschießen, in der Hunderte Menschen Zuflucht gesucht haben. "Wir können niemanden retten, weil der Beschuss so heftig ist", sagt der Mann.

+++ Gaddafi-Truppen scheitern vor dem zentralen Platz von Sawija +++

[17.10 Uhr] Ein Augenzeuge berichtet der BBC, Gaddafis Truppen hätten trotz der schweren Waffen bislang nicht den zentralen Platz von Sawija einnehmen können. Viele Beobachter heben die außergewöhnliche Motivation der Rebellen hervor - zahlreiche Menschen in der Stadt haben zuvor erklärt, sie würden für die Freiheit "bis in den Tod" kämpfen.

+++ 150 Libyen-Flüchtlinge von deutschen Schiffen aufgenommen +++

[17.04 Uhr ] Mehr als 150 ägyptische Flüchtlinge aus Libyen sind an der tunesischen Küste von deutschen Schiffen aufgenommen worden. In der Hafenstadt Gabes seien drei Busse mit Ägyptern angekommen, sagt ein Sprecher des Einsatzführungskommandos. Sobald die Flüchtlinge auf die drei deutschen Schiffe verteilt seien, soll der Verband Kurs auf die ägyptische Hafenstadt Alexandria nehmen. Die Reise dauert drei Tage. Die Hilfsaktion wird vom Uno-Flüchtlingshilfswerk koordiniert.

+++ Rebellen feiern mit Gewehrsalven in Ben Dschawad +++

[16.50 Uhr] SPIEGEL-Reporter Clemens Höges berichtet aus Ben Dschawad: "Die Stadt ist gefallen, Rebellen feiern mit den üblichen Salven aus Maschinengewehren in die Luft. Es ist kaum zu glauben, in welchem Tempo sie vorankommen. Jeden Tag eine Stadt."

+++ Fast 200.000 Menschen fliehen vor der Gewalt +++

[16.44 Uhr] Vor den brutalen Kämpfen in Libyen sind mehr als 191.000 Menschen geflohen, berichten die Vereinten Nationen. Zudem seien rund zehntausend Menschen derzeit auf dem Weg zur ägyptischen Grenze, wo sie in zwei oder drei Tagen eintreffen dürften. Hauptziel der Flüchtlinge: Tunesien, Ägypten und Algerien. Allein nach Tunesien haben sich mehr als 104.000 Menschen gerettet. Die Mehrheit der Flüchtlinge seien Gastarbeiter.

+++ Sawija strategisch wichtig für Gaddafi +++

[16.37 Uhr] Warum ist Sawija so wichtig? Libyen-Experte Ibrahim Jibreel erklärt die Bedeutung der Stadt bei al-Dschasira: Zum einen sei Sawija ein wichtiger Ölhafen. Zum anderen liege der Ort sehr nah an Tripolis, dem Machtzentrum Gaddafis. Der Revolutionsführer wolle seine Kraft zeigen und demonstrieren, dass er die Stadt einnehmen könne - und zwar mit allen Mitteln.

+++ Schwerverletzte erreichen das Krankenhaus von Sawija +++

[16.29 Uhr] Die ersten Verletzten der heftigen Kämpfe in Sawija werden ins Krankenhaus eingeliefert, berichtet eine Reporterin von Sky News. Viele seien schwer verwundet. Der Körper eines zehnjährigen Jungen sei voller Einschusslöcher.

+++ "Wir wissen nicht mehr, wer zu uns gehört und wer nicht" +++

[16.20 Uhr] Per Telefon berichtet ein Augenzeuge namens Mohamed al-Dschasira von den Gefechten in Sawija: "Die Soldaten sind jetzt in Zivil gekleidet. Wir können nicht mehr unterscheiden, wer zu uns gehört und wer nicht."

+++ Soldaten feuern auf Häuser in Sawija +++

[16.16 Uhr] Gaddafi-Truppen rücken in Sawija ein, meldet AFP. Die Soldaten hätten das Feuer auf Häuser eröffnet. Eine Reporterin von Sky News berichtet, die Stadt sei etwa zehn Minuten mit schweren Waffen bombardiert worden.

+++ US-Marineschiffe laufen von Stützpunkt auf Kreta aus +++

[16.12 Uhr] Zwei Schiffe der US-Marine sind von einer Basis auf der Mittelmeerinsel Kreta gestartet - offenbar um die militärischen Drohungen gegenüber Muammar al-Gaddafi zu verstärken. Die USA und andere Nato-Staaten ziehen zurzeit starke Einheiten auf dem großen Stützpunkt im Westen Kretas zusammen. Schiffe können von dort binnen neun Stunden die libysche Küste erreichen, Kampfjets brauchen etwa 20 Minuten. Im nahegelegenen Flughafen von Souda-Akrotiri sollen Spezialeinheiten aus verschiedenen Nato-Staaten angekommen sein, darunter auch aus Deutschland.

+++ "Hilflose Menschen liegen am Boden" +++

[16.07 Uhr] Ein Bewohner von Sawija berichtet von den heftigen Kämpfen in der Stadt: "Wir sehen hilflose Menschen auf dem Boden liegen. Junge Rebellen schießen von Häusern, um die Stadt zu verteidigen." Er spricht am Telefon, im Hintergrund sind Schüsse zu hören. Der Mann fordert eine Flugverbotszone, um weitere Angriffe der Gaddafi-Truppen zu stoppen.

+++ Transall nach Einsatz in Libyen zurückgekehrt +++

[15.57 Uhr] Nach Evakuierungseinsätzen in Libyen sind sechs Transall-Maschinen der Bundeswehr nach Deutschland zurückgekehrt. Zuletzt flogen die Soldaten vergangene Woche 137 Menschen nach Kreta aus, darunter 22 Deutsche. "Die Männer sind auf unsere Maschine zugestürmt, alle wollten mit. Glücklicherweise mussten wir niemanden zurücklassen", sagt ein Oberstaatsfeldwebel, der den Einsatz mit koordinierte.

+++ Aufständische Truppen in Ben Dschawad +++

[15.53 Uhr] Reporter melden, in die Stadt Ben Dschawad seien Truppen der Rebellen eingezogen. Der Ort liegt östlich von der Gaddafi-Hochburg Sirte.

+++ Luftangriffe auf Ras Lanuf +++

[15.46 Uhr] Den wichtigen Ölhafen Ras Lanuf haben die Rebellen gerade erst erobert - die Aufständischen feiern am Samstag ihren Sieg. Nun aber schlagen Gaddafis Truppen zurück. Al-Dschasira meldet Luftangriffe auf eine Militärbasis in Ras Lanuf.

+++ "Sie töten viele Unschuldige, sie töten Kinder und Frauen" +++

[15.44 Uhr] Ein Einwohner von Sawija berichtet der Agentur Reuters von den Gefechten. "Die Attacke hat begonnen. Ich sehe mehr als 20 Panzer", sagt er. Schüsse seien zu hören. Der BBC berichtet ein Augenzeuge: "Sie töten viele Unschuldige, Kinder und Frauen. Sie töten Menschen überall."

+++ Gefechte zwischen Regimegegnern und Regierungstreuen +++

[15.37 Uhr] Al-Dschasira meldet jetzt heftige Kämpfe zwischen Gaddafi-Anhängern und -Gegnern in Sawija.

+++ Gaddafi-Truppen attackieren Sawija +++

[15.34 Uhr] Die regierungstreuen Truppen greifen die Stadt Sawija nahe Tripolis erneut an, melden Reuters und BBC. Dutzende Panzer würden das Zentrum der Stadt beschießen, erklärt ein Augenzeuge der BBC. Sie kämen aus östlicher und westlicher Richtung. Während er mit dem britischen Sender telefoniert, wird im Hintergrund geschossen.

+++ Rebellen wollen Ben Dschawad einnehmen +++

[15.27 Uhr] SPIEGEL-Reporter Clemens Höges berichtet aus der Nähe von Ras Lanuf: "Die Rebellen versuchen jetzt, zur nächsten Stadt namens Ben Dschawad vorzustoßen. Es ist angeblich die letzte größere Stadt vor der Gaddafi-Hochburg Sirte. Gaddafi setzt Kampfjets ein. Hier herrscht Angst vor einer Gegenoffensive."

+++ Uno-Flüchtlingshilfswerk: Afrikanische Arbeiter besonders gefährdet +++

[15.14 Uhr] Viele Ausländer haben Libyen bereits verlassen, unterstützt von den Regierungen ihres Heimatlandes. Doch afrikanische Arbeiter können sich nicht auf entsprechende Hilfe verlassen. Hunderttausende von ihnen seien noch in Libyen, sagt Uno-Flüchtlingshochkommissar António Guterres. "Verzweifelte Menschen haben uns angerufen, sie haben Angst, ihre Häuser zu verlassen", so Guterres. Die Uno sei sehr besorgt über die Situation der afrikanischen Arbeiter. Denn der Einsatz von afrikanischen Söldnern habe viele Libyer misstrauisch gegenüber Menschen gemacht, die aus Ländern südlich der Sahara stammten.

+++ Brega in der Hand der Rebellen +++

[15.04 Uhr] Die Stadt Brega westlich von Bengasi ist noch immer in der Hand der Rebellen, meldet al-Dschasira. 24 Menschen seien bei Gefechten am Freitag getötet worden.

+++ Libyen wirft niederländischen Soldaten Spionage vor +++

[14.53 Uhr] Drei niederländische Marineflieger, die bei einer missglückten Befreiungsaktion in Libyen in Gefangenschaft geraten sind, werden jetzt der Spionage bezichtigt. Das berichtete der niederländische Rundfunk NOS, er beruft sich auf das libysche Staatsfernsehen. Die Soldaten waren am 27. Februar mit ihrem Hubschrauber in der libyschen Stadt Sirte gelandet, um zwei Niederländer auszufliegen. Doch sie wurden von einer Gaddafi-treuen Milizgruppe angegriffen und gefangengenommen. Zunächst war den drei Fliegern Verletzung internationalen Rechts vorgeworfen worden. "Ziel dieses Hubschrauber-Einsatzes war es, Spione entweder abzuholen oder abzusetzen", heißt es aber nun im libyschen Fernsehen. Zudem wird von einer "internationalen Verschwörung" gegen Muammar al-Gaddafi gesprochen.

+++ Gaddafi profitiert noch immer von Öl-Millionen +++

[14.34 Uhr] Trotz internationaler Sanktionen verfügt die libysche Führung um Machthaber Muammar al-Gaddafi einem Bericht zufolge nach wie vor über Millionen-Einnahmen aus Ölexporten. Die britische "Financial Times" berichtet, dass die Zahlungen für ausgeführtes Öl weiter zur libyschen Zentralbank gelangten und so vermutlich auch von Gaddafi kontrolliert würden. Die Zeitung beruft sich auf einen westlichen Vertreter und mehrere Händler. Libyen ist der viertgrößte Ölproduzent Afrikas. Die Exporte sind nun zwar zurückgegangen. Chinesische oder indische Firmen kaufen dem Bericht zufolge aber weiter libysches Öl.

+++ 30 Tote in Sawija +++

[14.29 Uhr] Die Agentur Reuters meldet, bei den Kämpfen in Sawija westlich von Tripolis seien 30 Menschen getötet worden - überwiegend Zivilisten. Reuters beruft sich auf die Angaben eines Arztes in der Stadt. Die Zahl der Opfer liege aber vermutlich deutlich höher. Am Morgen hatten Gaddafis Truppen die Stadt angegriffen und laut Augenzeugen mit schweren Waffen auch auf Zivilisten geschossen. Nachdem sie zurückgedrängt worden waren, belagern die regierungstreuen Soldaten nun die Stadt und haben sie offenbar abgeriegelt. Panzer stehen in den Außenbezirken.

+++ Ausgebrannte Pickups, ein explodierter Bus, leere Treibhülsen +++

[14.09 Uhr] SPIEGEL-Reporter Clemens Höges berichtet aus Ras Lanuf: "Die Rebellen haben die Stadt unter Kontrolle, es ist zunächst sehr still, kaum ein Mensch auf den Straßen. Auf dem Weg hierher sind wir an dem Platz vorbeigekommen, an dem das Gefecht stattgefunden hat. Ausgebrannte Pick-Ups stehen dort im Sand, ein explodierter Bus, Aluminiumteile verschmolzen wie Silvesterblei. Überall liegen die leeren Treibhülsen von Panzerfäusten herum. Doch dann hören wir Schüsse, Flugzeuge donnern über die Stadt." Die Einschätzung des Reporters: "Gaddafis Armee wird ziemlich sicher versuchen, Ras Lanuf zurückzuerobern, weil es extrem wichtig für die Ölindustrie ist. Hier macht Gaddafi sein Geld."

insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
ratxi 05.03.2011
1. Vielleicht...
Zitat von sysopSchwere Gefechte erschüttern Libyen: Gaddafi-Truppen haben am Morgen die Stadt Sawija angegriffen - die Rebellen konnten sie offenbar zurückschlagen. Dichter schwarzer Rauch hängt über dem Ort. Die Angst vor der nächsten Attacke wächst.*Verfolgen Sie die Ereignisse im Liveticker. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749259,00.html
...sollte die Welt abwarten, bis Gaddafi Zehntausende massakriert hat, und dann später geloben, es nächstes Mal besser zu machen. Wir können uns ja schon mal Argumente zurecht legen, dass wir ja von nichts wussten, aber ja immer taten, was wir konnten, nur leider nichts tun konnten...
Emmi 05.03.2011
2. Frage der Ressourcen...
Dieser Kampf könnte auch durch die Frage der Ressourcen (Lebensmittel, Waffen, Munition, Treibstoff) entschieden werden. Wenn die Rebellen diesbezüglich ins Hintertreffen geraten sollten, könnte sich der Westen verpflichtet fühlen, zu helfen. Man sollte aber dieses Mal genau hinschauen, wem man hilft (mahnendes Beispiel: Afghanistan!)...
giovanni47 05.03.2011
3. Live-Ticker
Bin ich da altmodisch? Zu empfindlich, wenn mich diese "Live-Ticker"-Berichterstattung fatal an Bundesliga-Berichte erinnert? 1:0 für die Rebellen, aber Gaddafis Stürmer kontern? Bürgerkrieg als quasi Sport-Event.. Ist wohl heutzutage so. Aber ein makaberer Beigeschmack bleibt.
AlHarb 05.03.2011
4. kurios
Das bemerkenswerte ist ja mittlerweile, dass vereinzelt Aufforderungen zu einer "neutraleren" Berichterstattung aufkommen. Anscheinend haben Gaddafis Presseschauspiele und Saifs Beschwichtungen doch Wirkung gezeigt. Die afrikanischen Söldner sind auf einmal spurlos verschwunden oder werden als Einheimische deklariert - Kritik daran sei purer Rassismus. Mir scheint, als achte der Clan Gaddafi sehr genau auf die ausländische, sprich westliche Berichterstattung, um bei einem späteren Kriegsverbrecherprozess aus Mangel an konkreten Beweisen ungeschoren davon zu kommen.
ZeroQ 05.03.2011
5. Bürgerkrieg
Am Anfang hatte man gedacht, dass sich Gaddafi nicht lange halten würde. Aber mittlerweile hat er gezeigt, dass er nicht kampflos aufgeben wird. Für mich ist das keine Revolution mehr, sondern ein Bürgerkrieg. Ein Bürgerkrieg um das Öl. Denn wer das Öl besitzt, kann es verkaufen und das bringe demjenigen Geld.Sehr viel Geld. Mir kommt es so vor als würden viele nur noch um das Öl kämpfen oder wieso hat hält der Westen des Landes immer noch zu Gaddafi. Wird wohl wie im us-amerikanischen Bürgerkrieg. Nur hier kämpft der Osten gegen den Westen.
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