Hamburg - Die Meldungen überschlagen sich: In Libyen ist der einstige Diktator Muammar al-Gaddafi nach Angaben des Übergangsrats bei einem Gefecht verletzt worden und dann seinen schweren Verletzungen erlegen. Gaddafi sei zunächst mit einem Krankenwagen weggebracht worden, er habe Schussverletzungen an beiden Beinen davongetragen. Seine Leiche ist offenbar in die Stadt Misurata gebracht worden, die wochenlang unter heftigstem Beschuss der Gaddafi-Truppen gestanden hatte.
Im Laufe des Nachmittags tauchten zuerst Fotos des blutüberströmten Gaddafi auf, später auch Videosequenzen, offenbar mit einem Handy aufgenommen. Darauf ist offenbar der Leichnam des Mannes zu sehen, den die Rebellen seit Wochen gejagt haben. Um ihn herum steht eine Menschenmenge, Geschrei ist zu hören.
Der arabische Fernsehsender al-Dschasira übertrug live aus der Hauptstadt Tripolis. Auf den Straßen sind hupende Autokonvois unterwegs. "Hier in Tripolis feiern die Menschen schon auf den Straßen", sagte ein Sprecher des Übergangsrats. Die TV-Bilder zeigen jubelnde Menschen, einige geben Freudenschüsse in die Luft ab, andere zerreißen grüne Fahnen, die frühere Nationalflagge unter Gaddafis Regime. Auch in Sirt selbst sind die Menschen euphorisch. Im ganzen Land feiern zahllose Libyer - auch im Internet. "Es ist vorbei", schreiben sie. "Endlich ist er weg."
Zu den Umständen des Gefechts gibt es bisher nur wenige Details. Offenbar wurde der Despot in Sirt gefasst. Unbestätigten Angaben zufolge wollten Gaddafi und seine Begleiter die Stadt gerade verlassen. Laut Übergangsrat hatten Nato-Truppen den Konvoi des Gesuchten angegriffen. Anderen Angaben zufolge stöberten Aufständische Gaddafi in einem Haus auf.
Al-Arabija zeigte Bilder von dem Ort, an dem die Kämpfer Gaddafi angeblich gefunden hatten. Zu sehen sind zwei große Betonröhren, darüber hat jemand auf eine Betonwand gesprüht: "Dies ist der Platz der verfluchten Ratte Gaddafi - Gott ist groß". Vor den Betonröhren liegen zwei Leichen am Boden.
Das US-Außenministerium teilte mit, es könne eine Festnahme oder den Tod Gaddafis bisher nicht bestätigen. Aus der Nato-Zentrale in Brüssel hieß es, man brauche Zeit, um die Berichte bestätigen zu können. Sicher sei, dass Nato-Flugzeuge am Donnerstagmorgen Militärfahrzeuge der Gaddafi-Truppen angegriffen hätten.
Dieses Bild einer Handykamera soll die erste Aufnahme Gaddafis nach dem Gefecht sein, die Authentizität ist nicht bestätigt
Foto: AFPInformationsminister Mahmud Schamman sagte SPIEGEL ONLINE, seinen Informationen nach sei Gaddafi getötet worden. Gegen 15 Uhr deutscher Zeit plane der Chef des Übergangsrats eine Pressekonferenz, dort sollen Details über das Schicksal Gaddafis mitgeteilt werden.
Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen Kämpfer der Rebellen, der berichtet, Gaddafi habe sich in einem "Loch" versteckt und gerufen "Nicht schießen, nicht schießen". Angeblich trug er eine khakifarbene Uniform und hatte einen Turban auf dem Kopf. Er habe einen goldenen Revolver bei sich getragen, berichtet AFP unter Berufung auf einen Kämpfer. Bei dem Gefecht ist laut einem Vertreter der Übergangsregierung der frühere Verteidigungsminister des Machthabers, Abu Baker Junis Dschabir, getötet worden. Der Sender al-Arabija meldete, in Sirt seien Gaddafis Sohn Mutassim und Abdullah al-Sanussi, ein enger Vertrauter des ehemaligen Machthabers, festgenommen worden.
Gaddafi, der das Land mehr als 40 Jahre regiert hat, soll sich nach übereinstimmenden Berichten bis zuletzt in Sirt aufgehalten haben. Seine Heimatstadt war am Donnerstag von Milizen des Übergangsrats nach wochenlangen Kämpfen erobert worden. Sirt war die letzte Bastion des Widerstands der Gaddafi-Getreuen. Der 69-Jährige hatte immer wieder betont, er werde nicht aus dem Land fliehen, sondern lieber "bis zum Ende" kämpfen.
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Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi auf einer der ersten Aufnahmen nach seinem Militärputsch am 1. September 1969. 42 Jahre herrschte er - damit als dienstältester Diktator Afrikas - über Libyen.
Im Februar 2011 brach ein landesweiter Aufstand aus, der Gaddafi schließlich zu Fall brachte.
Zum markanten Markenzeichen des Beduinen-Sohns wurden Hut und Brille. Seine extravagante Kleidung stach immer wieder hervor.
Gaddafis großes Vorbild: Der ägyptische Präsident Gamal Abd al-Nasser (links, hier ein Bild von 1969). Später brach Gaddafi allerdings mit der Idee des Panarabismus.
Mit einer Islamisierungskampagne gelang es Gaddafi, seine Macht zu festigen. Er verbot Alkohol, schloss Militärstützpunkte der USA und Großbritanniens. Ausländer wurden zur Ausreise gezwungen. Italiener, die in Libyen lebten, mussten ihre verstorbenen Verwandten exhumieren.
Gaddafi wurde Verfechter des "islamischen Sozialismus" und ernannte sich 1979 zum "Revolutionsführer". Er allein bestimmte jetzt in Libyen. Im In- und Ausland wuchs die Kritik.
Der Bombenanschlag auf die Berliner Discothek "La Belle" in der Nacht zum 5. April 1986 war einer der schwersten Terroranschläge gegen US-Amerikaner in Deutschland. Um 1.45 Uhr detonierten knapp zwei Kilogramm Plastiksprengstoff nahe der Tanzfläche. Drei Menschen starben.
Gaddafis Agenten werden für den Anschlag verantwortlich gemacht. US-Streitkräfte bombardierten die libysche Hauptstadt Tripolis. Den Tod libyscher Zivilisten nutzte er propagandistisch aus, hier im Gespräch mit sowjetischen Journalisten.
Von Gaddafi entsandte Attentäter sprengten über dem schottischen Lockerbie 1988 ein Passagierflugzeug der Fluglinie Pan American World Airways in die Luft. Insgesamt kamen 270 Menschen ums Leben.
Gaddafi liebte die eigene Inszenierung: Hier eine Hauswand in Tripolis mit seinem Konterfei.
Anschläge auf den Despoten blieben nicht aus. 1996 zündete ein Mann eine Handgranate gleich neben einer Gaddafi-Eskorte. Laut Berichten der "New York Times" hatte der englische Geheimdienst das Attentat mitfinanziert.
Legenden ranken sich um Gaddafi und die Frauen in seiner Umgebung. So wurde er von einem Team osteuropäischer Krankenschwestern umsorgt. Acht Jahre lang wich die ukrainische Krankenschwester Galyna Kolotnyzka dem libyschen Diktator selten von der Seite. Nach dem Aufstand 2011 trat die Ukrainerin die Rückreise nach Kiew an.
Im Jahr 2000 spielte Gaddafi eine Schlüsselrolle in den Verhandlungen um das Geiseldrama auf der philippinischen Insel Jolo. Gegen eine Zahlung von einer Million Dollar pro Kopf durch Libyen kam die Göttinger Familie Wallert sowie weitere Geiseln nach mehreren Monaten Geiselhaft auf freien Fuß.
Als Arabiens Despoten noch gut lachen hatten: Die Staatschefs Ben Ali aus Tunesien, Ali Abdullah Salih aus dem Jemen, Gaddafi und der Ägypter Husni Mubarak (von links nach rechts) im Oktober 2010 auf einem Gipfeltreffen in Gaddafis Geburtsstadt Sirt.
2003 vollzog Gaddafi eine außenpolitische Kehrtwende: Damals verzichtete er auf sein Programm für Massenvernichtungswaffen - allerdings wohl weniger aus Überzeugung als aus politischem Kalkül.
Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder reicht Gaddafi in dessen Beduinenzelt im Oktober 2004 die Hand. Der erste Besuch eines deutschen Kanzlers markierte den Ausbau der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und dem ölreichen Wüstenstaat.
Außenminister Guido Westerwelle (FDP) mit Gaddafi im Rahmen des dritten EU-Afrika-Gipfels 2010. Bei der Uno-Abstimmung über eine Intervention gegen Gaddafi im März 2011 enthielt sich Deutschland, was für viel Kritik sorgte.
Leibwächterinnen aus der berühmten weiblichen Leibgarde Gaddafis bei seiner Ankunft in Rom im August 2010: Er fühlte sich von Frauen besser beschützt als von Männern. Zum Gefolge des libyschen Staatschefs gehörten an diesem Tag weiterhin 30 reinrassige Berberpferde sowie sein eigenes Beduinenzelt.
Mitglieder der Libyschen Islamischen Kampfgruppe (LIFG) bei ihrer Freilassung aus dem berüchtigten Abu-Salim-Gefängnis, nur einen Tag nach Beginn der gewalttätigen Auseinandersetzungen in Libyen im Februar 2011. Angeführt wurden die Proteste von Angehörigen der etwa 1200 Häftlinge, die 1996 bei einem Massaker starben.
Gaddafi hatte wichtige Schaltstellen seines Staatsapparats mit Verwandten besetzt. Zentrale Rollen spielten vor allem seine acht Kinder: Saif al-Islam trat als sanfte Stimme des Gaddafi-Regimes auf und galt lange als hoffnungsreichster Nachfolger seines Vaters. Ihm werden schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Er wurde im Süden von Libyen gestellt, er wollte in den Niger flüchten. Saif soll nun in Libyen der Prozess gemacht werden.
Mit dabei soll auch Mutassim Gaddafi gewesen sein. Hier ist er mit Hillary Clinton 2009 in Washington zu sehen. Mutassim kam in Sirt ums Leben, offenbar töteten ihn die Rebellen. Er war nationaler Sicherheitsberater und damit eine der mächtigsten Figuren im staatlichen Sicherheitsappart. Nach einem Zerwürfnis mit seinem Vater war er zwischenzeitlich nach Ägypten geflohen, durfte dann aber zurückkehren. Er befehligte die Präsidentengarde.
Gaddafis Sohn Hannibal fiel eher durch Berichte über verschiedene Gewaltdelikte im westlichen Ausland auf. Er soll Hausangestellte misshandelt haben. Deswegen wurde er 2008 in Genf von der Schweizer Justiz vorübergehend festgenommen, was zu einer diplomatischen Krise zwischen Libyen und der Schweiz führte. Hannibal ist nach Algerien geflohen.
Gaddafis Tochter Aischa lebt ebenfalls mittlerweile in Algerien - hochschwanger floh sie in das Nachbarland und soll auf der Flucht entbunden haben. Die Juristin mischte im Verteidigerteam beim Prozess gegen den ehemaligen Diktator Saddam Hussein mit.
Ausraster auf internationaler Bühne: 2009 spricht Gaddafi das erste Mal vor den Vereinten Nationen in New York. Er hält eine Wutrede und zerreißt dabei die Uno-Charta.
Gaddafi bei einer Militärparade in Tripolis 1999. Theaterreife Auftritte und skurrile Outfits brachten ihm den Ruf des Exzentrikers ein. Zum 40. Jahrestag der Revolution ließ er für mehrere Millionen Dollar ein bombastisches Fest inszenieren - inklusive Reitershow, Militärmärschen, Feuerwerken und Exekutionsszenen.
Solche Auftritte lösten weltweit Hohn und Spott aus. Der US-Geheimdienst CIA gelangte 1982 zu der Erkenntnis: "Nach unserer Einschätzung leidet er an einer schweren Persönlichkeitsstörung."
Der Machthaber meldete sich während der Unruhen im Frühjahr 2011 immer wieder im libyschen Staatsfernsehen - und kündigte einen Kampf "bis zum Tod" an. Beharrlich und ab und zu auch reichlich wirr versuchte er, Regimeanhänger in seinen Ansprachen zu motivieren.
Skurriler Auftritt: Gaddafi im Februar 2011 im libyschen Staatsfernsehen - mit Schirm in einem Auto sitzend. "Ich bin in Tripolis und nicht in Venezuela", betonte Gaddafi und trat damit Spekulationen entgegen, wonach er das nordafrikanische Land bereits verlassen hat.
Gaddafis Konvoi wurde am 20. Oktober 2011 in Sirt beschossen. Der verletzte Diktator wurde von Rebellen gefasst und abgeführt. Kurz darauf starb er an einem Schuss - die genauen Todesumstände sind nach wie vor ungeklärt.