Libyens Staatschef in Italien Gaddafi stiehlt Berlusconi die Show

Er wird umschmeichelt, von Berlusconi als "Mann von tiefer Weisheit" hofiert - und nahezu jeder Wunsch wird ihm erfüllt: Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi lässt seine Gastgeber beim Besuch in Italien wissen, dass sie ihn brauchen.
Von Michael Braun

"Eine Stunde Verspätung". Das ist die Standardauskunft in Rom, wenn es darum geht, wann wohl Muammar al-Gaddafi kommt, egal ob zum Essen mit dem Staatspräsidenten, zur gemeinsamen Pressekonferenz mit Silvio Berlusconi, zur Rede im Senat oder zu seinem Auftritt in der Universität Rom.

Gaddafi kommt immer zu spät - und zeigt so, wer auf diesem, auf seinem ersten Staatsbesuch in Rom das Heft in der Hand hat. Schließlich musste er geschlagene 40 Jahre ausharren, seit seiner Machtübernahme 1969, ehe Italien sich bereit zeigte, ihn endlich als respektablen Staatsgast zu begrüßen. Da werden die Italiener jetzt ruhig mal ein Stündchen warten dürfen.

Und keiner trägt es ihm nach. Staatspräsident Giorgio Napolitano lächelt, lobt Gaddafi für seine "besonnenen und gemäßigten Ansichten", Senatspräsident Renato Schifani lächelt und freut sich, dass Italien in seinen Beziehungen zu Libyen nun endlich die Vergangenheit bewältigt hat und "in die Zukunft schaut", Ministerpräsident Berlusconi lächelt noch ein wenig mehr, lobt den Revolutionsführer gar als Mann "von tiefer Weisheit".

Dabei wäre der Besuch beinahe noch in letzter Minute gescheitert. Gaddafi war am Mittwochmittag schon im Anflug auf Rom, als er erfuhr, Berlusconi werde nun doch nicht zum Flughafen kommen, um ihn persönlich in Empfang zu nehmen. Der weise Gaddafi, so meldet die Tageszeitung "La Repubblica", ließ kurzerhand wissen, dann könne er auch gleich nach Tripolis umkehren - und Berlusconi spurte. Als der Flieger, mit Verspätung natürlich, auf Roms Flughafen Ciampino landete, stand Italiens Regierungschef am roten Teppich, brav umarmte er den Gast.

Eine Leibgarde aus hübschen Frauen

Der legte gleich zum Auftakt einen seiner unnachahmlichen Auftritte hin. Die Rolltreppe hinunter stieg er gewandet in einer bunten Uniform, das über den Kragen wallende Haar schwarz gefärbt, eine große Sonnenbrille auf der Nase - und nicht wie ein Oberst sah er so aus, sondern eher so, als wolle er bei der Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band mitspielen. Doch erst beim zweiten Hinsehen fiel der Blick auf ein großes Schwarzweißfoto, das Gaddafi sich an die Brust gepappt hatte. Da sieht man einen kleinen Mann, weißer Bart, weiße Haare, ein weißes Gewand, in Ketten und bewacht von italienischen Kolonialoffizieren.

Wieder einmal hatte sich Gaddafi so als wahrer Medienstar entpuppt: Ganz Italien erfuhr binnen Stunden, dass jener Mann auf dem Bild Omar al-Mukhtar war, Held des libyschen Widerstands gegen die italienischen Kolonialherren, der von den faschistischen Besatzern hingerichtet worden war. Klar verteilt waren so die Karten gleich zur Eröffnung des Besuchs.

Gaddafi mag sich Normalität im Umgang mit anderen Staaten wünschen. Doch als irgendein gewöhnlicher Staatspräsident, irgendein nach Jahren internationaler Quarantäne normalisierter Herrscher von der Stange mag er nicht anreisen. Schließlich bleibt er Führer der libyschen Revolution - und schlägt deshalb auch in Rom sein prächtiges Wüstenzelt auf, mitten in einem grünen Park, gleich hinter einer prächtigen Villa, in der er dann allerdings doch lieber nächtigt als in dem zugigen Zelt. Und als ordentlicher Dritt-Welt-Führer, dazu noch als Chef der Afrikanischen Union ist er sich von Auftritt zu Auftritt nicht bloß den steten Wechsel seiner Kostüme - mal kommt er bunt, mal ganz in einen weißen Umhang gehüllt - schuldig. Auch die 40-köpfige Leibgarde, bestehend ausschließlich aus jungen, ausnehmend hübschen Frauen, gehört einfach dazu.

Lob für den "eisernen" Berlusconi

Wenigstens in diesem Punkt darf Gaddafi wohl auf volles Verständnis seines Gastgebers, des notorischen Frauenfreundes Berlusconi, hoffen. Berlusconi lud seinerseits nicht bloß die laut "Bild"-Zeitung "schönste Ministerin der Welt", das ehemalige Nacktmodel Mara Carfagna, zum gemeinsamen Abendessen ein. Er setzte auch den Event "Gaddafi allein unter Frauen" aufs Programm: Am Freitagnachmittag wird der Libyer 700 Frauen aus Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft treffen, Kerls sind nicht zugelassen, außer dem Stargast natürlich.

Kurz: Um die libysch-italienische Freundschaft ist es prächtig bestellt. Gaddafi verzichtet zwar keine Minute darauf, die Italiener mit den Verbrechen der Kolonialzeit 1911-1942 zu konfrontieren, als Hunderttausende Libyer starben. Doch dann konzediert er im nächsten Atemzug, er sei heute "in einem anderen Italien" zu Gast, das "mit dem Faschismus nichts mehr zu tun" habe, und die neue Freundschaft verdanke sich nicht zuletzt jenem "eisernen Mann" namens Berlusconi, der schließlich den Abschluss des Freundschaftsvertrages zwischen Rom und Tripolis im August 2008 ermöglicht habe. Das Lob hat der italienische Regierungschef sich redlich verdient: Fünf Milliarden Euro ließ Italien sich den "Schlussstrich unter die Kolonialzeit" kosten.

Und dazu noch allerlei Demutsgesten: So sollte Gaddafi auch die Ehre zuteilwerden, im Plenarsaal des Senates, des zweiten Hauses des italienischen Parlaments, zu reden. Das ging dann aber wenigstens den Senatoren der Opposition zu weit - sie erinnerten sich nun daran, dass da doch eigentlich ein Diktator angereist sei, der es zu Hause mit den Menschenrechten nicht besonders genau nehme.

Ihr Aufstand hatte Erfolg: Statt im Plenar- sprach Gaddafi am Donnerstagvormittag in einem Nebensaal des Senates. Auch da redete er wieder über vergangenes Unrecht - nicht aber über das neue Unrecht, das heute Italien und Libyen zu harmonisch kooperierenden Partnern macht. Schließlich zahlt Rom die fünf Milliarden Entschädigung für die Vergangenheit bloß, weil es Libyen in der Gegenwart braucht: bei der Abwehr all der Bootsflüchtlinge, die sich von den libyschen Küsten in Richtung Lampedusa aufmachen.

Diese Kooperation bei der Flüchtlingsabwehr läuft mittlerweile prächtig - die "Boat people" kommen gar nicht mehr dazu, den Fuß auf italienisches Territorium zu setzen, sondern werden auf hoher See aufgegriffen und umgehend nach Libyen zurückgeschafft. Zu diesem Thema hatte Gaddafi in Rom nur ein paar Sätze. Menschen aus Schwarzafrika seien da unterwegs, erklärte er, die "in den Wäldern lebten" und von Politik oder Menschenrechtsproblemen gar nicht tangiert seien. So sieht es auch Berlusconi.

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