Libysche Rebellen in Ras Lanuf Per Anhalter in den Kugelhagel

Sie schwingen Gewehre, Panzerfäuste oder Säbel, brausen mit ihren Pick-up-Trucks durch die Wüste - und liefern sich wilde Feuergefechte mit den Gaddafi-Truppen: SPIEGEL-Reporter Clemens Höges berichtet vom verzweifelten Kampf der libyschen Rebellen.

AP

Einer der Rebellen feuert mit der Kalaschnikow in die Luft. Das ist das Signal: Es geht los, die Patronenhülsen kullern mir vor die Füße. Ein harter Wind wirbelt den Sand der Wüste über die Straße, der Horizont verschwimmt in Staub und Dunst, als sich die Autokolonne in Bewegung setzt.

Es sind Rebellen aus dem aufständischen Osten Libyens, viele aus ihrer zentralen Stadt Bengasi oder aus der eroberten Öl-Stadt Brega. Hinter ihnen liegt der letzte ihrer befestigten Checkpoints: Rechts von der Straße haben sich ein paar Panzer hinter einem Sandwall eingegraben, die Kanonen Richtung Südwest. Links stehen weit auseinander gezogen in der Wüste ein paar Flak, um Muammar al-Gaddafis Kampfjets abzuschrecken.

Nicht weit vom Checkpoint steht ein ausgebrannter Pick-up mit einer Zwillings-Flak, die verglühten Rohre hochgekurbelt. Es sieht aus, als hätte die Besatzung noch versucht, das Flugzeug abzuwehren.

Vor den Rebellen liegt die Wüste, und darin das Städtchen Ras Lanuf. Irgendwo im Niemandsland davor werden Gaddafis Soldaten auf sie warten. Aber Ras Lanuf ist ein wichtiger Stützpunkt auf dem Weg nach Sirte, jener Stadt und Region, in der der Gaddafi-Clan der Gaddafa zuhause ist. Wie ein Riegel liegt ihr Gebiet zwischen den Rebellen-Gebieten im Osten Libyens und den Straßen, die dann nach Tripolis führen.

Eine wilde Horde ist diese Kolonne der Rebellen, ein paar hundert Mann sicher, vielleicht über tausend, schwer zu schätzen. Sie haben sich in Armee-Kasernen Waffen zusammengerafft, ohne Plan, ohne Befehl: Kalaschnikows und Panzerfäuste, Pistolen, Maschinengewehre, einer schwingt einen Säbel.

Die meisten haben ihren Wehrdienst geleistet, kennen sich also mit Waffen etwas aus. Aber kaum einer hat in den letzten Tagen Kampferfahrung gesammelt. Sie tragen Turnschuhe an den Füßen und Palästinensertücher um den Kopf oder Baseballkappen darauf, manche haben Uniformjacken, die meisten nicht. Einige übergelaufene Soldaten sollen dabeisein. Aber niemand scheint hier Befehle zu geben. Alles geht per Zuruf. Wer vorne ist in der Kolonne, ruft per Handy die weiter hinten an.

Vorneweg fahren japanische Pick-ups mit Schnellfeuerkanonen, Flak oder Granatwerfern auf den Ladeflächen, "Technicals" nennt man solche Geräte, beliebte Waffen in vielen Bürgerkriegen. Dahinter kommen die normalen Autos, nagelneue Hyundais, verbeulte Datsuns, alles was rollt.

Manche Kämpfer klemmen ihre Kalaschnikows mit dem Bajonett unter den Sicherheitsgurt am Türpfosten. In einem alten Bus mit zerschossenen Scheiben sitzen vielleicht zehn Kämpfer; zerschossene Scheiben sind praktisch, man kann rausschießen.

Alle paar Kilometer hält die Kolonne irgendwo in der Wüste. Die Rebellen, so chaotisch sie sind, tasten sich voran. Sie steigen aus, alle reden durcheinander. Dann geht es wieder los. Wer nicht rechtzeitig zu seinem Auto zurückgekommen ist, hält die Hand raus, irgendjemand nimmt ihn mit - per Anhalter weiter in den Krieg.

Zwanzig oder dreißig Kilometer sollen es noch sein bis zur Front, heißt es schließlich. Noch längst keine Gefahr also. SPIEGEL-Fotograf André Liohn, kriegserfahrener Brasilianer mit Sitz in Italien, ist zusammen mit einem portugiesischen Kollegen auf die Ladefläche eines Technicals gesprungen, die beiden klemmen sich neben dem schweren Maschinengewehr auf die Ladefläche. Ich bleibe ein paar hundert Meter weiter hinten mit einem Fahrer und einem US-Kollegen.

"Seid ihr sicher, dass das eure Leute sind?"

Doch nach ein paar Kilometern prescht das Technical, auf dem die Fotografen sitzen, vor und überholt alle anderen Kampfwagen. André ist jetzt ganz vorne an der Spitze der Kolonne, auf dem ersten Wagen. Aber es soll ja noch weit sein.

Plötzlich, hinter einer weiten Kurve, sehen sie etwa 400 Meter vor sich auf einer Art Düne viele Fahrzeuge, Geschütze. André brüllt dem Fahrer vorne zu: "Seid ihr sicher, dass das eure Leute sind?" In dem Moment tritt der aber schon brutal auf die Bremse.

Als der Wagen steht, eröffnen die Regierungstruppen das Feuer, der Kampf beginnt. Das MG auf Andrés Technical rattert nun ebenfalls los. Wir hinten sehen Mündungsfeuer, die beiden Fotografen weit vorne springen vom Wagen, denn der ist sicher das Hauptziel, sie robben hinter Sandhügel. Einer der Kämpfer neben André legt in Ruhe völlig offen in der Wüste mit der Kalaschnikow an, als wäre es dafür nicht zu weit. Da verstummt das Maschinengewehr auf dem Pickup: Ladehemmung. Das Technical der Rebellen wird zersiebt, André und der Portugiese rennen um ihr Leben, zurück, nur zurück zu den anderen Technicals der Rebellen.

Ungefähr da zischt die erste Kugel auch weit hinten an uns vorbei. Schnell dreht der Fahrer um, wartet. Dann gehen auch schon die ersten Granaten runter, kleine Mörser wahrscheinlich, eine Granate links, eine rechts, vielleicht hundertfünfzig Meter weit weg detonieren sie und wirbeln den Sand auf. Die Gaddafi-Soldaten schießen sich wohl auf die Straße ein.

Die dritte Granate schlägt schon etwas näher ein, der Wagen bebt, wir fahren los, nichts wie weg von der Front.

Ausgebrannter Krankenwagen am Straßenrand

André und der portugiesische Fotograf schaffen es bis zu den anderen Technicals, ein Auto bringt sie bis zu dem Punkt, wo wir auf sie warten. Jetzt fahren auch viele Rebellen an uns vorbei zurück Richtung Brega, der von ihnen gehaltenen Ölstadt etwa 90 Kilometer nordöstlich. Einige haben offenbar Verwundete dabei. Wir folgen ihnen.

Nach einigen Kilometern kommen uns Krankenwagen entgegen, mit jaulenden Sirenen, als ginge es zu einem Verkehrsunfall, sollen sie Verwundete abholen. In der Regel schießen Regierungstruppen nicht auf Krankenwagen. Aber auf dem Hinweg sahen wir schon einen, ausgebrannt, genau wie der Pickup mit der Flak.

Am Rand Bregas erreichen wir ein Hospital des Roten Halbmondes, ganz hübsch und sehr klein, mit schmiedeeisernen Toren. Ein Wagen nach dem anderen bringt Verletzte. Menschen aus der Stadt strömen auf den Schotter-Platz davor, zurückgekehrte Kämpfer springen von ihren Wagen.

André Liohn springt in einen der Krankenwagen, die wieder zur Front zurückkehren, nachdem sie ihre Verwundeten hergebracht haben.

Etwa eine halbe Stunde später spricht sich die Nachricht herum, der Rebellentrupp habe das Gefecht an der Düne doch gewonnen und sei direkt bis nach Ras Lanuf vorgedrungen. Ohne Handys sähe diese Revolte sicher anders aus.

Schüsse am Hospitaltor

Die Männer am Krankenhaus schießen mit ihren Kalaschnikows in die Luft, ballern die Magazine leer. An einer Ecke des Hospitals bellt ein Maschinengewehr los. Einer brüllt mir ins Ohr, sie hätten ganz Ras Lanuf erobert. Ein anderer - eben von der Front zurückgekommen - sagt, Gaddafis Truppen bekämen aber nun Unterstützung aus Sirte, der Heimatstadt des Gaddafi-Stammes der Gaddafa. Vielleicht stimmt das, vielleicht nicht.

Dann stellen sich die meisten der Männer in zwei langen Reihen hintereinander auf, über hundert sind es wohl. Ein Geistlicher steht vor ihnen und ruft, sie fallen auf den Boden, sie beten, "Gott ist groß".

Auf der anderen Seite des schmiedeeisernen Tores haben Pfleger eben einen der Kämpfer in die Leichenhalle gebracht.

Am Abend erreicht mich in Brega André per Handy. Aus Ras Lanuf. Er ist mit den Rebellen bis in das Städtchen gekommen, der wirre Trupp von Turnschuh-Soldaten hatte die Straße tatsächlich freigekämpft. Die Menschen auf den Straßen würden sich freuen, sagt André. Die Rebellen würden gerade neue Munition aus der verlassenen Kaserne der Regierungstruppen herausschleppen. Für das nächste Gefecht.

Mitternacht ruft er nochmal an, Regierungstruppen kämen zurück. Es sieht so aus, als sei aus der Revolte ein Bürgerkrieg geworden, der so schnell nicht enden wird.

insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
fritzehü 05.03.2011
1. wer das Feuer sucht
Zitat von sysopSie schwingen Gewehre, Panzerfäuste oder Säbel, brausen mit ihren Pick-up-Trucks durch die Wüste*- und liefern sich Feuergefechte mit den Gaddafi-Truppen: SPIEGEL-Reporter Clemens Höges zog mit einer wilden Horde libyscher Rebellen an die Front. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749253,00.html
Also ich möchte hier keinen Betroffenheitsbeitrag abgeben müssen, falls diesem Clemens Höges dort was passiert. Weiterhin bin ich auch nicht gewillt Maßnahmen der deutschen Bundesregierung zu sponsern, sofern man den "Reporter" dort 'rausholen muß. Irgendwie müssen einige Leute wohl was am Kopp haben oder ist das die Verzweiflung von Journalisten auf der Jagd nach Honorar?
Centurio X 05.03.2011
2. Mit dem Schwert zur Front, ohne Befehlsstruktur...
Zitat von sysopSie schwingen Gewehre, Panzerfäuste oder Säbel, brausen mit ihren Pick-up-Trucks durch die Wüste*- und liefern sich Feuergefechte mit den Gaddafi-Truppen: SPIEGEL-Reporter Clemens Höges zog mit einer wilden Horde libyscher Rebellen an die Front. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749253,00.html
...und das Leefeuern der AK 47-Magazine in die Luft sind untrügliche Anzeichen, daß es mit der "Kampfkraft" der Gaddafi-Gegener nicht weit her sein kann. Wenn es Gaddafi gelingt, richtige Soldaten bzw. kampferprobte Söldner aufzubieten, wird er militärisch leichtes Spiel mit diesen "Operettenhelden" haben.
diefreiheitdermeinung 05.03.2011
3. Jetzt haben wir den Salat
denn erst wird wochenlang von europaeischen Politikern - Sonntagreden schwingend - und von nachrichtensuechtigen Vertretern der Medien, die wie immer quasi mit Fallschirmen einschweben und innerhalb von Stunden Libyen-Experten sind, die lybische Revolution fuer Freiheit und Demokratie (ach ja?, wirklich? oder eigentlich wegen was ganz Anderem?) hochgeputscht. Dann wir den Libyern eingeredet: "wir sind auf Eurer Seite (ganz egal was Eure Motivation ist, solange nur G. verschwindet)". Die Libyer baeumen sich auf, denn WIR stehen ja hinter ihnen. Und dann stehen wir haendringend daneben und stottern wenn wir nach einer Loesung gefragt werden denn nun sind wir ploetzlich garnicht mehr so sicher ob wir unseren eigenen Kopf fuer den Kampf um Demokratie hinhalten sollen. Richtig! Die Libyer muessen ihre angeblichen Demokratiekampf schon selber fuehren. Und wenn wir das so wollen sollten sich Politiker und Medien tunlichst raushalten und nicht noch mehr Oel ins Feuer zu giessen. Oder wie machen wirklich richtig ernst und zeigen nicht nur durch viel Geschwaetz sondern auch durch schnelle durchschlagende Art, dass wir unsere Grundsaetze mit der Kanone durchzusetzen bereit sind. Na ja, bereit vielleicht aber in der Lage ? Nein, das sind die europaeischen Armeen nun wirklich nicht mehr; nicht weil sie nicht die Waffen haetten. Sondern weil sie weder den Mumm dazu haben, nicht den Rueckhalt in der eigenen Bevoelkerung und schon gar nicht die Sympathien in der muslimischen Welt. Konsequenz: sollen doch bitte die reichen Oelstaaten die humanitaere Hilfe leisten und die kampffaehigen neuen Demokratien (Aegypten, Tunesien (oder etwas doch nicht?) notfalls den militaerischen Part. Europa und die USA haben KEINE Rolle in Libyen zu spielen.
stefan kaitschick 05.03.2011
4. Daumen drücken
Der Westen zaudert und zögert. Dabei liesse sich zur Zeit mit Luftunterstützung der Rebellen eine Menge erreichen. Wenn Gaddafi die begeisterten Amateure zusammengeschossen hat, gibt es niemanden mehr, den man aus der Luft unterstützen kann. Dann würde nur noch eine Bodenoffensive helfen. Die kommt natürlich erst recht nicht. Die ausgeklügelte Strategie des Westens: Daumen drücken.
dk_hannjuck 05.03.2011
5. Quark
Zitat von fritzehüAlso ich möchte hier keinen Betroffenheitsbeitrag abgeben müssen, falls diesem Clemens Höges dort was passiert. Weiterhin bin ich auch nicht gewillt Maßnahmen der deutschen Bundesregierung zu sponsern, sofern man den "Reporter" dort 'rausholen muß. Irgendwie müssen einige Leute wohl was am Kopp haben oder ist das die Verzweiflung von Journalisten auf der Jagd nach Honorar?
Es ist nicht möglich, dass Journalisten in einer Redaktion in Deutschland sitzen und über Konflikte in anderen Ländern berichten. Wenn sie sich nicht in den Krisengebieten selbst aufhalten und somit auch manchmal in Lebensgefahr begeben, dann hätten wir überhaupt keine verlässliche Quelle um zu erfahren was dort überhaupt passiert. Die Arbeit von Journalisten ist eine der wichtigsten um die Menschheit von dem zu informieren was dort passiert. Und deswegen will ich auch, dass Steuergelder verwendet werden um Journalisten im Notfall zu helfen.
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