Lindh-Attentat Polizei dehnt Fahndung auf ganz Europa aus

Fünf Tage nach der Ermordung Anna Lindhs gibt es offenbar einen viel versprechenden Hinweis auf die Identität des Täters: DNS-Spuren in einer Baseball-Mütze. Die Fahndung nach dem Täter wurde inzwischen auf ganz Europa ausgedehnt.


Aufmacher des "Aftonbladets": Das Fahndungsbild des mutmaßlichen Täters
AFP

Aufmacher des "Aftonbladets": Das Fahndungsbild des mutmaßlichen Täters

Stockholm - Fünf Tage nach dem Messer-Angriff auf die schwedische Außenministerin wird nun in ganz Europa nach dem Attentäter gesucht. Die Bilder aus der Kaufhaus-Kamera von dem verdächtigen Mann wurden inzwischen über Europol an die Polizeibehörden in ganz Europa übermittelt.

Wie die Fahndungsleitung am Montag in Stockholm mitteilte, ist der auf den veröffentlichten Fotos abgebildete Mann noch nicht identifiziert. Man werde seinen Namen vermutlich nicht sofort preisgeben, wenn man ihn denn kenne, sagte der Polizeisprecher. Fahndungschef Leif Jennekvist bestritt ausdrücklich Zeitungsangaben, wonach der Mann namentlich bekannt sei und voraussichtlich in den kommenden zwei Tagen gefasst werde. Man sei weiter auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen.

Das "Svenska Dagbladet" hatte zuvor berichtet, die Polizei habe den Mann identifiziert. Es sei ein als Messerstecher mehrfach vorbestrafte Mann, der sich vermutlich noch in Stockholm aufhalte, hieß es in dem Zeitungsbericht. Das Blatt hatte zudem über Zeugenaussagen berichtet, wonach der mutmaßliche Täter unmittelbar nach dem Anschlag mehrere Passanten auf Schwedisch angesprochen habe.

Am Montagnachmittag konnte die Polizei dann doch noch eine Erfolgsmeldung verkünden: Auf einer vom Mörder zurückgelassenen Baseball-Kappe wurde eine DNS-Probe sichergestellt. Allerdings sei in der landesweiten Gen-Datenbank keine übereinstimmende Probe gefunden worden, sagte ein Polizeisprecher.

Zuvor hatte es geheißen, Lindhs Mörder habe sich bei dem Messeranschlag möglicherweise selbst verletzt. Am Tatort im Stockholmer NK-Kaufhaus hätten die Ermittler Blutspuren entdeckt, die nicht von Lindh stammen.

Die Polizei schließe nicht aus, dass der gesuchte Mann eine Schnittwunde an der Hand habe, berichteten die Zeitungen "Dagens Nyheter" und "Expressen". Die 46-jährige Sozialdemokratin war am Mittwoch bei einem Einkaufsbummel niedergestochen und rund 13 Stunden später an inneren Blutungen gestorben.

Standbilder von der Kaufhaus-Kamera: Der Verdächtige
DPA

Standbilder von der Kaufhaus-Kamera: Der Verdächtige

Um mögliche DNS-Spuren des Täters zu bekommen, sollen zudem Spezialisten des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden sowie britische Experten die Tatwaffe untersuchen. Dies ist in Schweden technisch nicht möglich. Nach Veröffentlichung der Bilder des Hauptverdächtigen, die von den Überwachungskameras des Kaufhauses drei Minuten vor dem Mord aufgezeichnet wurden, gingen rund 2000 Hinweise aus der Bevölkerung ein.

Auf den Bildern ist ein junger, schlanker Mann mit blauer Baseball-Kappe, schulterlangem, dunklem Haar, grauem Sweatshirt und einer Militärhose zu sehen.

Nach Zeitungsberichten sucht die Polizei den Attentäter nicht mehr nur in Kreisen psychisch stark gestörter Drogenabhängiger mit Vorstrafen wegen Gewalttätigkeit, darunter vor allem Obdachlose. Dies sei auch Konsequenz der Fotos, auf denen ein Mann mit vergleichweise gepflegter Kleidung zu sehen ist.

Die Zeitung "Svenska Dagbladet" berichtete unter Berufung auf Quellen im Karolinska-Krankenhaus, dass der Mörder Lindhs mit seinem Messer offenbar zielgerichtet weit schwerere Verletzungen zugefügt habe als bisher angenommen.

So soll er das Messer in ihre Leber gerammt und dann gedreht haben, was das Organ weitgehend zerstörte und schwere innere Blutungen auslöste. Die 46-jährige habe deshalb entgegen früheren offiziellen Äußerungen schon bei ihrer Einlieferung nur geringe Überlebenschancen gehabt.



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