Litwinenko-Mord 33.000 Fluggäste von Polonium-Alarm betroffen

Tausende besorgte Flugpassagiere rätseln: Wurden sie dem radioaktivem Stoff ausgesetzt, an dem der Kreml-Kritiker Litwinenko starb? Das britische Innenministerium hat fünf Flugzeuge im Verdacht - die Hunderte Male quer durch Europa flogen.


London/Berlin - Bei der Untersuchung des mysteriösen Gifttodes des früheren russischen Spions Alexander Litwinenko sind die britischen Ermittler auf radioaktive Spuren in Passagierflugzeugen gestoßen. Einige der insgesamt fünf verdächtigen Maschinen flogen auch Deutschland an.

Tausende Passagiere wandten sich heute besorgt an die Gesellschaft. Diese erklärte, die gesundheitlichen Risiken seien gering. Großbritanniens Innenminister John Reid versprach, die Länder zu informieren, die von den verdächtigen Maschinen angeflogen worden seien.

Die britischem Ermittler fanden Reid zufolge bei ihrer Untersuchung des Todes Litvinenkos bislang an zwölf Orten radioaktive Spuren. Reid versicherte den Ermittlern, politische Einschränkungen werde es nicht geben. Russland habe ein Höchstmaß an Unterstützung zugesagt. Die Regierung in Moskau bekräftigte ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

British Airways nahm drei Maschinen aus dem Betrieb, die vorwiegend zwischen London und Moskau verkehrten. In zwei von ihnen wurden dem Unternehmen nach "sehr schwache Spuren" einer radioaktiven Substanz entdeckt. Die dritte Maschine wurde in Moskau untersucht.

Die Maschinen hatten laut British Airways seit Ende Oktober 221 Flüge zurückgelegt, darunter 47-mal die Strecke zwischen London und Moskau. British Airways versuche nun, alle 33.000 Passagiere ausfindig zu machen, die in den vergangenen vier Wochen mit den betroffenen Boeings 767 gereist waren. Die Gesellschaft richtete Sondernummern für besorgte Reisende ein.

Zwei Maschinen, in denen radioaktive Strahlung nachgewiesen wurde, flogen in den vergangenen fünf Wochen auch Düsseldorf und Frankfurt an. Die Flughafenbetreiber schlossen eine Gefährdung ihrer Mitarbeiter dennoch aus. Theoretisch hätten Mitarbeiter beim Be- und Entladen der Maschinen in Kontakt mit Strahlenmaterial kommen können. "Dass dabei Mitarbeiter tatsächlich kontaminiert worden sind, halten wir für sehr unwahrscheinlich", sagte ein Sprecher von Fraport.

Auf den deutschen Strecken handelt es sich laut British Airways um folgende Flüge: BA 916 vom 26. Oktober und 2. November von London Heathrow nach Frankfurt. BA 901 vom 27. Oktober und 3. November von Frankfurt nach London. Auf der Strecke London-Düsseldorf sollen die Flüge BA 936 und BA 937 von folgenden Daten überprüft werden: 30.Oktober sowie 6., 8., 9., 11., 13., 18., 19., 24., 25. und 27. November.

British Airways schaltete für internationale Anrufe von betroffenen Fluggästen die Nummer 0044-191-211-3690. Internationale Fluggäste sollten die örtlichen Gesundheitsbehörden kontaktieren. Trotz der Ermittlungen erwartet die Fluggesellschaft nach eigener Aussage derzeit keine Beeinträchtigungen des Betriebs.

In Deutschland hat die Nachricht über die radioaktiven Spuren in Passagiermaschinen bislang keine große Besorgnis ausgelöst. "Anfragen sind überschaubar", sagte ein Sprecher des Forschungszentrums Jülich. Man rüste sich aber für den Fall.

Auch beim Forschungszentrum Karlsruhe ist der "große Ansturm" bisher ausgeblieben, sagte ein Sprecher. Ein gutes Dutzend Menschen hätte sich bisher gemeldet. Beide Zentren führen Urin-Test durch. Eine Sprecherin des Flughafen Düsseldorf sagte, beim Airport seien zunächst keine Anfragen eingegangen.

Auch beim Frankfurter Flughafen und seiner Klinik gab es keine Nachfragen. "Die Gesundheitsämter rüsten sich dennoch für tausende von Anfragen", sagte Herwig Paretzke, Direktor des Instituts für Strahlenschutz am GSF- Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München. Das Stadtgesundheitsamt in Frankfurt hat nach Angaben seiner Leiterin prophylaktisch in Neuherberg gefragt, ob dort Urin-Proben untersucht werden könnten. Dabei ging es nicht um konkrete Fälle.

Reid sagte vor dem Parlament in London, eine Boeing 737 der russischen Gesellschaft Transaero werde von britischen Experten ebenfalls untersucht. Sie sei am Morgen von Moskau kommend auf dem Londoner Flughafen Heathrow gelandet. Die Behörden seien auch daran interessiert ein weiteres russisches Flugzeug zu überprüfen. Reid schloss nicht aus, dass sich die Untersuchungen noch ausweiten könnten. "Weitere Flugzeuge könnten betroffen sein, aber wir wissen dies derzeit noch nicht."

Transaero erklärte, uneingeschränkt mit den britischen Behörden zusammenzuarbeiten. Das vor 15 Jahren gegründete Unternehmen ist die erste private russische Fluggesellschaft.

Sie fliegt nach eigenen Angaben weltweit 145 Ziele in 56 Ländern an, vor allem aber innerhalb Russlands und in europäischen Ländern. In Deutschland werden die Flughäfen Berlin und Frankfurt mit Linienverbindungen direkt angesteuert.

Ein italienischer Kontaktmann Litwinenkos bestritt unterdessen, den Ex-Geheimdienstler vergiftet zu haben. Die britische Polizei suche den Täter woanders, sagte Mario Scaramella. Der unter dem Schutz der britischen Polizei stehende Italiener hatte Litwinenko am 1. November in einer Londoner Sushi-Bar getroffen, in der auch radioaktive Spuren gefunden wurden. Berichten zufolge soll Litwinenko gemutmaßt haben, Scaramella könne ihn vergiftet haben. "Das ist völlig absurd", sagte Scaramella. Die Polizei behandele ihn nicht als Beschuldigten. Zudem sei er nicht radioaktiv verseucht.

Litwinenko war vergangene Woche in London an einer Vergiftung mit dem radioaktiven Stoff Polonium 210gestorben. Vom Sterbebett aus hatte er Russlands Präsident Wladimir Putin beschuldigt, seine Ermordung befohlen zu haben. Russland wies die Vorwürfe zurück.

hen/Reuters/dpa/AFP



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