Litwinenko-Mord Tausende Fluggäste fürchten Vergiftung - fünf Jets auf Radioaktivität untersucht

Der Giftmord an Kreml-Kritiker Litwinenko verunsichert Fluggäste in aller Welt: In zwei Jets sind radioaktive Spuren nachgewiesen, einer wird noch überprüft, jetzt hat die Polizei noch zwei verdächtige Flugzeuge ermittelt. Insgesamt wurden schon an 12 Orten strahlende Substanzen nachgewiesen.


London/Frankfurt am Main - Bislang hätten sich weltweit rund 2500 Passagiere bei British Airways (BA) gemeldet, teilte das Flugzeugunternehmen mit. Die Gefahr für die Passagiere werde als gering eingeschätzt, versuchte das Unternehmen die besorgten Fluggäste zu beruhigen. Drei Flugzeuge vom Typ Boeing 767 würden bis auf weiteres außer Betrieb bleiben, gab die deutsche Zentrale der BA bekannt.

Die drei Maschinen waren im Zuge der Ermittlungen nach dem Tod des russischen Ex-Agenten Alexander Litwinenko untersucht worden, der mit radioaktivem Polonium-210 ermordet wurde. In zwei Flugzeugen auf dem Londoner Großflughafen Heathrow wurden nach Angaben der britischen Regierung Spuren eines radioaktiven Materials gefunden, die dritte Maschine in Moskau wird noch untersucht.

Heute Mittag wurde bekannt, dass noch ein viertes Flugzeug untersucht wird. Es handelt sich um einen Jet der russischen Fluglinie Transaero. Eine Sprecherin teilte später jedoch mit, in dieser Maschine seine keine Radioaktivität festgestellt worden. Auch das fünfte verdächtige Flugzeug fliegt für eine russische Gesellschaft. Um welche es sich handelt, ist noch nicht bekannt.

Polonium-210 ist zwar radioaktiv, gibt aber lediglich Alphastrahlung ab. Im Unterschied zur Gammastrahlung, die etwa bei der Explosion einer Kernwaffe frei wird, können Alphateilchen die menschliche Haut nicht durchdringen. Polonium-210 ist deshalb relativ ungefährlich, solange es nicht in den Körper gelangt. Wird die Substanz aber geschluckt, inhaliert oder über eine Wunde aufgenommen, kann es zu schweren Schäden an den Organen kommen, da die Alphastrahlung nun lebende Zellen angreifen kann und nicht in den toten Zellen der oberen Hautschichten hängenbleibt.

Insgesamt wurden an 12 Orten in Großbritannien radioaktive Spuren nachgewiesen, sagte Innenminister John Reid heute Mittag. Die Zahl der Menschen, die dem hochgefährlichen Stoff mutmaßlich ausgesetzt waren, gab Reid mit 18 an. Erste Tests seien bislang negativ verlaufen. Alle drei anderen Maschinen waren der Fluggesellschaft zufolge auf der Route London-Moskau im Einsatz. Die britischen Behörden wollten zunächst nicht bestätigen, dass es sich bei der Substanz um das seltene Polonium-210 handelt, das nach dem Tod Litwinenkos vom 23. November in dessen Körper gefunden worden war.

Laut BA sind insgesamt 221 Flüge in Europa mit 33.000 Passagieren betroffen. British Airways versucht nun, alle Fluggäste ausfindig zu machen. Eine Liste aller Flüge hat BA veröffentlicht. Die drei britischen Verkehrsflugzeuge hatten neben Moskau zuletzt auch Düsseldorf, Frankfurt am Main, Athen und Barcelona angeflogen.

Auf den deutschen Strecken handelt es sich laut BA um folgende Flüge: BA 916 vom 26. Oktober und 2. November von London Heathrow nach Frankfurt. BA 901 vom 27. Oktober und 3. November von Frankfurt nach London. Auf der Strecke London-Düsseldorf sollen die Flüge BA 936 und BA 937 von folgenden Daten überprüft werden: 30.Oktober sowie 6., 8., 9., 11., 13., 18., 19., 24., 25. und 27. November.


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British Airways schaltete für internationale Anrufe von betroffenen Fluggästen die Nummer 0044-191-211-3690. Internationale Fluggäste sollten die örtlichen Gesundheitsbehörden kontaktieren. Trotz der Ermittlungen erwartet die Fluggesellschaft nach eigener Aussage derzeit keine Beeinträchtigungen des Betriebs.

Deutsche Flughäfen sehen keinen Handlungsbedarf

Die betroffenen beiden deutschen Flughäfen Frankfurt und Düsseldorf sehen keinen akuten Handlungsbedarf. "Es ist zunächst Sache von British Airways zu den Passagieren Kontakt aufzunehmen. Für Flughafen-Beschäftigte schließen wir nach derzeitigem Kenntnisstand eine Gefährdung aus", sagte ein Sprecher des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport. Theoretisch hätten Mitarbeiter beim Be- und Entladen von Gepäckstücken in Kontakt mit Strahlenmaterial kommen können. "Dass dabei Mitarbeiter tatsächlich kontaminiert worden sind, halten wir für sehr unwahrscheinlich", sagte der Fraport-Sprecher.

Ähnlich äußerte sich ein Sprecher des Flughafens Düsseldorf, wo ebenfalls in den vergangenen Wochen mehrfach auf Radioaktivität getestete Flugzeuge gelandet waren. "Wir sehen für uns keinen Handlungsbedarf und warten zunächst einmal auf weitere Erkenntnisse von British Airways und den Behörden", sagte der Sprecher.

Litwinenko war vorige Woche in London an Vergiftungserscheinungen gestorben. Der frühere Geheimdienstoffizier hatte Russlands Präsidenten Wladimir Putin vom Sterbebett aus beschuldigt, seine Ermordung befohlen zu haben. Die russische Führung hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

als/mbe/ap/Reuters



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