Litwinenko und Scaramella Geheimdienst-Experten im Zwielicht

Nach dem Tod des Ex-Spions Litwinenko und der Vergiftung seines Kontaktmanns Scaramella melden sich Stimmen, die beiden Opfern dubiose Machenschaften unterstellen. Ein tschetschenischer Exil-Politiker verdächtigt dagegen die Kreml-Spitze, hinter dem Mord zu stecken.


London - Alexander Litwinenko soll im Besitz von Geheimdienstdokumenten gewesen sein, mit denen er andere hätte erpressen können. Dies berichtet der Londoner "Observer". Die Liste habe von reichen russischen Geschäftsleuten über korrupte Beamte bis hin zu "Quellen im Kreml" gereicht.

Der Tatort? Polizisten vor dem abgesperrten Sushi-Restaurant "Itsu"
AFP

Der Tatort? Polizisten vor dem abgesperrten Sushi-Restaurant "Itsu"

Durch die Erpressungen habe Litwinenko "zehntausende Pfund" machen wollen, schreibt der "Observer". Die Zeitung beruft sich auf die Studentin Julia Svetlichnaja, die von Litwinenko aufgefordert worden sein soll, in das Geschäft mit einzusteigen. Sie sagte: "Er erzählte mir, dass er alle Arten von mächtigen Menschen erpressen wolle, darunter Oligarchen, korrupte Beamte und Quellen im Kreml."

Dadurch könne sich Litwinenko viele Feinde gemacht haben, spekuliert der "Observer". Die Anschuldigungen sind allerdings schwer zu verifizieren.

Der britische Innenminister John Reid will die Ermittlungen zu einer europäischen Angelegenheit machen. "Ich glaube, dass sich das im Laufe der kommenden Tage etwas über das Territorium Großbritanniens ausweiten wird", sagte Reid einem britischen Fernsehsender. Die Gesundheitsbehörden arbeiteten bereits mit europäischen Stellen zusammen; die Ermittler würden diesen Schritt ebenfalls machen. "Wir folgen dem Fall dorthin, wohin er uns führt."

Leben von Scaramella bedroht

Auch die Rolle des ebenfalls vergifteten italienischen Sicherheitsberaters Mario Scaramella, mit dem Litwinenko kurz vor seinem Tod zusammengekommen war, bleibt weiterhin dubios. Scaramella ließ heute durch seinen Anwalt mittteilen, er haben eine "potenziell tödliche" Strahlendosis erhalten. Seine Vergiftung mit Polonium sei wesentlich geringer als die Litwinenkos. Aber sie sei dennoch "in der Lage, mich umzubringen". Scaramella, der sich mit Litwinenko am 1. November in einer Londoner Sushi-Bar getroffen hatte, liegt derzeit in einem Londoner Krankenhaus.

"Meine Vergiftung kann mit Informationen zusammenhängen, die Litwinenko mir seit Monaten zukommen ließ", sagte der 36-Jährige weiter. "Ich hoffe, dass ich überlebe, um alle Dinge, die über mich gesagt und geschrieben werden, zu widerlegen."

Die Wege des "professore", wie sich Scaramella selbst gerne nannte, seien verschlungen, berichten italienische Zeitungen. Sie beschreiben ihn als "Schattenmann", als Person im Zwielicht von Geheimdiensten, Kriminalität und Politik. Dubiose Geschäfte, windige Dossiers, undurchsichtige Machenschaften seien sein Metier.

Immer wieder rühmte sich Scaramella prominenter Kontakte im "Sicherheitsbereich", setzte wundersame Geschichten in die Welt, etwa, dass im Golf von Neapel ein russisches Atom-U-Boot auf der Lauer liege. Einen "abenteuerlichen Berater" nennt ihn die Zeitung "Corriere della Sera". Im vergangenen Jahr ermittelte die römische Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des Waffenhandels gegen Scaramella. Zeitweise war dabei auch von angereichertem Uran die Rede, von Ex-KGB-Agenten, die das Strahlenmaterial in Koffern zu dunklen Treffs in den Mini-Staat San Marino eingeflogen hätten.

Verwicklungen mit italienischer Politik

Eine Art "Karrieresprung" in die bessere Gesellschaft habe Scaramella im Jahr 2002 erlebt: Die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi setzte damals eine Untersuchungskommission ein, die angebliche Verwicklungen des KGB in Italien während des Kalten Krieges aufdecken sollte, Vorsitzender wurde Paolo Guzzanti, ein Vertrauensmann Berlusconis. Und Guzzanti wählte sich Scaramella als Berater.

Doch innerhalb der Kommission wurden rasch Stimmen gegen die Aktivitäten Scaramellas laut, "kaum glaubwürdig" sei sein Vorgehen. Kritiker werfen Berlusconi noch heute vor, das wahre Ziel der Kommission sei es gewesen, dem Linkslager und seinem "Intimfeind" Romano Prodi "Schmutz anzuhängen".

Die beiden Geheimdienst-Experten Litwinenko und Scaramella trauten sich auch gegenseitig nicht über den Weg: Auf dem Totenbett soll Litwinenko den Verdacht geäußert haben, möglicherweise habe ihm Scaramella die fatale Strahlenladung verabreicht. Schließlich sei es sein "Freund Mario" gewesen, mit dem er sich am 1. November in jener Londoner Sushi-Bar am Piccadilly Circus getroffen habe. Scaramella sei "nervös gewesen", habe "das Essen nicht einmal angerührt". Lediglich ein Glas Wasser habe der Italiener getrunken.

In die Litwinenko-Ermittlungen hat sich inzwischen auch die amerikanische Bundespolizei FBI eingeschaltet. FBI-Leute hätten den früheren KGB-Agenten Juri Schwets in Washington befragt, der Informationen über die Ereignisse um Litwinenko habe, berichten britische Medien. Er habe den Beamten ein Dokument aus Litwinenkos Besitz gegeben, in dem Enthüllungen über die Zerschlagung des russischen Ölkonzerns Yukos durch Moskau enthalten seien.

Der in London lebende tschetschenische Exilpolitiker Ahmed Sakajew hat indessen den russischen Geheimdienst FSB beschuldigt, schon vor einigen Jahren Tschetschenen mit Hilfe von Polonium 210 umgebracht zu haben. Diese "Versuche", denen beispielsweise der Kommandeur Letscha Ismajlow zum Opfer gefallen sei, hätten dazu gedient, Polonium 210 als Mordwaffe zu testen, sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Sakajew, ein enger Freund von Litwinenko, machte den russischen Präsidenten Waldimir Putin für den Mord verantwortlich. Er halte nichts von der Theorie, dass es nur eine Gruppe innerhalb des Geheimdienstes gewesen sein soll, die Putin schaden wollte. "Eine Operation von solchem Maßstab wird nicht ohne die Zustimmung der ersten Person im Staat durchgeführt."

jaf/AP/dpa/AFP/rtr



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