Litwinenkos Abschiedsworte Vergifteter Ex-Spion beschuldigte Putin

Es ist eine bittere Anklage gegen Wladimir Putin, die weltweit Gehör finden wird. In seinem schriftlichen Vermächtnis macht der vergiftete Ex-Spion Litwinenko Russlands Präsidenten für seinen Tod verantwortlich. Doch der Kreml bestreitet nach wie vor jede Verwicklung in den Fall.


London - Am 21. November wurde Alexander Litwinenko bewusst, dass das Gift in seinem Körper siegen würde. Er diktierte seinem Anwalt seine Abschiedserklärung, die er nur Stunden vor seinem Tod noch selbst unterzeichnete. Es sind nur wenige Zeilen, das schriftliche Vermächtnis eines Mannes, der sich als Opfer eines übermächtigen, rücksichtslosen Regimes sieht. Alexander Goldfarb, Litwinenkos engster Vertrauter und Sprachrohr des früheren russischen Agenten in dessen letzten Stunden, verlas die Erklärung heute vor dem Londoner University College Hospital, in dem Litwinenko gestern Abend im Alter von 43 Jahren verstorben war.

"Sie werden mich vielleicht erfolgreich zum Schweigen bringen, aber dieses Schweigen hat seinen Preis. Sie haben sich genau so barbarisch und unbarmherzig gezeigt wie es ihre schlimmsten Kritiker behaupten", zitierte Goldfarb die anklagenden Worte seines Freundes. "Sie mögen einen einzelnen Menschen zum Schweigen gebracht haben. Aber der weltweite Aufschrei des Protests, Herr Putin, wird Ihr ganzes restliches Leben in Ihren Ohren widerhallen. Möge Gott Ihnen vergeben für das, was Sie getan haben." Er habe sich als seines Amtes unwürdig erwiesen, unwürdig des Vertrauens zivilisierter Frauen und Männer, heißt es weiter an die Adresse des russischen Präsidenten gerichtet. Dieser zeige keinerlei Respekt vor Leben, Freiheit und den Werten der Zivilisation.

Freunde Litwinenkos hatten seit dessen Erkrankung immer wieder mit dem Finger nach Moskau gezeigt und den russischen Geheimdienst und die russische Regierung des Giftanschlags auf den ehemaligen Spion bezichtigt. Der Filmemacher Andrej Nekrasow, der Litwinenko täglich am Krankenbett besucht hatte, bekräftigte gegenüber der britischen Tageszeitung "The Times" die Vorwürfe. Der einzig logische Grund für die Tat sei Rache. Der Kreml betrachte Litwinenko als Feind, weil dieser ein unermüdlicher Kritiker Putins gewesen sei. "Er hatte die Mission, die Verbrechen seiner früheren Kollegen aufzudecken", sagte Nekrasow heute.

Litwinenko, der schon zu Sowjetzeiten für den KGB arbeitete, hatte seiner Heimat vor sechs Jahren den Rücken gekehrt und in Großbritannien um Asyl gebeten. In den Jahren zuvor hatte er schwere Anschuldigungen gegen seinen ehemaligen Dienstherrn erhoben. Öffentlich beschuldigte er den Russischen Inlandsgeheimdienst FSB, ihm den Auftrag zur Ermordung des russischen Oligarchen Boris Beresowski gegeben zu haben, der heute ebenfalls im Exil in London lebt und zu Litwinenkos Bekanntenkreis zählt. In einem Buch machte er FSB-Agenten zudem für die blutigen Anschläge auf Moskauer Appartmentkomplexe im Jahr 1999 verantwortlich, mit denen der Kreml den zweiten Tschetschenien-Krieg rechtfertigte. Zuletzt recherchierte Litwinenko im Fall der Ermordung der Kreml-kritischen Journalistin Anna Politkowskaja.

Bei seiner Einlieferung in die Klinik gab er an, am 1. November vergiftet worden zu sein. Zunächst vermuteten die Ärzte, dass es sich bei dem Gift um radioaktives Thallium handelt, schließlich mussten sie einräumen, nicht zu wissen, welche Substanz das Knochenmark und damit das gesamte Immunsystem des russischen Patienten zerstörte. "Ich will überleben, nur um es denen zu zeigen", zitierte Filmemacher Nekrasow seinen Freund von einem ihrer letzten Treffen, bei denen dieser noch bei Bewusstsein war. In den vergangen beiden Tagen hatte sich der Zustand Litwinenkos dramatisch verschlechtert, gestern am späten Abend starb er an Herzversagen.

"Eine winzige, unsichtbare Atombombe"

Am Sterbebett wachte Litwinenkos Vater Walter, der vor drei Tagen aus Russland nach Großbritannien gekommen war. Unter Tränen sprach er heute vor Journalisten von einem "quälenden Tod" seines "tapferen Sohnes". Die linke Hand zur Faust geballt, warf er dem Kreml mit bebender Stimme vor, Alexander mit einer "winzigen Atombombe" getötet zu haben, "so klein, dass man sie nicht sehen kann". Doch die Täter seien im Besitz großer Atombomben, das Regime in Moskau sei eine "tödliche Gefahr für die Welt".

Ein Sprecher des Kremls in Helsinki, wo Putin am EU-Russland-Gipfel teilnimmt, wies heute erneut jegliche Verwicklung in den mysteriösen Fall zurück. Der Tod eines Menschen sei immer eine Tragödie, sagte er. Es sei nun die Aufgabe der britischen Ermittler, den Fall aufzuklären.

Bis auf weiteres ermittelt Scotland Yard eigenen Angaben zufolge offiziell nicht wegen eines mutmaßlichen Giftmordes, sondern wegen eines "ungeklärten Todesfalls". Aufschluss über die genaue Todesursache erhoffen sich die Ermittler von einer gerichtsmedizinischen Untersuchung der Leiche. Bis die Ergebnisse vorliegen, könne jedoch "viel Zeit" vergehen, hieß es in Expertenkreisen.

Keine Angaben machten Litwinenkos Freunde und Familie heute zu einem Bericht eines Moskauer Radiosenders, nach dem der Ex-Agent kurz vor seinem Tod zum Islam übergetreten sei. "Echo Moskwy" hatte gemeldet, der Kreml-Kritiker habe seine Entscheidung auf dem Krankenbett einem islamischen Geistlichen mitgeteilt.

phw/AP/dpa/Reuters/AFP



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