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Lkw-Anschlag in Jerusalem Israels Angst vor dem IS

Das Lastwagen-Attentat von Jerusalem schockiert und verunsichert Israel gleichermaßen. War es der IS - oder eine Palästinensergruppe? Die Tat erinnert jedenfalls an die Anschläge in Nizza und Berlin.

Es sind Bilder, die selbst im terrorerprobten Israel die Menschen zutiefst schockieren: Junge Soldaten rennen in ihren olivgrünen Uniformen um ihr Leben, als ein Lastwagen am Sonntag in Jerusalem in eine Gruppe von Kadetten rast. Die Kräfte, die das Land verteidigen sollen, fliehen hilflos vor einem Einzeltäter. Der Angreifer tötet vier Menschen und verletzt zwölf weitere. Erst nach rund einer halben Minute reagieren einige der Soldaten und schießen.

Es ist einer der schwersten Anschläge der vergangenen Monate. Noch am Sonntag besucht Premierminister Benjamin Netanyahu den Tatort: "Wir kennen die Identität des Angreifers. Alles deutet darauf hin, dass er ein Unterstützer des 'Islamischen Staats' ist."

In arabischen sozialen Medien reklamierte indes eine Bewegung mit dem Namen "Gruppen der Märtyrer Baha Elejan" den Anschlag für sich. Der Organisation gehörten Palästinenser an, "die keine Verbindungen außerhalb Palästinas" hätten. Sie seien bereits früher aktiv gewesen und würden weitere Anschläge verüben. Allerdings: Eine Gruppe dieses Namens ist bislang nie in Erscheinung getreten.

Der Angriff ähnelt allerdings ganz offensichtlich jenen Attacken in Nizza und zuletzt in Berlin, bei denen die Terroristen Lastwagen als Waffen nutzten. Auch Gespräche mit der Familie des Angreifers deuten auf einen möglichen Einfluss durch den IS hin: Fadi al-Quanbar sei nie Mitglied einer politischen Organisation gewesen, kein palästinensischer Aktivist. Er sei eigentlich nicht religiös gewesen, habe sich aber zuletzt stärker für den Islam interessiert, seinen Bart wachsen lassen und salafistische Kleidung getragen, so erzählten es die Nachbarn der israelischen Zeitung "Haaretz". Offenbar radikalisierte er sich über das Internet, sehr wahrscheinlich inspirierten ihn die Videos des IS.

Al-Quanbars Geschichte ist nicht untypisch für jene jüngste Welle palästinensischer Gewalt, die es nun schon seit mehr als einem Jahr gibt:

  • Die Täter sind Einzelgänger, einige von ihnen gehörten kleineren lokalen Terrorzellen an.
  • Die wenigsten Attacken sind organisiert.
  • Die Angreifer sind jung, oft handeln sie spontan.
  • Als Waffen dienen ihnen Gegenstände des täglichen Gebrauchs: Küchenmesser, Scheren - oder eben Autos.
  • Die Attacke am Sonntag ist auch nicht die erste, bei der ein Fahrzeug zum Einsatz kam.
  • Al-Quanbar kommt aus dem vernachlässigten Ostjerusalemer Viertel Jabel Mukaber, von hier stammten auch viele weitere Täter.

"Wir sollten nicht der falschen Annahme verfallen, dass es sich hier um einen Angriff des 'Islamischen Staats' handelt", sagt der Terrorexperte Boaz Ganor vom Internationalen Anti-Terror-Institut in Herzlya. Es habe in Israel bislang keinen Anschlag gegeben, der direkt von der Terrorgruppe organisiert wurde. Außerdem gebe es weder Zellen des IS im Land noch radikalisierte Rückkehrer aus Syrien oder Libyen. Es gebe nur einige wenige Fälle von jungen Männern, die Israel oder die palästinensischen Gebiete verlassen hätten, um tatsächlich für den IS zu kämpfen.

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Terror in Israel: Schockiert und verunsichert

Foto: Mahmoud Illean/ AP

Der Attentäter vom Sonntag sei zwar vom "Islamischen Staat" inspiriert worden, doch Kontakt zu einem der Zweige der Terrororganisation habe es ebenso wenig gegeben wie einen direkten Befehl. "Wir haben es hier immer noch mit einem Terroristen der Gruppe einsamer Wolf zu tun", so Ganor.

Dennoch sei al-Quanbar nicht der erste Terrorist in Israel, der seine Zugehörigkeit zum "Islamischen Staat" ausgedrückt habe. Auch die Täter der beiden schweren Angriffe auf eine Markthalle und eine Einkaufsstraße in Tel Aviv seien Sympathisanten gewesen, außerdem hätte sich mindestens einer der Messerangreifer der vergangenen Monate im Netz selbst zum IS-Kämpfer erklärt. "Das ist auch eine Provokation, die sich an die klassischen palästinensischen Terrororganisationen wie die Hamas oder den Islamischen Dschihad richtet", sagt Ganor. Das sei keinesfalls eine gute Nachricht, denn der klassische palästinensische Terror falle nicht weg, nun komme noch eine weitere Form hinzu.

"Der IS bietet Inspiration und Legitimation"

"Die Hamas oder der Islamische Dschihad gelten manchen plötzlich als zu pragmatisch und nicht mehr radikal genug", erklärt Yoram Schweitzer vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv. "Denen bietet nun der IS Inspiration und Legitimation." Dieser Trend sei gerade auch im Gazastreifen zu beobachten, wo sich auch kleinere, lokale Terrorzellen dem IS zugehörig erklärten. Diese Zellen hätten Kontakt zum Zweig der Extremisten auf dem Sinai, wo die Hamas als Kollaborateur der Israelis gelte. "Doch die nationalen Anliegen der Palästinenser interessieren den 'Islamischen Staat' herzlich wenig", so Schweizer, "denen geht es um das Kalifat."

Infolge des Terrorangriffs vom Sonntag kündigte Netanyahu, der derzeit wegen Korruptionsvorwürfen extrem unter Druck steht, die üblichen Maßnahmen an: Die Nachbarschaft Jabel Mukaber in Ostjerusalem solle abgesperrt werden, das Haus des Terroristen zerstört. Es sind Maßnahmen kollektiver Bestrafung. Ihre Abschreckungswirkung ist mehr als umstritten.

Im Video: Anschlag in Jerusalem

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Netanyahu sieht sich nun in einem Boot mit den Europäern. Er möchte die Botschaft vermitteln, dass die jüngste Attacke in Jerusalem in einer Reihe steht mit den Angriffen in Berlin und Nizza, dass es sich hier um kompromisslosen, teuflischen, globalen Terror handelt.

Trotzdem zeigt gerade seine Reaktion, zeigen diese Maßnahmen auch die Unterschiede auf: "Nizza hat keine 40 Prozent Einwohner, die ohne Bürgerrechte leben, unter einer Besatzungsmacht, in demütigenden Bedingungen", schreibt die "Haaretz". "Selbst wenn der Angriff am Sonntag tatsächlich vom IS inspiriert war, hat er seinen Ursprung doch in Jerusalem und ist Teil einer endlosen Serie von Angriffen, unter denen die Stadt seit zweieinhalb Jahren leidet."

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