Libyen Lockerbie-Attentäter Megrahi ist tot

Abdel Baset Ali al-Megrahi galt als Verantwortlicher für den verheerenden Anschlag auf ein US-Flugzeug über dem schottischen Lockerbie mit 270 Toten. 2009 wurde der Libyer aus der Haft entlassen. Jetzt erlag er einem Krebsleiden.

AFP

Hamburg - Der wegen des Lockerbie-Anschlags verurteilte Libyer Abdel Baset Ali al-Megrahi ist tot. Er starb im Alter von 59 Jahren an einem schweren Krebsleiden. Dies teilte sein Bruder am Sonntag mit.

Der libysche Agent Megrahi war als einziger für den Anschlag auf den PanAm-Flug 103 verurteilt worden. Die US-Maschine stürzte über der schottischen Gemeinde Lockerbie ab, 270 Menschen kamen ums Leben. Die Boeing war noch keine Stunde in der Luft, als die Bombe explodierte.

Für die USA und Großbritannien war rasch klar, dass Libyen in den Fall verwickelt war. Der Geheimdienst des Landes soll die Bombe von Malta über Frankfurt an Bord der Maschine geschmuggelt haben. Der genaue Hergang ist aber bis heute umstritten.

Erst zwölf Jahre nach dem Anschlag begann der Prozess gegen die beiden Libyer Lamin Khalifah Fhimah und Abdel Baset Ali al-Megrahi. Megrahi wurde am 31. Januar 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt - trotz aller Unschuldsbekundungen. Das Gericht stützte sich auf Indizien und Zeugenaussagen, wonach er den Bombenkoffer aufgegeben hatte.

Angeblich hatte Gaddafi persönlich den Anschlag in Auftrag gegeben

Sein Mitangeklagter wurde freigesprochen. Muammar al-Gaddafi lieferte Megrahi erst aus, nachdem man sich auf die Niederlande als Prozessort geeinigt hatte. Gaddafi war damals daran gelegen, die Beziehungen zum Westen zu verbessern. Libyen sollte aus der politischen und wirtschaftlichen Isolation heraus.

Die libysche Führung erklärte sich im April 2003 für den Anschlag verantwortlich und sagte hohe Entschädigungszahlungen für die Hinterbliebenen zu. Später relativierte das Regime das Schuldeingeständnis mit der Begründung, man habe dies nur getan, um das Ende der UN-Sanktionen zu erreichen.

Bis August 2009 saß Megrahi im Gefängnis von Greenrock nahe Glasgow in Schottland in Haft. 2009 wurde er aus humanitären Gründen begnadigt und aus der Haft entlassen. Zuvor hatten Ärzte bei ihm Prostatakrebs im Endstadium diagnostiziert. Er kehrte in seine Heimat Libyen zurück. Schon damals litt er an Krebs, die Krankheit schritt immer weiter voran. Die verbleibende Lebenserwartung wurde damals mit nur wenigen Monaten angegeben. "Ich musste das alles für etwas ertragen, das ich nicht getan habe", sagte er noch am Tag seiner Entlassung aus einem Gefängnis in Glasgow nach acht Jahren Haft. Während der Haft hatte ihn sogar der südafrikanische Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela symbolträchtig besucht.

Nach dem Sturz des libyschen Diktators Gaddafi hatten US-Politiker den Nationalen Übergangsrat der Rebellen aufgefordert, Megrahi festnehmen zu lassen und auszuliefern. Politiker des Übergangsrats lehnten dies ab. Die meisten Opfer des Flugzeuganschlags von Lockerbie waren US-Bürger.

Im Februar 2011 sagte Mustafa Abd al-Dschalil, Minister unter Gaddafi und Chef des Übergangsrats, in einem Interview mit der schwedischen Zeitung "Expressen", Gaddafi habe persönlich den Befehl für Lockerbie gegeben und Megrahi den Auftrag erteilt. "Um das zu vertuschen, tat er alles in seiner Macht stehende, um Megrahi aus Schottland zurückzuholen."

han/AFP/dpa

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sigi J 20.05.2012
1. Suche nach den Attentätern
Zitat von sysopAFPAbdel Baset Ali al-Megrahi galt als Verantwortlicher für den verheerenden Anschlag auf ein US-Flugzeug über dem schottischen Lockerbie mit 270 Toten. 2009 wurde der Libyer aus der Haft entlassen. Jetzt erlag er einem Krebsleiden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834065,00.html
Dann kann die Suche nach den wirklichen Attentätern endlich beginnen. Das Lockerbieverfahren führte vielleicht zu einem der größten Justizirrtümer. Megrahi durfte erst nach Libyen ausreisen, nachdem er auf sein Wiederaufnahmeverfahren, das ganz wesentliche neue Erkenntnisse beinhaltete und dem die schottischen Behörden ja bereits stattgegeben hatten, verzichtet hatte. Es ging also nicht in erstern Linie um humanitäre Motive. Es gibt in GB eine Website, Justice for Megrahi (http://www.justiceformegrahi.com), die von ehrenwerten Personen (darunter die ehemalige Chefkorrespondentin der BBC, Prof. Robert Black, mehrere Polizisten, die an der Absturzstelle waren, mehrere Angehörige von Opfern, usw.) betrieben wird. Es ist jetzt an der Zeit, dieses Verfahren weiterzuführen.
Vox libertatis 20.05.2012
2. Medizinische Gutachten für inhaftierte Terroristen
scheinen mir häufig von zweifelhafter Qualität. Ein ähnliches Beispiel ist Souhaila Andrawes, welche 1977 an der Entführung der Lufthansamaschine Landshut und der Ermordung des Kapitäns beteiligt war. 1997 verurteilt, 1998 nach Norwegen abgeschoben zur Verbüssung der Resthaftzeit und dort bereits 1999 "aus gesundheitlichen Gründen" entlassen. Sie lebt unbehelligt in Oslo.
Rainer Helmbrecht 20.05.2012
3.
Zitat von Vox libertatisscheinen mir häufig von zweifelhafter Qualität. Ein ähnliches Beispiel ist Souhaila Andrawes, welche 1977 an der Entführung der Lufthansamaschine Landshut und der Ermordung des Kapitäns beteiligt war. 1997 verurteilt, 1998 nach Norwegen abgeschoben zur Verbüssung der Resthaftzeit und dort bereits 1999 "aus gesundheitlichen Gründen" entlassen. Sie lebt unbehelligt in Oslo.
Ich weiss schon, dass es schwierig ist, Prognosen in Gesundheitsfragen mit einiger Genauigkeit zu beantworten, aber diese Schwierigkeiten werden durch Seelenmassagen von Politkern zusätzlich erhöht. MfG. Rainer
fuchs008 20.05.2012
4. Alles schön in Libyen?
Gibts sonst nichts zu berichten aus Libyen? Was macht die Demokratie? Was machen die Frauenrechte? Was macht der Wiederaufbau?
Elfsilbler 20.05.2012
5.
Zitat von Rainer HelmbrechtIch weiss schon, dass es schwierig ist, Prognosen in Gesundheitsfragen mit einiger Genauigkeit zu beantworten, aber diese Schwierigkeiten werden durch Seelenmassagen von Politkern zusätzlich erhöht. MfG. Rainer
Und es ist ja auch allgemein bekannt, daß Prognosen eine schwierige Angelegenheit sind, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.
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