Logbuch al-Qaida Anti-dschihadistischer Schutzschwall

Wenn es nach der Regierung Bush geht, ist die Welt bald alle Dschihadisten und Mudschahidin los - im Wortsinn: US-Beamte sollen die Begriffe nicht mehr verwenden. Ach ja: Und al-Qaida ist keine "Bewegung" mehr.
Von Yassin Musharbash

Es ist ja nicht unsinnig, gelegentlich seinen Sprachgebrauch zu überprüfen. Und dass die Freiheitskämpfer der einen die Terroristen der anderen Seite sind, ist eine journalistische Binse. Was die Bush-Regierung derzeit durchzusetzen versucht, hat aber mit dem Streben nach dem angemessenen Ausdruck wenig zu tun - dafür sehr viel mit Politik.

Laut der Nachrichtenagentur AP, der die entsprechenden Unterlagen vorliegen, hat die Bush-Regierung im "Krieg gegen den Terror" nämlich eine neue, eine quasi linguistische Front eröffnet: Die Begriffe "Dschihadisten" und "Mudschahidin" sollen von Beamten möglichst nicht mehr verwendet werden. Die Begründung: Durch diese Begriffe könnten US-Beamte "Terroristen, denen Moral und legitime Rechtfertigung abgehen, unabsichtlich als mutige, legitime Soldaten ... darstellen", heißt es in einem Papier aus dem Heimatschutzministerium.

Das Außenministerium und das National Counterterrorism Center haben schon begonnen, ihre Mitarbeiter entsprechend zu unterweisen. Als Alternativen werden die Begriffe "gewalttätiger Extremist" oder "Terrorist" vorgeschlagen.

Reaktionen amerikanischer Muslime untersucht

Die Empfehlungen beruhen AP zufolge auf einer Studie, in der das Ministerium die Reaktionen amerikanischer Muslime auf den offiziellen US-Sprachgebrauch ausgewertet hat. Das ist verdienstvoll und hat in einigen Fällen wohl auch zu sinnvollen Vorschlägen geführt. Die Begriffe "Islamo-Faschismus", "Heilige Krieger" und "islamische Terroristen" sind auf diese Weise ebenfalls auf die Liste der unerwünschten Begriffe gelangt.

Andere Vokabularvorschläge aber wurzeln offenkundig weniger in dem Versuch, niemanden zu verletzen, als vielmehr in dem Wunsch, US-Politik und US-Sicht offensiv zu verkaufen.

So soll al-Qaida nicht mehr als "Bewegung" bezeichnet werden, obwohl auch regierungsnahe US-Terrorexperten längst zu der Überzeugung gelangt sind, dass man - zumindest im Fall von Bin Ladens Truppe - jedenfalls kaum noch von einer "Organisation" sprechen kann; eventuell ist Netzwerk ein treffender Begriff. Nimmt man aber die Sympathisanten mit in die Gleichung auf, was viele tun - tja, dann hat man es wohl am ehesten mit einer Bewegung zu tun.

Weiter bittet die Bush-Regierung AP zufolge, auf Reden von Osama Bin Laden und anderen Terrorpaten fortan "möglichst wenig, wenn überhaupt" zu reagieren. "Laute Reaktionen" würden deren "Ansehen in der islamischen Welt erhöhen". Bin Laden und Co. sollen also gewissermaßen totgeschwiegen werden, nach dem Motto: Was schert's die Eiche, wenn die Sau sich an ihr wetzt? Auch hier würde ich sagen, dass Aufklärung anders aussieht - und dass Bürger wohl ein Recht haben, zu erfahren, was ihre Regierung über solche Kommuniqués denkt. Zumal, wenn wie im Falle der USA, das eigene Land sehr häufig erwähnt und angegriffen wird.

Al-Qaida hat den Begriff "Dschihad" entführt

Andererseits soll hier nicht verhehlt werden: Mit dem Begriff "Dschihadismus" ist es so eine Sache. Natürlich verstehen die meisten Muslime unter einem Dschihad keinen Terror und keinen Krieg, sondern dass, was das arabische Wort bedeutet - eine Anstrengung. Zumeist eine gegen sich selbst, also die Überwindung der eigenen Trägheit oder Unzulänglichkeit ("Der große Dschihad"). Im engeren Sinne kann Dschihad auch Krieg heißen - dann aber stets, so der orthodoxe Mainstream-Islam, ein Verteidigungskrieg.

Dass al-Qaida und Co. den Begriff Dschihad gewissermaßen entführt haben - für sie ist er eine religiöse Pflicht, die allen Muslimen obliegt - stößt deshalb vielen Muslimen verständlicherweise auf.

Auf der anderen Seite ermöglicht der Begriff "Dschihadisten" Differenzierungen, die ebenfalls wichtig sind:

  • Erstens macht er klar, dass man über islamistisch motivierte Militante spricht oder schreibt. Das ist zum Beispiel im Irak nicht unwichtig, wo es auch nationalistisch inspirierte Militante gibt, die dieselben Gegner haben.

  • Zweitens ist es meines Erachtens eine ziemlich griffige Sammelbezeichnung für militante Islamisten, die es wiederum von nicht-militanten Islamisten zu unterscheiden gilt.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs: Islamisten, so eine verbreitete und sinnvolle Definition, sind Muslime, die der Ansicht sind, dass es keine Trennung zwischen Religion einerseits sowie Alltagsleben oder politischer Ordnung andererseits geben darf. Diese Ordnung dürfe allein durch die Religion bestimmt werden. Weiter sind sie überzeugt, dass überhaupt alle Lebensbereiche wie auch das Zusammenleben mit anderen Menschen - auch Nichtmuslimen - durch islamisches Recht geregelt sein muss.

  • Drittens sind die Alternativen nicht verlockend: "Militanter, islamistisch motivierter Extremist" ist - zumindest für einen Journalisten - keine Option. Außer vielleicht man kürzt es MIME ab. Und "Terrorist" ist - siehe oben - auch nicht in jedem Fall eine Festlegung, die Journalisten mitmachen müssen.

  • Viertens kann der Begriff "dschihadistisch" so verletzend nicht sein - denn auch in der arabischen Welt wird er, etwa im Zusammenhang mit "dschihadistischen Bewegungen" ("harakat dschihadiyya") verwendet - in der Presse, offiziell, aber auch von normalen Menschen. Allerdings gilt hier eine Einschränkung: "Mudschahidin", also "Dschihad-Treibende", ist so gut wie ausschließlich eine Eigenbezeichnung der Militanten.

Und was war da noch mal in Afghanistan?

In der Wissenschaft, unter Terroranalysten und -Experten und auch bei Fachjournalisten hat sich der Begriff "Dschihadismus" spätestens in der Folge von 9/11 etabliert, und jeder weiß, was damit gemeint ist (und was nicht). Zur Illustration: In der Terrorismusstudien-Zeitschrift "CTC Sentinel", die übrigens im Umfeld der US-Militärhochschule West Point herausgebracht wird, taucht der Begriff in nahezu jedem Artikel auf. Mal sehen, ob sich die Autoren hier den "Empfehlungen" beugen werden.

Als ich die Meldung von AP las, habe ich eine E-Mail an Bruce Hofmann geschickt, Georgetown-Professor, renommierter Terrorexperte und gelegentlicher Berater der US-Regierung. Ich habe ihn gefragt, was er davon hält.

Seine Antwort: "Ich fürchte, es stimmt (auch wenn ich es nicht geglaubt hätte)... Ich halte das für aberwitzig. In Palästina, in den Vierzigern, haben die britischen Behörden das Wort 'Terrorist' verboten und darauf bestanden, dass die Mitglieder des jüdischen Untergrunds 'Gangster' genannt werden. Es hat überhaupt keine Auswirkungen gehabt."

Immerhin sind die Empfehlungen nicht bindend, wie AP berichtet. Condoleezza Rice hält sich zwar schon länger dran, aber es wird interessant sein, zu beobachten, welche Behörden und welche Politiker auch künftig bei ihrem Sprachgebrauch bleiben - und welche den Vorgaben folgen.

Abschließend ein weiterer kleiner Exkurs: Es ist schon interessant, dass in den Achtzigern niemand, auch nicht in den USA, damit ein Problem zu haben schien, die afghanischen "Rebellen" im Kampf gegen die Sowjets als "Mudschahidin" zu bezeichnen.

Aber vielleicht war es in dem Fall ja auch allen recht, wenn man die "militanten, islamistisch motivierten Extremisten" als "mutige, legitime Soldaten" darstellte?