Logbuch al-Qaida Beim Barte des Bin Laden!
Vielleicht lag es daran, dass der Inhalt der Bin-Laden-Reden nur wenig kontroversen Diskussionsstoff hergab. Weltweit wurde jedenfalls vor allem der merkwürdig erdunkelte Bart des Qaida-Chefs thematisiert, nachdem das neue Bin-Laden-Video herausgekommen war.
Der "Times of India" fiel dazu die hintergründigste Schlagzeile ein: "Osama Bin Laden is dyed and alive", titelte das Blatt, also "gefärbt und lebendig". Der US-Sender CNN bat unterdessen Friseure - und keine Terrorexperten -, um ein Urteil über Echtheit und Zustand der Gesichtsbehaarung des Saudi-Arabers. An den Schreibtischen deutscher Sicherheitsbehörden witzelt man derweil - mit etwas mehr Lokalkolorit - über "Schröder Bin Laden".
Solcherlei Unernst verstellt allerdings den Blick darauf, dass sich auch Experten und Analysten tiefergehende Gedanken über das neue Aussehen Bin Ladens machen. Selten meldet sich der Terrorpate mehr als einmal im Jahr, und nicht jedes Mal gibt es neue Bilder - da müssen die Behörden gezwungenermaßen jedes Fitzelchen auf Bedeutung abklopfen. Am Montag war OBLs Bart sogar Thema im US-Kongress: "Ist das überhaupt sein Bart? Ist das ein Signal?", fragte Senator Norm Coleman den Geheimdienstschef Michael McConnell. Die Frage, ob der Bart echt ist, treibe auch seine Leute um, antwortete McConnell.
Haarefärben zum Ramadan?
Noch sind die Fachleute zumindest in Deutschland zu keinem endgültigen Schluss gekommen. Einige vermuten pure Eitelkeit hinter der Kosmetik - schließlich seien sogar die Augenbrauen gefärbt. Andere glauben, der Ramadan-Beginn könne vielleicht der Grund sein. Denn in einigen muslimischen Ländern sei es Brauch, sich zu Anfang des Fastenmonats die Haare zu färben - meistens zwar mit rotem Henna, aber Henna gibt es auch in dunkelbraun.
Allerdings wäre es das erste Mal, dass OBL dies tut, der Ramadan findet aber jedes Jahr statt. Und die Gegend, in der er vermutet wird (das pakistanische Grenzgebiet zu Afghanistan), gehört nicht zu jenen Gegenden, in denen man sich rituell und gemeinschaftlich den Bart färbt.
Eine andere These sorgt da schon für erheblich mehr Aufsehen: Der gefärbte Bart sei eine Art Kriegsbemalung, zitierte die Nachrichtenagentur AFP den Londoner Islam-Experten Azzam Tamimi. Bin Laden kann man bekanntermaßen der islamistischen Schule der Salafiten zurechnen, die sich in allen Handlungen am Vorbild des Propheten und seiner ersten Generation von Anhängern orientieren. Und diese Gruppe glaube, so Tamimi, man dürfe sich den Bart nur im Kriegsfall färben. Der neue Bart - ein Signal dafür, dass ein Anschlag mit Beteiligung Bin Ladens bevorsteht? Ein Zeichen, dass er gar persönlich in den Kampf zu ziehen beabsichtigt?
Der Blogger Robert Spencer von "Jihad Watch" glaubt jedenfalls fest an diese These. Er führt als Indiz eine Äußerung des islamistischen Predigers Jusuf al-Karadawi an: "Einige Gelehrte ... sehen das Färben des Bartes mit schwarzer Farbe nur in Kriegszeiten als erlaubt an."
Nun ist es höchst zweifelhaft, dass Bin Laden den deutlich moderateren und vor allem nicht dschihadistischen Karadawi als Leitfigur akzeptiert. Er hält es eher mit dem mittelalterlichen Gelehrten Ibn Taimiyya und den Sammlungen der Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed höchstselbst, den Hadith-Kollektionen.
Verschwörungstheorien im Netz
Aber auch da ist es nicht leicht, eine Quellengrundlage zu finden, die Spencers und Tamimis Theorie stützt. Wenn man sich durch die maßgeblichen Hadith-Sammlungen wühlt, wird das Bild nicht unbedingt klarer. Der Prophet habe sich die Haare und den Bart mit gelber Farbe gefärbt, heißt es da. Aber auch: Der Prophet färbte seinen Bart nie. Ein klarer Zusammenhang zwischen Krieg und Haarefärben findet sich nicht.
In deutschen Sicherheitskreisen winkt man ebenfalls mehrheitlich ab, wenn es um die Theorie geht, der Bart sei ein Befehl zum Losschlagen oder eine Ankündigung für einen Terroranschlag. Zu wenig zwingend sei das angebliche Signal, um sich deswegen ernsthaft Sorgen zu machen.
Die Blogosphäre befasst sich dessen ungeachtet natürlich weiter mit dem Thema - zwischen angewandter Hobby-Koranexegese und Verschwörungstheorie ist alles dabei. Die Kommentarseiten quellen über. Es handle sich gar nicht um Bin Laden, sondern um einen schlechten Doppelgänger, wird zum Beispiel behauptet. Und gab es da nicht einmal eine Ankündigung al-Qaidas, dass die "schwarzen Winde des Todes" den Westen treffen würden? Schwarze Winde, schwarze Haare - klare Sache!
Ist Bin Laden in Wahrheit bartlos?
Oder etwas raffinierter: Bin Laden halte sich wahrscheinlich in Südasien auf, wo Muslime keine Bärte tragen. Um nicht aufzufallen, habe er den seinen abgeschoren und für das Video durch einen falschen Bart ersetzt. Der deutsche Alles-Experte Peter Scholl-Latour scheint Ähnliches zu vermuten - jedenfalls sagte er "Bild" ohne weiter Erläuterungen: "Das hat mit Eitelkeit nichts zu tun. Das ist eine Art Tarnung."
Auf den dschihadistischen Internetseiten ist der Bart unterdessen praktisch kein Thema - hier geht es mehr um den Inhalt der beiden Reden. Kein Wunder, meint ein deutscher Terrorfahnder: Wir neigten hier zum Überinterpretieren von Äußerlichkeiten, weil die Textebene für Westler schwer zu dechiffrieren sei.
Wie sich zeigt, ist es mit der Bart-Ebene freilich nicht viel einfacher. Ein bisschen erinnert die Debatte schon an die berühmt-berüchtigte Kremologie des Kalten Krieges: Heißt das Ja des Politbüros in Wahrheit Nein? Bedeuten die Truppenverlegungen, dass die Sowjets eigentlich verhandeln wollen? Und wieso wurden bei der Maiparade drei Raketen weniger präsentiert als im Vorjahr?
Dumm nur, dass es zu al-Qaida kein Rotes Telefon gibt.