Logbuch al-Qaida Clan zweifelt am Tod des Terrorpredigers

Die US-Regierung feiert den Drohnen-Tod von Anwar al-Awlaki, dem Hassprediger von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel. Doch Angehörige seines Stammes sagen nun angeblich, er sei gar nicht tot. Auch der Erfinder der "Rektal-Bombe", Ibrahim al-Asiri, soll noch am Leben sein.

Hassprediger Anwar al-Awlaki: Tot ist, auf wessen Tod sich alle einigen

Hassprediger Anwar al-Awlaki: Tot ist, auf wessen Tod sich alle einigen

Von Yassin Musharbash


Berlin - Zugegeben: Die Web-Seite der "Yemen Post" ist nicht immer die zuverlässigste Quelle, die man sich wünschen kann. Aber da ausländische Journalisten im Jemen derzeit kaum frei agieren können, kann man sie kaum ignorieren.

Am Sonntag veröffentlichte die "Yemen Post"-Seite eine kurze Meldung, die es in sich haben könnte - wenn sie denn stimmt: "Mehr als 25 Mitglieder des Awalik-Stammes, dem Stamm von Anwar al-Awlaki, haben am Sonntag die Stadt Dschawf erreicht, um die sterblichen Überreste von Anwar zu begutachten, fanden aber keine Leiche, die ihm ähnlich sah." Unter den Besuchern, so die Web-Seite, sei auch der Vater von Anwar al-Awlaki gewesen.

Stammesführer in der Region hätten den Awalik-Mitgliedern ebenfalls gesagt, Anwar al-Awlaki sei nicht getötet worden. Außerdem habe ein namentlich nicht genannter Anführer von al-Qaidas Filiale auf der Arabischen Halbinsel den Tod des Qaida-Hasspredigers dementiert und angekündigt, es werde eine entsprechende Erklärung geben.

Tot ist, auf wessen Tod sich alle einigen

Am Freitag, zwei Tage zuvor, hatte zunächst die jemenitische und dann die US-Regierung erklärt, Anwar al-Awlaki sei getötet worden. Sogar US-Präsident Barack Obama kommentierte den Luftschlag per Drohne und erklärte, Anwar al-Awlaki habe persönlich Anschlagsversuche auf US-Ziele dirigiert.

Es steht also gewissermaßen Aussage gegen Aussage - wobei ergänzt werden muss: Es gibt bisher keinen Fall einer gezielten Tötung eines mutmaßlichen Terroristen durch die US-Regierung, die vom Präsidenten selbst bestätigt wurde und die sich anschließend als unzutreffend herausstellte. Sehr wohl aber gab es Fälle, in denen zum Beispiel die pakistanische oder die jemenitische Regierung vorschnell den Tod von Terroristen verkündet hatte. Ebenso gab es Fälle, in denen Angehörige oder Kampfgenossen den Tod einer bestimmten Person angezweifelt hatten.

Kriegsführung per Knopfdruck

Generell hat sich die Faustregel bewährt, dass ein Qaida-Kader erst dann für tot zu halten ist, wenn beide Seiten sich darüber einig sind. So war es bei Qaida-Chef Abu Mussab al-Sarkawi im Irak, so war es zuletzt bei Qaida-Gründer Osama Bin Laden. Sollte Anwar al-Awlaki wirklich tot sein, wird al-Qaida dies früher oder später zugeben - nicht zuletzt, weil der Märtyrerkult bei al-Qaida nicht wegzudenken ist: Es gilt als Ansporn für alle anderen, wenn ein Anführer getötet wird.

Daraus folgt zweierlei: Wer auf der sicheren Seite sein will, hält den Fall so lange für ungeklärt, wie al-Qaida sich nicht dazu äußert. Wer den USA vertraut, wird vermutlich recht behalten - falls aber nicht, wird er sich mit der US-Regierung zusammen ganz fürchterlich blamieren. "Das wäre ein riesiges Problem", soll ein anonymer US-Offizieller bereits gesagt haben.

Es gehört aber zur Kriegsführung per Knopfdruck, dass nicht immer klar ist, wen es erwischt hat - und dass es nur selten Beweise gibt.

So hatte es in diesem Fall zum Beispiel anfangs geheißen, bei dem Angriff auf Anwar al-Awlaki sei auch Ibrahim al-Asiri ums Leben gekommen - der grausam-innovative Bombenbauer von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP). Er hatte unter anderem die "Rektal-Bombe" gebaut, die sein eigener Bruder - als angeblicher Überläufer ins Büro des Chefs der saudischen Terrorabwehr geschleust - dort zur Explosion brachte. Auch die in die Unterhose von Umar Farouk Abdulmutallab eingenähte Zwei-Komponenten-Bombe, die jener über Detroit zünden wollte, soll Asiri gebaut haben.

Es droht neue Konfusion

Jetzt aber dementiert die jemenitische Regierung. Asiri sei noch am Leben, heißt es nun. Freilich gibt es dafür ebenso wenig Beweise wie für das Gegenteil.

Im Falle von Anwar al-Awlaki könnte die Verwirrung übrigens noch gesteigert werden. Denn vor erst einer Woche hatte AQAP eine Publikation von Anwar al-Awlaki angekündigt, vermutlich ein Video. Dieses mutmaßliche Video könnte also bereits fertigproduziert gewesen sein, als der Drohnenangriff stattfand. Weil es aber bereits in der Vergangenheit Drohnenangriffe auf Awlaki gegeben hat, die er überlebt hatte, ist es theoretisch sogar möglich, dass AQAP demnächst ein Video veröffentlicht, das beweisen soll, dass Awlaki lebt - und in dem er über den (einen) gescheiterten Drohnenangriff auf ihn spricht.

insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
cingulator 04.10.2011
1. Es gibt ja nun nicht eben viel...
...was die Welt einem bestimmten Kulturkreis verdankt, aber was wäre der sommerliche Badespaß ohne die Arschbombe? Dafür ein herzhaftes DANKE!
franko_potente 04.10.2011
2. -
Zitat von cingulator...was die Welt einem bestimmten Kulturkreis verdankt, aber was wäre der sommerliche Badespaß ohne die Arschbombe? Dafür ein herzhaftes DANKE!
DEr Witz Ihrer Einlassung erschließt sich mir schon, als Auftakt aber dem Morgenland historische Kulturlosigkeit zu unterstellen ist gelinde gesagt, diskussionswürdig.
Der Pragmatist 04.10.2011
3. Bei Allah angekommen
Zitat von sysopDie US-Regierung feiert den Drohnen-Tod von Anwar al-Awlaki, dem Hassprediger von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel. Doch Angehörige seines Stammes*sagen nun angeblich, er sei gar nicht tot. Auch der Erfinder der "Rektalbombe", Ibrahim Asiri, soll noch am Leben sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,789759,00.html
Sollte dieser Typ wirklich noch am Leben sein, waere er sicherlich mehrere Male per TV auf seiner website erschienen, um die Behauptung seines Todes laechelich zu macxhen und seine Anhaenger anzuspornen. Also: man kann beruhigt sein, der Verbrecher ist bei Allah angekommen.
Kesha 04.10.2011
4. Abgesehen davon, daß Awlaki bereits,,,
...Heiligabend 2009 das erste Mal bei einem Luftangriff "getötet" wurde. Ahem. Hier ist die korrekt zitierte Meldung der Yemen Post vom Sonntag: Anwar Awlaqi Most Likely Alive http://yemenpost.net/Detail123456789.aspx?ID=3&SubID=4148&MainCat=3 Es gibt allerdings eine noch aktuellere vom Montag, und die besagt: Al-Qaeda Claims al-Awlakii is Still Alive http://yemenpost.net/Detail123456789.aspx?ID=3&SubID=4149&MainCat=3 Yassin hat also die etwas vagere Version vom Sonntag genommen... aber immerhin ist er damit zusammen mit der Yemen Post immer noch "weltexklusiv"... Nachtrag: Yassin kannte die neuere Meldung vom Montag, denn er schreibt: "Auch der Erfinder der "Rektalbombe", Ibrahim Asiri, soll noch am Leben sein" ...dies steht aber nur im neueren Artikel vom Montag: "....al-Qaeda in Yemen is now claiming that both al-Awlaki and al-Asiri are still alive" Er bezieht sich also ausdrücklich auf die erste Meldung, wo Stammesmitglieder zitiert werden und unterschlägt somit die "Bestätigung durch AQ" vom Montag. Warum? Das schreibt er interessanterweise im gleichen Artikel: Wer auf der sicheren Seite sein will, hält den Fall solange für ungeklärt, wie al-Qaida sich nicht dazu äußert. Wer den USA vertraut, wird vermutlich Recht behalten - falls aber nicht, wird er sich mit der US-Regierung zusammen ganz fürchterlich blamieren. Da geht jemand auf Nummer Sicher... ;D
Schäfer 04.10.2011
5. egal
Es ist doch völlig schnurz, ob ein lächerlicher Anwar al-Awlaki tot ist oder nicht. Anschläge sind fraglos weiter möglich, also werden Vorsichtsmassnahmen nicht aufgegeben werden. Wenn ich über jeden Menschen weinen würde, wenn er stirbt, hätte ich viel zu tun.
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