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01. August 2011, 12:54 Uhr

Logbuch al-Qaida

Der dschihadistische Depeschendienst (11)

Von Yassin Musharbash

Al-Qaida im Jemen gelobt der neuen Führung Gehorsam; die syrische Opposition will keine Hilfe von Qaida-Chef Sawahiri; Cyber-Dschihadisten fordern Rechtsextremisten nach Oslo zum Wettbewerb heraus; eine Entschuldigung an Brynjar Lia: Terrornews der letzten Tage im Überblick.

Al-Qaida ist spürbar in die Defensive geraten: In Oslo gelang einem norwegischen Terroristen, was das Terrornetzwerk selbst gerne getan hätte, und bei den Aufständischen in der arabischen Welt verfängt al-Qaidas Propaganda nach wie vor nicht.

+++Syrische Opposition weist Sawahiris vergiftetes Lob zurück +++

Die Videobotschaft des neuen, erst im Juni ernannten Qaida-Chefs Aiman al-Sawahiri war so langweilig wie vorhersehbar: In gewohnt leiernder Vortragsweise ließ er sich über die seit Monaten tobende Revolte in Syrien aus und erklärte die Aufständischen zur Speerspitze des "Dschihads und des Märtyrertums". Zwar sind die Ereignisse in Syrien, wo Präsident Baschar al-Assad in der Tradition seines Vaters Hafis die Demonstranten mittlerweile mit Panzern niederschießen lässt, durchaus ein wichtiges Diskussionsthema für Qaida-Anhänger in aller Welt; in Syrien selbst aber verfängt Sawahiris Propaganda gar nicht.

Der "Guardian" versammelte vor einigen Tagen ein paar Repliken von Oppositionsführern auf Sawahiris zweifelhaftes Lob. "Ich denke nicht, dass auch nur ein einziger Syrer dieses Statement begrüßt", sagt zum Beispiel der Anwalt und Aktivist Razan Zeitouneh. Andere äußerten sich ähnlich. Teilweise allerdings gaben die Interviewten einer anderen Sorge Ausdruck: Dass al-Qaidas Propaganda dem Assad-Regime in die Hände spielen könnte; Damaskus versucht bereits seit Monaten alles, die Aufständischen als Terroristen zu verunglimpfen.

+++AQAP schwört Sawahiri Gehorsam+++

Aiman al-Sawahiri erntetet für seine Rede denn auch deutlich weniger freundliche Kommentare unter den Cyber-Dschihadisten dieser Welt als sein getöteter Vorgänger Osama Bin Laden in der Regel erhielt - selbst dann übrigens, wenn jener über so entrückte Themen sprach wie den Klimawandel oder die Globalisierung. Immerhin, die Qaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel erklärte in Person ihres eigenen Anführers Nasir al-Wuhaischi ihren unbedingten Gehorsam gegenüber der neuen Führung. "Ich schwöre dir Gehorsam und Gefolgschaft", erklärte al-Wuhsischi per Tonbotschaft und Kommuniqué. Außerdem breitete er die angeblichen Fortschritte seiner Truppe vor dem neuen Amir aus; natürlich läuft demnach alles bestens. Das stimmt so keinesfalls - aber richtig ist wohl, dass die im Jemen tobende Revolte dem dortigen Terror-Ableger neue Freiräume verschafdt. Die Staatsgewalt ist de facto zusammengebrochen. Dass al-Qaida, wie Wuhaischi es behauptet, weite Teile des Landes beherrscht, ist indes gnadenlos übertrieben.

Seine Nachwuchskräfte haben derweil eine neue, mittlerweile sechst Ausgabe ihres englischsprachigen Propaganda-Magazins "Inspire" veröffentlicht - eine Art Gedenkausgabe für Osama Bin Laden. Inhaltlich ist sie nicht originell. Allerdings enthält sie eine detaillierte Sprengstoffbau-Anleitung - es ist nicht zuletzt wegen solcher Rezepte, dass die US-Behörden "Inspire" für gefährlich halten.

+++Qaida-Sympathisanten reagieren auf die Norwegen-Anschläge+++

Es steht derweil außer Zweifel, dass Qaida-Mitglieder nach wie vor gerne Anschläge im Westen verüben möchten - "Inspire" gehört übrigens zu jenen Publikationen, die immer wieder zu Angriffen in den skandinavischen Staaten aufgerufen haben, um die "Schande" der Mohammed-Karikaturen zu tilgen. Umso schockierender war es für viele Qaida-Anhänger und Cyber-Dschihadisten, dass die Terroranschläge in Norwegen vorvergangene Woche auf das Konto eines islamophoben norwegischen Einzeltäters gingen.

Zu Beginn, als das nach noch nicht klar war, herrschte im dschihadistischen Internet Jubel vor. "Heute Oslo und morgen Berlin", geiferte ein deutschsprachiger WWW-Terrorist. Nun hat sich das Bild gewandelt. Viel wird auf Qaida-nahen Webseiten nicht über Norwegen diskutiert. Dass einige es als Schmach empfinden, dass der Attentäter kein Dschihadist war, wurde aber ebenso geäußert. So schrieb zum Beispiel ein User eine Art offenen Brief an "Europas extreme Reche", in dem er zum "Wettbewerb zwischen uns und euch" aufruft. "Wer die meisten Operationen in Europa durchführt, wird der Gewinner sein", endet die Botschaft.

+++Eine Richtigstellung+++

Am Tag der Anschläge in Norwegen - die Bombe im Regierungsviertel war bereits gemeldet worden, das Attentat auf die Nachwuchsorganisation der Arbeiterpartei noch nicht - nahm ich mit dem norwegischen Terrorexperten Brynjar Lia Kontakt auf. Er hielt sich mit einer Einschätzung absichtsvoll zurück - das einzige, was er sagte, war: Der Ort der Explosion in Oslo lasse es wahrscheinlich erscheinen, dass es sich um einen Terroranschlag handelt. Über mögliche Täter oder Drahtzieher wollte Brynjar Lia ausdrücklich nicht spekulieren. So haben wir Brynjar Lia auch zitiert.

Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände erschien das Zitat allerdings später noch in einem weiteren Artikel auf SPIEGEL ONLINE - und wurde dort dann versehentlich irreführend wiedergegeben. Und zwar wurde eine nicht von Brynjar Lia stammende Einschätzung - es könne sich bei den Tätern um Islamisten handeln - ihm zugeschrieben. Das war ein Fehler. Brynjar, we are sorry!

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