Logbuch al-Qaida Der dschihadistische Depeschendienst (9)

Al-Qaida verspricht, keine muslimischen Pilger zu ermorden; Taliban-Chef Mullah Omar grüßt zum Opferfest; Ex-Qaida-Sprecher Abu Ghaith meldet sich nach jahrelangem Schweigen; Qaida-Sympathisanten sammeln Namen missliebiger Journalisten: Die Terrornews der vergangenen Tage im Überblick.
Von Yassin Musharbash
Festtagsgrüße von Mullah Omar: Kein Wort zu al-Qaida

Festtagsgrüße von Mullah Omar: Kein Wort zu al-Qaida

Berlin - Für Muslime ist es eine besondere Woche: Die Pilgerfahrt in Mekka und das Operfest stehen an. Auch Terroristen nutzen diese Zeit jedes Jahr, um sich zu Wort zu melden.

+++Al-Qaida will keine Pilger töten+++

al-Qaida

Osama Bin Laden

Die Qaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), zuletzt durch einen Anschlagsversuch mittels Paketbomben in Erscheinung getreten, hat sich gegen Vermutungen des saudi-arabischen Innenministeriums verwahrt, Anschläge auf die Pilger in Mekka zu planen. Die Vorwürfe seien ein offensichtlicher Versuch, das Image der Mudschahidin zu schädigen, erklärten die Terroristen in einem Kommuniqué. "Wir versichern der Gemeinschaft der Muslime, dass wir gegen kriminelle Akte gegen Pilger sind", heißt es wörtlich. Dass annimmt, dass eine solche Klarstellung mittlerweile nötig ist, spricht für sich. Einen Anschlag auf fromme islamische Pilger könnte nun wirklich nicht einmal persönlich noch als der Sache dienlich verkaufen. Andererseits: Muslime sind sich besonders schmerzhaft darüber im Klaren, dass al-Qaida seit Jahren mehr Muslime tötet als Nicht-Muslime.

+++Mullah Omar lehnt Verhandlungen weiter ab+++

Taliban

Jedes Jahr zum Opferfest meldet sich eines der größten Phantome des internationalen Dschihadismus zu Wort: -Chef Mullah Omar. Sein Aufenthaltsort ist ebenso unbekannt wie der Grad, zu dem er ins tägliche Kampfgeschehen eingreift; sicher aber ist, dass die meisten Anführer dschihadistischer Organisationen den Einäugigen als obersten spirituellen Anführer anerkennen, weswegen er auch den Bombast-Titel "Anführer der Gläubigen" trägt, der traditionell den Kalifen vorbehalten ist.

Der diesjährige Text ist eher lang und wenig aufregend. Die Kernsätze:

  • "Der Feind ist auf dem Schlachtfeld geschlagen worden."
  • "Seine Verluste nehmen stark zu. Wegen dieses Drucks verbreitet der Feind irreführende Gerüchte über Friedensgespräche."
  • "Die Zahl derer, die die Reihen der Feinde verlassen haben, hat in Folge unseres entsprechenden Aufrufes zugenommen.... Wir haben alle Mudschahidin angewiesen, sie mit besonderen Anreizen und Lob zu begünstigen."
  • "Das Islamische Emirat Afghanistan glaubt, dass die Lösung des Problems in einem Rückzug der ausländischen Invasionstruppen liegt und in der Etablierung eines wahrhaft islamischen und unabhängigen Systems im Land."
  • "Das Islamische Emirat Afghanistan hat eine umfassende Strategie für eine künftige effektive Regierung."
  • "Unser Ziel ist es, den Feind in einen Abnutzungskrieg zu zerren und ihn so zu vertreiben, genau wie damals die Sowjets... Um diese zu erreichen, haben wir kurzfristige und langfristige Pläne ausgearbeitet."

Kein Wort hat Mullah Omar für al-Qaida, auch kein Lobendes. Es gibt Analysten, die glauben, dass der Taliban-Chef durchaus bereit wäre, sich von Osama Bin Laden loszusagen, wenn er im Gegenzug an einer Regierung beteiligt würde. Sollte das stimmen, hat Mullah Omar sich die Möglichkeit jedenfalls offengehalten.

+++Bilder getöteter deutscher Dschihadisten veröffentlicht+++

Anfang Oktober starben nach Informationen des SPIEGEL drei aus Deutschland eingereiste Dschihadisten in der pakistanischen Unruheprovinz Nordwaziristan: Shahab D., Naamen M. und Bünyamin E. Auf einer türkischsprachigen Dschihadisten-Website, auf der zuvor bereits der Tod von D. und E. schriftlich verkündet worden war, sind nun Bilder veröffentlicht worden, die die Leichen der beiden jungen Männer zeigen. Ein Bild von Naamen M. ist nicht dabei.

Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU)

Die drei Männer wurden von den Sicherheitsbehörden der zugeordnet, D. war auch in IBU-Propagandavideos aufgetreten. Doch scheinen die drei Kämpfer abgeworben worden zu sein. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat der Qaida-Mann Scheich Juni al-Mauretani mindestens M. und D. direkt angesprochen und für Bin Ladens Terrornetzwerk rekrutiert, so dass sie zum Zeitpunkt ihres Todes durch eine US-Drohne wohl eher al-Qaida als der IBU zugerechnet werden mussten. Scheich Juni al-Mauretani hatte auch Rami M. und Ahmad S. angesprochen, zwei weitere aus Deutschland eingereiste Dschihadisten, die beide festgenommen wurden und angaben, al-Mauretani habe von geplanten Anschlägen im Westen gesprochen.

+++Sliman Abu Ghaith meldet sich aus dem Off+++

Ein besonders interessanter Text wurde am Dienstag veröffentlicht: Sliman Abu Ghaith, bis 2001 al-Qaidas offizieller Sprecher, hat ein Buch verfasst, anscheinend das erste einer Serie. Es enthält 20 Ansichten zum Dschihad und beschäftigt sich vor allem mit Tugenden, die ein Gotteskrieger haben muss. Das Vorwort stammt von Abu Hafs al-Mauretani, ebenfalls ein hochrangiger Qaida-Mann. Die beiden Männer werden seit 2002 in Iran vermutet, wo sie unter einer Art Hausarrest stehen. Da das Buch sich nicht nur an den einzelnen Kämpfer richtet, sondern ausdrücklich auch "an die Führer", ist davon auszugehen, dass al-Ghaith mindestens glaubt, dass sein Wort bei al-Qaidas jetziger Führung nach wie vor Gewicht hat. Vielleicht ist es auch ein Hinweis, dass er sich ihr noch zurechnet - in welchem Umfang die in Iran festgehaltenen Qaida-Kader mit der Qaida-Zentrale kommunizieren können und dürfen ist unklar. Das Werk verdient auf jeden Fall eine aufmerksame und gründliche Betrachtung. Ich bin sicher, dass nicht wenige Terrorexperten eine Exegese vornehmen werden - zumal sich in der Frage der in Teheran festsitzenden Dschihadisten gerade ein gewisses Maß an Bewegung nicht leugnen lässt. So ist zum Beispiel der Qaida-Kader Saif al-Adel nach Informationen von SPIEGEL ONLINE kürzlich freigekommen und hat sich wieder al-Qaida in Waziristan angeschlossen.

+++Missliebige Journalisten-Namen im Internet gesammelt+++

In einem der wichtigsten dschihadistischen Internetforen sammeln Ehrenamtliche Qaida-Helfer derzeit Namen missliebiger Journalisten. Es wird insinuiert, dass die Kollegen bestraft werden sollen. Bislang sind nicht viele Namen zusammengekommen, es sind vor allem Journalisten aus dem arabischen Raum. Hoffentlich bleibt es dabei. Ähnliche Listen wurden zwar auch in der Vergangenheit schon zusammen gestellt, ohne dass Menschen ums Leben kamen. Aber andererseits scheint al-Qaida im Jemen beispielsweise gerade eine eigene Todesliste abzuarbeiten - und zwar mittels gezielter Anschläge.

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