Logbuch al-Qaida Deutsche Taliban-Brigade benennt ihren Chef

Per Video verkündeten die Taliban jüngst, dass sie auch deutsche Rekruten haben. Jetzt meldet sich ein bisher unbekannter Anführer dieser deutschen Brigade zu Wort. Experten halten die Kommuniqués für authentisch - auch wenn sie der Taliban-Linie eigentlich widersprechen.

Von Yassin Musharbash


Berlin - In der westlichen Wahrnehmung verschwimmen Taliban und al-Qaida meistens. Dabei gibt es grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Organisationen, deren wichtigster wohl ist, dass die Taliban, die in Afghanistan fast ausschließlich von lokalen Paschtunen getragen werden, eine Strategie verfolgen, die vor allem auf die "Befreiung" ihres Heimatlandes abzielt - während die Mannen um Osama Bin Laden sich explizit eine internationale Agenda gegeben haben.

Die Taliban selber haben diesen Punkt gerade erst noch einmal betont. Sie stellten keine Bedrohung für den Westen dar, heißt es in einem Statement, dass am Mittwoch über das Internet verbreitet wurde. "Wir hatten nie vor, anderen Ländern, Europa eingeschlossen, Schaden zuzufügen, und wir verfolgen ein solches Programm auch heute nicht", zitiert Jason Burke, Terrorexperte beim britischen "Guardian", aus dem Papier. Es liegt auf der Hand, was der Hintersinn der Taliban ist: Sie wollen suggerieren, dass nach einem Nato-Abzug Afghanistan keineswegs wieder zum Rückzugsort für al-Qaida werden würde.

Allerdings ist die Angelegenheit komplizierter. Denn zum einen sind die Taliban keine homogene Bewegung, sie zerfällt zumindest in drei Gruppen:

  • die Ur-Taliban in Afghanistan unter Mullah Omar,
  • die pakistanischen Taliban
  • und die Taliban im Pandschab.

Alle haben viel gemeinsam, aber auch unterschiedliche Interessen. Die pakistanischen Taliban haben beispielsweise kein Problem damit, mit Terrorgruppen zu kooperieren, die Anschläge im Ausland planen lassen. Das gilt etwa für die Islamische Dschihad-Union (IJU), die die Sauerland-Gruppe mit Anschlägen in Deutschland beauftragte.

Drohungen der "deutschen Taliban"

Zum anderen deutet auch in Afghanistan selber vieles darauf hin, dass die Taliban eine zweigleisige Taktik fahren. Denn erst in der vorletzten Woche wurde unter dem Label der Taliban ("Islamisches Emirat Afghanistan") erstmals ein deutschsprachiges Video veröffentlicht, in dem eine Art deutscher Brigade vorgestellt wurde.

Ausdrücklich wurde darin mit Anschlägen in Deutschland gedroht. Ein deutschsprachiger, vermummter Kämpfer namens "Ajjub" sagte auf dem Video wörtlich: "Erst durch euren Einsatz hier gegen den Islam wird ein Angriff auf Deutschland für uns Mudschahidin verlockend. Damit auch ihr etwas von dem Leid kostet, welches das unschuldige afghanische Volk Tag für Tag ertragen muss." Das Gefühl der Sicherheit sei eine Illusion: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Dschihad die deutschen Mauern einreißt."

Deutsche Sicherheitsbehörden halten das Video für authentisch - und glauben, dass die Taliban die deutschen Rekruten tatsächlich in ihre Reihen aufgenommen oder ihnen zumindest Unterschlupf gewährt haben. Möglicherweise interessiert es die afghanischen Kommandeure auch gar nicht besonders, was die Fremden aus Europa in ihren Propaganda-Videos so androhen und sehen keine wirkliche Gefahr, dass ihre generelle Linie dadurch verwässert wird. Eine andere These lautet, dass die "deutschen Taliban" eigentlich zu einer anderen Gruppe gehört hatten, zum Beispiel zur mittlerweile offensichtlich schwer derangierten IJU, und sich nun unter dem Taliban-Label durchschlagen.

Ein neuer deutschsprachiger Anführer wird präsentiert

In jedem Fall stören sich die Original-Taliban offensichtlich nicht daran, was diese Dschihadisten aus dem Westen in ihrem Namen so treiben. Nun ist nämlich eine zweite Veröffentlichung aus diesem Kreis publiziert worden, ein schriftliches Kommuniqué, in dem erstmals auch ein Anführer des deutschen Kontingents erwähnt wird, ein Mann, der sich "Amir Abu Ishaq al-Muhadschir" nennt. Noch konnte er nicht identifiziert werden.

In seinem Pamphlet, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, ruft er Dschihad-Willige in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu den Waffen. An die Deutschen gerichtet sagt er, sie hätten (wohl bei der Bundestagswahl) "Merkel und dem restlichen Ungeziefer eure Treue bewiesen" und schwadroniert darüber, dass "die deutschen Truppen (gemeint sind wohl die in Afghanistan), welche die Beschützer der zionistischen christlichen Union ist (sic), einzeln in Särgen aus den besetzen Gebieten zurückkehren werden."

Und was heißt das alles?

Das Ziel dieser Erklärung ist es wahrscheinlich, den "Amir" vorzustellen. Die Drohungen der vorletzten Woche werden nicht ausdrücklich wiederholt, beziehungsweise eher gegen die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan selbst gewendet.

Was fängt man nun mit all dem an?

  • Erstens: Die Taliban sind diffuser als es ihre Erklärungen aus der Chefetage glauben machen.
  • Zweitens: Deutsche Kämpfer finden sich mittlerweile bei oder im Umfeld von mindestens vier militanten dschihadistischen Organisationen in Pakistan und/Oder Afghanistan (IJU, Islamische Bewegung Usbekistan, al-Qaida, Taliban).
  • Drittens: Den Dschihadisten aus Deutschland ist es mutmaßlich gleich, bei welcher Truppe sie landen - und womöglich haben sie auf die Verteilung vor Ort auch nur geringen Einfluss.
  • Viertens: Alle diese Organisationen haben nichts dagegen, mit Hilfe der deutschen Rekruten massive Propaganda gegen Deutschland zu fördern.
  • Fünftens: Welche der Organisationen über den Willen und die Ressourcen verfügt, auch tatsächlich in Deutschland selbst zuzuschlagen, ist das große Rätsel - auch und vor allem für die Sicherheitsbehörden.

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