Logbuch al-Qaida Die Legende von den Terror-Tomaten

Ich kenne eine, der kennt einen, der hat es selbst erlebt: "Urbane Legenden" gibt es zu jedem Thema, neuerdings sogar mit Qaida-Bezug. Weil Gurken männlich seien, dürften Frauen sie nicht mehr kaufen, soll das Terrornetzwerk im Irak verfügt haben. Wirklich?

Von Yassin Musharbash


Zugegeben: Einiges von dem, was Dschihadisten so treiben, ist so absurd, dass man es sich fast nicht ausdenken könnte: Al-Qaida im Irak zum Beispiel betreibt ein Fischereiministerium. Und Qaida-Fans suchen mit Hilfe von Schwurformeln in ihren Diskussionsforen nach feindlichen Agenten.

Gemüseverkäuferin in Bagdad: Verbotene Früchte?
REUTERS

Gemüseverkäuferin in Bagdad: Verbotene Früchte?

Aber diese Meldung scheint geradezu grotesk: Al-Qaida im Irak, meldete der britische "Telegraph" vergangene Woche, habe da, wo die Terroristen noch was zu melden hätten, Frauen verboten, Gurken zu kaufen.

Gurken? Genau: Gurken.

Die Quelle der "Telegraph"-Story ist die Agentur Reuters. Und die zitiert wiederum einen sunnitischen Scheich in der irakischen Provinz Anbar mit den Worten: "Sie betrachteten Gurken als männlich und Tomaten als weiblich. Frauen durften keine Gurken kaufen, nur Männer."

Nun kenne ich weder Scheich Hameed al-Hayyes noch den Reuters-Reporter und will niemandem etwas unterstellen. Aber die Gurken-Story kam mir irgendwie bekannt vor. Und die zweite Geschichte, die der Mann Reuters erzählte, auch: dass al-Qaida "weibliche Ziegen getötet hat, weil deren Geschlechtsmerkmale nicht bedeckt waren und ihre Schwänze nach oben zeigten, was sie für 'haram' (also verboten) hielten."

Und tatsächlich: Bereits im April 2007 hatte ein Reporter der Agentur "Associated Press" berichtet, dass al-Qaida Händler in der irakischen Stadt Bakuba gewarnt hatte, auf ihren Gemüseständen Tomaten neben Gurken zu plazieren, denn sie hätten "verschiedene Geschlechter". Quelle in diesem Fall: "US-Kommandeure".

Ziegen in Unterhosen

Eine dritte Fundstelle ist die Schweizer Zeitschrift "Weltwoche". Im September 2007 hieß es dort in einem Artikel, in der irakischen Provinz Diyala hätten die Terroristen ein "absurdes Regime" errichtet: "Frauen wurden unter die Burka gezwungen, Rauchern wurden Zeige- und Mittelfinger abgehackt, Tomaten und Gurken mussten auf dem Markt getrennt ausgelegt werden, und eine Fatwa wurde erlassen, wonach Ziegen Unterhosen tragen mussten."

Nun könnte man diese drei ja immerhin unabhängigen Texte als gegenseitige Bestätigung verstehen: Ja, so hat al-Qaida es getrieben, und zwar nicht nur in Diyala, sondern auch in Anbar. Doch was mir zu denken gibt ist die vierte Fundstelle. Eine Reportage aus dem Irak vom Nahost-Korrespondenten der "Süddeutschen Zeitung", Thomas Avenarius, aus dem Oktober 2007.

Dort heißt es: "Wie brutal und absurd zugleich die Terror-Herrschaft der Fundamentalisten war, zeigt sich nicht nur an den Erzählungen. Es zeigt sich auch (an) den Scherzen, die die Menschen in den Appartementblocks machen, jetzt, wo es vorbei ist. Man dürfe, wenn es nach al-Qaida gehe, auf keinen Fall Gurken und Tomaten zusammen auf einem Teller essen: Weil Gurken männlich sind und Tomaten weiblich.... Einer der Nachbarn von Lamia Salum sagt: 'Die hätten am liebsten noch den Ziegen Wäsche umgehängt - damit man deren Euter nicht sieht.'"

Scherze!

Ich weiß nicht, ob eine Nackte-Ziegen-Fatwa existiert. Verifizieren konnte ich das nicht, ausschließen aber auch nicht. Es gibt schließlich auch islamische Rechtsgutachten, die verfügen, dass man sich beim Sex nicht ganz ausziehen darf. Und al-Qaida, insbesondere der Filiale im Irak, ist prinzipiell jede Absurdität zuzutrauen - siehe Fischereiministerium. Aber irgendwie scheint es mir wahrscheinlicher, dass die Reporter einen Scherz nicht verstanden haben.

Die Ziege in der Unterhose und die Geschlechtertrennung beim Gemüse wären damit quasi dschihadistische Varianten der Spinne in der Yucca-Palme. Die Definition haut in jedem Fall hin: "Urbane Legenden sind nicht notwendigerweise falsch, wurden aber im Laufe der Zeit oft verzerrt, übertrieben oder zur Sensation aufgeblasen", heißt es bei Wikipedia. Und: "Viele urbane Legenden sind im Grunde ausgebaute Witze, erzählt, als seien es wahre Ereignisse."



insgesamt 32 Beiträge
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SNA 19.08.2008
1. Ob das...
im Falle der bösen Islamisten nicht zuweilen Absicht ist. Häufiger wird auch einfach so übersetzt, dass es fremdartiger und aggressiver klingt als es ist: Wer allhu akbar mit "Allah ist groß!" übersetzt - was nicht falsch ist - könnte natürlich auch den im Deutschen üblichen Ausruf "Großer Gott!" nehmen. Auch das häufige "hamdulillah" wird mit "Gepriesen sei Allah!" übersetzt, im bayrischen heisst's halt "Gott sei Dank!"... und "inshallah" kann man eben mit "Wenn es Allah gefällt"... oder mit "Gott sei Dank!" übersetzen... Und ob Dschihad (nur oder auch) Krieg bedeutet oder nicht auch als "Anstrengung" zu übersetzen ist... die Gelehrten streiten. Vielleicht ist die Gurken/Tomatengeschichte auch nur ein Volksglaube, der ein Körnchen Wahrheit überhöht: Man soll nämlich angeblich Gurken nicht zusammen mit Obst oder Tomaten lagern, da das ausgeschiedenes Ethylen den Gurkenreifungsprozess beschleunigt... Wer weiß?
Langsam, 19.08.2008
2. Ich weiß, dass ich nichts weiß
"Ich weiß nicht, ob eine Nackte-Ziegen-Fatwa existiert. Verifizieren konnte ich das nicht, ausschließen aber auch nicht." In diesem Sinne der ganze Artikel: Ich weiß nichts, aber ich schreibe darüber! Weil Sommer ist? Weil Terrorismus immer zieht? Verifizieren kann ich das nicht, ausschließen aber auch nicht.
brenfan 19.08.2008
3. Beweis
Prima, mit diesem Artikel hat der Autor die Killer völlig entlastet. Es wird ihnen mit den ständigen Übertreibungen bitter Unrecht getan. Natürlich darf jeder Gurken kaufen! Ich meine, dieser "Gurkenbeweis" sollte unbedingt auch dem UN Sicherheitsrat vorgelegt werden, die Geschichte der Welt kann nun einen völlig anderen Verlauf nehmen. Selbstverständlich sind ab sofort auch jegliche Sicherheitsmassnahmen obsolet, dafür müssen alle denkbaren Anstrengungen unternommen werden den Gurken (Friedens)- export in islamistische Länder zu steigern. Übrigens , gestern sind auf dieser Gurkenwelt allein 37 Menschen durch islamistische Anschläge ums Leben gekommen.
M.Silberstein 19.08.2008
4. Logbuch al-Qaida: Die Legende von den Terror-Tomaten
Der Author des Artikel http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,572815,00.html hat völlig recht, die Ideen der Al-Quaida sind wirr, die Mitglieder sind Wirrköpfe, die Folgen sind irre, im Sinne von krank. Leider nehmen die Al-Quaida-Mitglieder sich selber ernst, was sie sehr gefährlich macht: Ein Irrer, der um seine Irrtümer weiss, wird sich immer entsprechend ausrichten und sein Brüder und Schwestern nicht mit seiner Unvollkommenheit belästigen. Diese Irren halten sich jedoch für allwissend, und, da sie ihre Positionen mit physischer Gewalt durchsetzen, für allmächtig. (Oh Allah, wie tief fallen manche, die geschworen haben, Deinem Willen zu folgen?) In einem irrt der Author jedoch: Man könnte, getreu dem UnSinn, durchaus Gurken neben Tomaten, und, Gurken an Frauen verkaufen, allerdings nur entsprechend verpackt.
Peter Sonntag 19.08.2008
5. Alles Banane
Zitat von sysopIch kenne eine, der kennt einen, der hat es selbst erlebt : "Urbane Legenden" gibt es zu jedem Thema, neuerdings sogar mit Qaida-Bezug. Weil Gurken männlich seien, dürften Frauen sie nicht mehr kaufen, soll das Terrornetzwerk im Irak verfügt haben. Wirklich? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,572815,00.html
Ich kenne eine Religion, die sich so fortschrittlich gibt, dass sogar Gott weiblich sein soll.
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