SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

30. Juni 2011, 11:56 Uhr

Logbuch al-Qaida

Doktor Sawahiri ist offline

Von Yassin Musharbash

Seit Jahren verlässt sich al-Qaida auf ausgewählte Web-Seiten für die Verbreitung von Propaganda und Kommuniqués. Doch nun haben Hacker zugeschlagen - und das Terrornetzwerk ist de facto offline. Das kommt immer mal wieder vor. Aber diesmal ist der Zeitpunkt für Sawahiri & Co. kritisch.

Die Namen sind legendär: "Die Festung", "die Löwenhöhle", "die Ergebenheit" - so hieß zum Beispiel die erste Generation von dschihadistischen Websites, die al-Qaida systematisch für ihre Zwecke einspannte. Das Terrornetzwerk betrieb diese Seiten zwar nicht selbst, kooperierte aber eng mit den Administratoren, die man sich als hochrangige Ehrenamtliche des militanten Dschihadismus vorstellen kann.

Ohne diese Seiten wäre al-Qaida aufgeschmissen gewesen. Denn die Verbreitung von Propaganda, Brandreden, Videos der Führungspersonen und Bekennerschreiben gehören im 21. Jahrhundert zum Kerngeschäft einer Terrorgruppe. Es war nie mehr als ein halbes Dutzend Web-Seiten, auf die sich al-Qaida verließ und die sie mit dem Siegel ihrer Authentizität versah. Hier und nur hier wurden die Download-Links zu al-Qaidas Originalmaterial verbreitet.

Die Seiten hatten zudem einen weiteren Nutzen für al-Qaida. Sie boten den Sympathisanten nicht nur authentische Informationen - sondern zugleich einen Ort des Austausches untereinander. Denn alle Web-Seiten dieser Art sind im Grunde nichts als internetbasierte Diskussionsforen, in denen jedermann, der sich anmeldet oder eingeladen wird, seine Meinung kundtun kann. Oder sich mit anderen vernetzen kann.

Mannigfaltige Methoden

Im Laufe der Jahre wurde dieses System immer ausgefeilter (siehe Video). Man brauchte ein Passwort, um reinzukommen. Unterforen wurden eingerichtet: Für Kommuniqués verschiedener Terrorgruppen; für Bombenbauanleitungen; für theologische Debatten; für Frauen - und so weiter. Geheimdienste sind zudem überzeugt, dass hochrangige Qaida-Kader und die Administratoren der Seiten über den internen E-Mail-Verkehr miteinander in Kontakt standen - das Geflecht der Terrorseiten fungierte demnach zugleich als internes Kommunikationssystem.

In den vergangenen Jahren ist dieses System immer wieder angegriffen worden. Von Privathackern ebenso wie von Geheimdiensten. Die Methoden waren vielfältig: Mal posteten Agenten Desinformation, um die Dschihadisten zu verwirren. Mal wurden sogenannte Honigfallen aufgestellt - etwa Links zu angeblich neuen Web-Seiten verbreitet, wo dann Nachrichtendienste in aller Ruhe IP-Adressen einsammeln konnten. Einmal wurden Administratoren eines Forums festgenommen, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr. Stattdessen übernahmen Geheimdienstler das Kommando über die Seite.

Von außen lässt sich praktisch nie genau feststellen, was der genaue Grund dafür ist, wenn eine der Seiten in die Knie ging. Manche verloren Glaubwürdigkeit nur auf der Grundlage von Gerüchten und mussten dichtmachen. Manche schlossen ein paar Tage, "um das Design zu überarbeiten", und niemand glaubte ihnen anschließend noch, dass sie nicht übernommen worden waren. Und regelmäßig kam es vor, dass die Seiten plötzlich nicht mehr erreichbar waren, wenn gerade eine größere Terrorpublikation al-Qaidas anstand, für die das Netzwerk bereits Werbung gemacht hatte - dann jedenfalls konnte man sich ziemlich sicher sein, dass die USA dahinterstanden. Immer mal wieder starb auf diese Weise eine Seite und eine neue nahm ihren Platz ein.

Sawahiri braucht PR-Kanäle

In den letzten Monaten waren es drei Web-Seiten, die besondere Bedeutung für al-Qaida hatten. Am Mittwoch waren sie alle drei nicht mehr aufrufbar. Ein Blackout, al-Qaida war de facto offline. Auch so etwas hat es schon zuvor gegeben.

Aber in diesem Fall ist das Timing besonders kritisch. Al-Qaida hat nach dem Tod Osama Bin Ladens gerade erst einen neuen "Amir" ernannt - Aiman al-Sawahiri. Er ist darauf angewiesen, sich öffentlich zu äußern. Die Sympathisanten in aller Welt fremdeln noch mit ihm und warten auf Inspiration, Erklärungen und strategische Visionen.

Seit Donnerstag ist nun eine der drei Seiten wieder erreichbar. Aber es gibt unter Dschihadisten Zweifel, ob die Wiederauferstehung mit rechten Dingen zugeht. Selbst wenn auch die anderen beiden zurückkehren: Das Vertrauen der Cyber-Dschihadis wird leiden. Das ist ein Schlag für al-Qaida und Co., der die empfindliche Beziehung zwischen den Terrorführern und ihren Sympathisanten und potentiellen Rekruten stört.

Fortgeschrittene Methoden

Im aktuellen Fall sollen es Hacker gewesen sein. Evan Kohlmann, ein US-Analyst, der sich seit Jahren mit al-Qaidas Online-Universum beschäftigt, glaubt die Handschrift von Hackern mit Regierungsunterstützern zu erkennen - es seien ziemlich fortgeschrittene Methoden zum Einsatz gekommen. Ich kann das nicht beurteilen, halte es aber nicht für ausgeschlossen. Nach der Tötung Bin Ladens haben die USA mehrfach bekräftigt, dass sie das geschwächte Terrornetzwerk nun aggressiv und mit allen Methoden weiter verunsichern wollen.

Im Grunde ist das gewaltsame Abschalten dieser Seiten ein Anachronismus - schon seit ein paar Jahren gibt es unter Geheimdiensten im Westen und dem Nahen Osten einen Konsens darüber, dass es sinnvoller ist, mitzulesen, als die Cyber-Dschihadisten in schwerer zu überwachende Chatrooms abzudrängen. Andererseits: Ein Schlag gegen alle drei maßgeblichen Seiten auf einmal mag verlockend sein; sollte die Gelegenheit günstig gewesen sein, ist es absolut vorstellbar, dass die CIA oder ein anderer Dienst sie genutzt hat.

Experten glauben allerdings nicht, dass der Schlag endgültig gewesen sein wird. Bis jetzt sind noch jedes Mal neue Seiten erstanden, die das Vertrauen der Terrorgemeinde gewinnen konnten. In ein paar Tagen wird man es vermutlich besser sagen können.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung