Logbuch al-Qaida Dschihad-Fans bombardieren Bin Ladens Vize mit Fragen

Noch zwei Tage, dann läuft die Frist ab, die Aiman al-Sawahiri allen Interessierten gesetzt hat, die ihn per E-Mail befragen wollen. Freund und Feind aus aller Welt haben ihr Begehren angemeldet - und warten jetzt gespannt auf die Antwort des Terrorpaten.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Noch fünf, noch vier, noch drei Tage: Alle 24 Stunden springt der rote Zähler neben dem Ankündigungs-Banner um eine Ziffer nach unten. Jetzt sind es noch gut 48 Stunden, bis die Sammlung der Fragen für das "offene Interview" mit Aiman al-Sawahiri, der Nummer Zwei von al-Qaida, beendet wird.

Aiman al-Sawahiri: Der Qaida-Vize setzt auf das Web 2.0

Aiman al-Sawahiri: Der Qaida-Vize setzt auf das Web 2.0

Am 16. Dezember hatte die Propagandaabteilung des Terrornetzwerks die ungewöhnliche Aktion im Internet vorgestellt - jeder Interessierte, ganz gleich ob Gesinnungs- oder Kampfgefährte, Medium, Organisation oder Individuum - könne Fragen an den ägyptischen Terrorpaten richten. Die Administratoren von vier einschlägig bekannten dschihadistischen Webseiten seien autorisiert, die Fragen zu sammeln und weiterzureichen - "unverändert", wie versprochen wurde, und "ganz egal, ob sie zustimmend oder ablehnend sind". Wie genau al-Sawahiri antworten wird, teilte die Propagandaabteilung "al-Sahab" nicht mit; nur dass der zum Terroristen gewandelte Arzt "so schnell wie möglich" entgegnen werde.

Seit dieser Ankündigung gibt es auf den vier benannten Websites kein heißer diskutiertes Thema mehr. Es passiert ja auch nicht alle Tage, dass quasi jedem, der es möchte, ein direkter Draht zur al-Qaida-Führung eingeräumt wird.

Andererseits kann kein Zweifel daran bestehen, dass es sich bei der ganzen Aktion um Propaganda handelt. Terrorexperten und Analysten rund um die Welt sind sich einig, dass es al-Sawahiri vor allem um zweierlei geht: Aufmerksamkeit, nicht zuletzt in den internationalen Medien; und den Eindruck, dass sein Netzwerk gewissermaßen auf dem neuesten Stand der Kommunikationstechnik ist: Al-Qaida sucht user-generated content und baut sich eine Web-Community.

Im Widerspruch zu einigen Medienberichten über die Interview-Aktion ist es übrigens nicht ganz das erste Mal, dass das al-Qaida-Führungspersonal auf Web 2.0 setzt: Schon vor drei Jahren bat die saudi-arabische Filiale des Netzwerks ihre Sympathisanten darum, Anschlagspläne per E-Mail einzuschicken - man werde sie "begutachten und die besten zur Verbreitung aussuchen". Auf die anonym eingesandten Fragen und Vorschläge antwortete die saudische al-Qaida dann öffentlich, was oftmals mysteriös und sehr gefährlich klang. "Ja, Abu So-und-so, mach weiter mit deinem Projekt, aber meide den Ort, der mit einem X gekennzeichnet wurde!" Gut möglich, dass al-Sawahiri ähnliche Antworten geben wird - und die Welt dann rätselt, ob der Mann gerade einen freiwilligen Selbstmordattentäter mandatiert hat.

"Dürfen Frauen Selbstmordattentate durchführen?"

Der Erkenntnisgewinn aus den Antworten des Ägypters, so viel kann man jetzt schon vermuten, wird also wahrscheinlich klein sein - so oder so. Jedenfalls ist wohl kaum vorstellbar, dass er erklärt: "Also, es stimmt schon: Wir leiden wirklich unter Geldmangel." Oder: "Nein, wahrscheinlich werden wir es nicht schaffen, Tel Aviv auszulöschen." - "Und wo ich gerade dabei bin: Die Suche nach spaltbarem Material ist wirklich schwerer als erwartet." - "Ach ja, und Osama, tja, wie soll ich sagen, ich habe auch keine Ahnung, wo er sich versteckt. Aber das letzte Mal, als ich mit ihm sprach, klang er schwer krank."

Umso interessanter sind dafür die Fragen, die mittlerweile eingegangen sind. Es sind sehr viele: Alleine auf einer der vier autorisierten Websites umfassen die entsprechenden Postings ausgedruckt 53 Seiten - mit hunderten Fragen, die völlig unterschiedliche Themenbereiche berühren.

Diese Sammlung erlaubt ein paar faszinierende Einblicke in die Community der al-Qaida-Fans: Was sie umtreibt; was sie nicht wissen; was sie so hören.

Und weil es manchmal am besten ist, die Dinge möglichst authentisch wiederzugeben, hier eine - zugegeben, völlig willkürliche - Auswahl:

  • Werden die islamischen Heere in Palästina vereinigt werden?
  • Warum gibt es keine aktuellen Verlautbarungen der Mudschahidin in Saudi-Arabien mehr? Habt Ihr ihnen den Befehl gegeben, die Operationen einzustellen?
  • Gibt es eine Qaida-Filiale in Kaschmir?
  • Ist eine Befreiungsaktion für die Gefangenen in Kuba (gemeint ist Guantanamo Bay, die Red.) und Saudi-Arabien geplant?
  • Ist der Jemen für dschihadistische Operationen geeignet? Und wenn ja: Wieso hört man, dass Befehl ausgegeben wurde, dort nicht aktiv zu werden?
  • Wieso erwähnt Ihr nie die Muslime in Syrien?
  • Wie ist es um die Moral der Mudschahidin in Afghanistan bestellt, insbesondere der Araber unter ihnen?
  • Dürfen Frauen Selbstmordattentate durchführen?
  • Gibt es eine al-Qaida-Filiale in Palästina?
  • Was ist von der Tablighi-Jama'a zu halten? (Eine muslimische Missionsgruppe, die von einigen Experten als Durchlaufstation zu al-Qaida betrachtet wird, die Red.)
  • Was haltet Ihr von der Tötung Unschuldiger und Schutzbefohlener (gemeint sind Christen und Juden in arabischen Ländern, die Red.) im Rahmen von Anschlägen? Wer ist für Ihren Tod verantwortlich?
  • Warum greift Ihr die Juden nicht direkt in Tel Aviv an?
  • Was sind die Prioritäten der Bewegung in der nächsten Phase?
  • Warum befindet sich Seif al-Adel (al-Qaidas Nummer Drei, die Red.) in Iran, wo doch der Iran unsere Brüder tötet?
  • Gibt es bei al-Qaida und Taliban in Afghanistan westliche Kriegsgefangene? Und wenn ja, wieso werden sie nicht gegen festgenommene al-Qaida-Kader eingetauscht?
  • Warum sehen wir keine Anschläge in Iran, obwohl Iran doch die Sunniten bekämpft?
  • Wer ist eigentlich der Anführer des "Islamischen Staates Irak"? (Diesen "Staat" hat al-Qaida im Irak vor etwas über einem Jahr ausgerufen, die Red.)

Ohne diese Auswahl überinterpretieren zu wollen, scheinen drei Trends vorzuherrschen. Zum Einen wollen viele Dschihad-Fans wissen, wie es um den Terror in bestimmten (ihren?) Regionen bestellt ist; ganz so unterschiedslos weltumspannend und universell ist das Dschihad-Projekt also nicht.

Zum Zweiten gibt es ein Bedürfnis nach Klärung theologisch-moralischer Fragen. Es gibt also eine Klientel, die al-Sawahiri als Religionsgelehrten ernst nimmt. Und schließlich existiert in der Cyber-Dschihadisten-Community offensichtlich eine gewisse Erwartungshaltung, dass es große, spektakuläre oder zumindest symbolische Anschläge geben müsste.

Kritische Fragen gibt es übrigens auch - meistens drehen sie sich um die Frage der Rechtmäßigkeit der Ermordung Unschuldiger. Ein weiteres Indiz für die These, dass al-Qaida auch Anhänger verlieren kann, wenn sie zu brutal und blutrünstig wird.

Was beim Scannen nicht auftaucht, sind unterdessen offen gestellte Fragen arabischer, westlicher oder sonstiger Journalisten. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass der Glaube an ehrliche Antworten al-Sawahiris in diesen Kreisen nicht besonders ausgeprägt ist. Aber mit Blick auf die Wirkung auf seine Sympathisanten könnten die Antworten des Ägypters natürlich dennoch interessant sein.



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vista, 14.01.2008
1. Aufklärung der Fragesteller
Zitat von sysopNoch 48 Stunden, dann läuft die Frist ab, die Aiman al-Sawahiri allen Interessierten gesetzt hat, die ihn per E-Mail befragen wollen. Freund und Feind aus aller Welt haben ihr Begehren angemeldet - und warten jetzt gespannt auf die Antwort des Terrorpaten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,528377,00.html
Al Sawahiri und den seinen kommt es vordergründig darauf an, auf sich aufmerksam zu machen. Daneben besteht ein Interesse daran zu erfahren, wie die Resonanz ist und was man von al Quaida verlangt. Ganz am Schluss steht die Aufklärung der Fragesteller.
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