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16. August 2007, 08:23 Uhr

Logbuch al-Qaida

Großangriffchen auf den Cyber-Dschihad

Von Yassin Musharbash

Am 19. Juli rief "jveritas" im Internet dazu auf, von ihm identifizierte Pro-Terror-Websites auszuschalten. Seine Idee war simpel: Die Hostingfirmen mit massenhaften Beschwerde-Mails dazuzubringen, die Seiten zu sperren. Und sie funktionierte auch – ein bisschen.

Seit einem Monat herrscht im dschihadistischen Internet ein kleines Erdbeben. Ein knappes Dutzend prominenter Websites (so weit ich zählen kann) ist ihm bereits zum Opfer gefallen. Das Qaida-nahe Diskussionsforum "Das Paradies": bis auf weiteres geschlossen. Die Bekennerschreibenabwurfseite "Welt-Nachrichten-Netzwerk": eine Cyber-Ruine. Das Terroristen-Blog der englischsprachigen "Globalen Islamischen Medienfront": nicht mehr existent.

Abgeschaltetes Blog von Terrorsympathisanten: Unter neuer Adresse schon wieder auferstanden

Abgeschaltetes Blog von Terrorsympathisanten: Unter neuer Adresse schon wieder auferstanden

Angefangen hat das Massensterben in der zweiten Julihälfte. Ein gewisser "jveritas" löste es mit einem Aufruf auf freerepublic.com aus, einem Treffpunkt von Internetaktivisten, News-Junkies und, wie es scheint, stramm bis rechts-konservativen US-Patrioten. "Wir sollten versuchen, jede bekannte Terroristen-Website auszuschalten, um eine schockierende Nachricht an die islamischen Terroristen zu senden und ihnen einen psychologischen Schlag beizubringen", schlug "jveritas" vor.

Gesagt, getan – schließlich war die Methode, die "jveritas" sich überlegt hatte, denkbar einfach: Weil viele dieser Webseiten von US-amerikanischen Firmen gehostet werden, sollten seine Mitstreiter sich dort beschweren. Zu diesem Zweck veröffentlichte er eine Liste mit URLs von Pro-Dschihad-Websites, dazu gehörigen IP-Adressen und den Adressen der Provider beziehungsweise Hoster. "Jveritas" formulierte sogar Beschwerde-Mails vor. Er fand schnell viele Helfer, die sich beglückt äußerten, selbst endlich einmal etwas gegen Terroristen tun zu können. Das Forum, in dem sie sich austauschen, umfasst mittlerweile 143 Seiten. Nach wenigen Tagen gab es erste Erfolgsmeldungen: "Gute Arbeit! Eine weitere Seite geschlossen!", hieß es etwa am 20. Juli über "Das Paradies".

Andere Aktivisten sehen die Initiative als Fehler

Über den Initiator "jveritas" ist nicht viel bekannt. Eine Mail-Adresse hat er (oder sie?) nicht veröffentlicht. Aber "jveritas" scheint des Arabischen mächtig zu sein - jedenfalls wurden unter diesem Web-Namen bereits vor Jahren arabische, terrorbezogene Dokumente aus dem Irak ins Englische übersetzt. Jeder Amerikaner, der Arabisch verstehe, müsse helfen, die Terroristen zu bekämpfen, fordert "jveritas". Unter seinen Postings steht als Signatur: "Gott schütze unsere mutigen Truppen und Präsident Bush."

Es gibt schon seit Jahren Internet-Aktivisten, die dschihadistische Websites bekämpfen – entweder, indem sie ebenfalls die Provider und Hoster über ihre Kunden ins Bild setzen, oder indem sie die Seiten durch Hacken oder "Denial of Service"-Attacken ausschalten. Von den Pionieren auf diesem Feld, der Gruppe "Internet Haganah", erntete die von "jveritas" angestoßene Initiative allerdings nur ein verschnupftes Naserümpfen: Unterm Strich sei die Aktion ein Fehler, denn sie würde Terroristen und Terrorsympathisanten dazubringen, andere Kommunikationswege zu suchen, die "für uns nicht annähernd so nützlich sind wie die (Diskussions-) Foren".

"Internet Haganah" führt damit eine alte Debatte weiter: Soll man Terror verherrlichende Webseiten um jeden Fall bekriegen und ausschalten – oder sie als Informationsquellen nutzen? Zumindest die Nachrichtendienste, diesseits wie jenseits des Atlantik, tendieren nach anfänglicher Unsicherheit mittlerweile eher fürs Mitlesen.

Ganz so schnell wird der Umzug in schlechter einzusehende Gefilde des Internets allerdings nicht stattfinden. Bis jetzt sind abgeschossene Terror-Webseiten fast jedes Mal wieder auferstanden, zumal die wichtigen - meistens lediglich unter einer neuen Adresse oder auf einem neuen Server. Auch zwei von "jveritas" und Konsorten angegriffene Sites sind bereits wieder online. Der "Großangriff" auf den Cyber-Dschihad – er wird nur eine Episode bleiben.

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