Logbuch al-Qaida Islamisten und Aids

Heiliger Krieg einmal anders: Angesichts der weltweiten Ausbreitung von Aids haben nicht wenige muslimische Gelehrte mittlerweile den Dschihad gegen die Immunschwächekrankheit ausgerufen. Radikale Islamisten aber halten das HI-Virus für Gottes Strafe für die Ungläubigen.

Von Yassin Musharbash


Den Anfang machten die muslimischen Religionsführer in Uganda: Schon 1989 riefen sie zum "Dschihad gegen Aids" auf. Sie forderten die Muslime im Land auf, mehr Selbstdisziplin zu üben, um die Verbreitung der Krankheit zu stoppen. Ugandische Mediziner kooperierten mit einfachen Imamen und machten ihnen klar, dass bestimmte Praktiken, etwa die Beschneidung von Jungen mit unsterilen Instrumenten, die Gefahr einer Ansteckung bergen. Die Resultate waren ermutigend: Die HIV-Rate unter ugandischen Muslimen verringerte sich spürbar.

Wandbild in Kenia: Je radikaler der Islamist, desto weniger schert ihn das Gemeinwohl.
DPA

Wandbild in Kenia: Je radikaler der Islamist, desto weniger schert ihn das Gemeinwohl.

Auch in anderen Ländern, etwa Indonesien oder Bangladesch, spielen Imame eine konstruktive Rolle. Sie verteilen Broschüren in Moscheen, sie warnen in Predigten vor ungeschütztem Sex.

Es gibt also keinen Grund zu der Annahme, dass muslimische Gesellschaften grundsätzlich ein Problem hätten, der Herausforderung HIV/Aids zu begegnen. Selbst wenn vieles, was mit Sexualität zu tun hat, zwischen Casablanca und Islamabad eher in die Kategorie Tabu fällt. Diese positiven Ansätze sind umso wichtiger, als längst auch dieser Teil des Globus von der Pandemie befallen ist: Laut Dr. Khadijah Mowallwh, einer Spezialistin bei HARPAS, einem arabischen Programm zur Aids-Information, sind allein in der arabischen (also nicht einmal der muslimischen) Welt bereits 500.000 Menschen infiziert. Schlimmer noch: Die Wachstumsrate ist hier die zweitgrößte der Welt. Und in den besonders von Aids geplagten Landstrichen im Afrika südlich der Sahara leben ebenfalls viele Muslime.

Motto: Was nicht sein darf, das kann nicht sein

Die Zahlen, Informationen und Zitate in diesem Text stammen allesamt aus einem Beitrag, den Reuven Paz und Moshe Terdman kürzlich verfasst haben. Moshe Terdman kenne ich nicht. Reuven Paz ist Leiter des E-Prism-Instituts, das sich mit dem Denken von radikalen Islamisten beschäftigt. Ich habe Reuven vor zwei Jahren in Tel Aviv getroffen, und es gibt wohl kaum jemanden, der mit mehr Faszination versucht, die Gedankenwelt von Terroristen, ihren Anhängern und anderen Islamisten nachzuvollziehen. Er nimmt ihre Argumente ernst, ohne sich darüber lustig zu machen.

Obwohl man manchmal schon dazu neigen könnte. Auch in diesem Paper zeigt sich nämlich, dass eine fundamentalistisch-religiöse Weltsicht sehr hinderlich sein kann, wenn es darum geht, akute Probleme zu lösen und Krisen zu bewältigen. Man kann Menschen ohne Zugang zu Bildung nicht vorwerfen, wenn sie wenig oder nichts über Aids wissen. Aber bei an Hochschulen ausgebildeten Radikalislamisten, die nach dem Motto verfahren, was nicht sein darf, kann auch nicht sein, sieht es anders aus.

So schrieb Hani Ramadan, Direktor des Islamischen Zentrums in Genf und Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, 2002 in einem Aufsatz für die Tageszeitung "Le Monde", dass Aids ein "göttlicher Fluch" sei. Er verteidigte in dem Text die Steinigung als Strafe und erklärte, dass "Aids ausschließlich aus Promiskuität herrührt". Fazit: Gläubige Muslime können sich nicht mit Aids infizieren.

In Großbritannien predigten gleich mehrere radikale Imame, dass christliche Missionare das Aids-Virus in Medikamente schmuggelten, um Afrikaner zu vergiften.

In Nigeria boykottierten und störten Islamisten Impfkampagnen gegen Kinderlähmung, weil sie behaupteten, die USA nutzten diese Gelegenheiten zur gezielten Infizierung mit Aids.

In Somalia drohten Islamisten, jedem, der mit Kondomen handelt, mit dem Tod durch Pfählen.

In Saudi-Arabien kam es im April dieses Jahres fast zu einer Panik, weil eine gefälschte SMS kursierte, der zufolge das Innenministerium vor einer ins Land geschmuggelten Ladung israelischer Wassermelonen warnte, die mit dem HI-Virus verseucht sei.

Die Londoner Filiale der Islamistengruppe "Hizb ut-Tahrir" erkannte dagegen immerhin die Verbreitungswege von Aids an - nannte als Ursache aber "anale Vergewaltigungen" ihrer Gefangenen durch das (ungläubige) Sicherheitspersonal in Usbekistan.

Der Tenor der Islamisten ist also immer derselbe: Schuld sind die anderen, die Ungläubigen, die Fremden. Wissenschaftliche Erkenntnisse, Hilfe aus dem Ausland - alles unerwünscht. Stattdessen mischen Scheichs im Jemen, Präsidenten in Gambia ("funktioniert nur Donnerstags") und Wissenschaftler in Iran, inspiriert durch den Koran, Kräuter zusammen und behaupten: Wir haben die Heilung für Aids gefunden! Geteilt werden die angeblichen Erkenntnisse natürlich nicht.

Je genauer man das Papier liest, desto klarer wird eines: Abgesehen von dem Grad der Radikalität in ihren Glaubenssätzen kann man moderate und radikale Islamisten noch an einem anderen Kriterium unterscheiden. Die einen interessieren sich für die Gesellschaft, die anderen nicht.

Wenn gemäßigte Islamisten zum Beispiel Fatwas erlassen, dass ein Muslim einen mit Aids infizierten Muslim nicht schneiden darf, sondern mit Güte zu behandeln hat, ist das konstruktiv - auch wenn der entsprechende Mufti vielleicht ansonsten Ansichten hat, die ihm nicht gerade eine Einladung ins Weiße Haus sichern würden. Je radikaler und dogmatischer ein Islamist hingegen ist, desto weniger schert ihn das Wohlergehen seiner Mitgläubigen offenbar.

Und so ist es irgendwie auch wieder logisch, dass die beste Lösung der Aidskrise natürlich die Anhänger von al-Qaida & Co. kennen: Man muss nur dem Dschihad beitreten - natürlich nicht dem friedlichen gegen Aids, sondern dem anderen gegen die Ungläubigen. Denn Mudschahdin sind vor der Krankheit gefeit.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
moro, 20.06.2007
1. dbd,dhkp
Dass auch manche akademisch gebildete Araber/Muslime als "Kameltreiber" bezeichnet werden, ist also nichts als ein Vorurteil?
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