Logbuch al-Qaida Mullah Omar bittet um Disziplin

"Gehorcht euren Anführern, tötet keine Unbeteiligten": Mullah Omar, der Anführer der Taliban, ruft seine Gefolgsleute zur Ordnung auf. Verhandlungen erteilt er dagegen eine grundsätzliche Absage.

Taliban-Anführer Mullah Omar: Anweisungen aus dem Untergrund
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Taliban-Anführer Mullah Omar: Anweisungen aus dem Untergrund

Von Yassin Musharbash


Berlin - Anlässlich des islamischen Opferfestes hat Mullah Omar, das geistliche Oberhaupt der Taliban, sich schriftlich zu Wort gemeldet. Auf ihrer Website verbreitete die Propagandaabteilung der Islamisten das längliche Kommuniqué umgehend - auch in Englisch.

Es enthält keine Sensationen, aber die Nuancen sind interessant. Denn trotz aller Beteuerungen des natürlich zweifelsfrei bevorstehenden Sieges lässt der Chef-Taliban zwischen den Zeilen erkennen, dass es auch Entwicklungen gibt, die er für besorgniserregend hält.

Gleich zweimal in dem siebenseitigen Schreiben ruft er die Dschihad-Kämpfer dazu auf, die Zahl der zivilen Opfer zu minimieren. "Gehorcht euren Anführern und beachtet den Schutz der öffentlichen und nationalen Eigentümer, während ihr militärische Operationen durchführt", heißt es in dem Brief, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. "Fokussiert euch auf die Invasoren, ihre Lakaien und andere wichtige Ziele, insbesondere während Selbstmordoperationen." Es gebe die "islamische Verantwortung", Todesopfer unter "gewöhnlichen Menschen" zu vermeiden.

Fürchtet Mullah Omar die Stammesmilizen?

Auch den "Einsatzkodex" der Taliban, eine Art Kriegshandbuch der Islamisten, ruft er seinen Kämpfern noch einmal in Erinnerung. Unsinnige Aktionen seien zu unterlassen.

Diese Passagen lassen erkennen, dass Mullah Omar offenbar eine Verschlechterung des Rufes der Taliban fürchtet; sie sollen auch weiterhin als "Verteidiger der Gläubigen" gelten können, nicht als blutrünstige Krieger ohne Moral und Anstand.

Eine zweite Gefahr sieht der Religionsgelehrte augenscheinlich in den Versuchen, lokale Milizen gegen die Taliban in Stellung zu bringen - ein Projekt, mit dessen Finanzierung die USA bereits begonnen haben. Dies sei genau, was schon die Sowjets in Afghanistan unternommen hätten, um die Gotteskrieger zu spalten, erklärt Mullah Omar. "Die Amerikaner und ihre Alliierten wollen dieses gescheiterte Experiment wiederholen."

Keine Gespräche zwischen Taliban und Karzai

Angesichts dieser Äußerungen nimmt es kein Wunder, dass der Taliban-Führer im selben Atemzug jedweden Verhandlungen eine Absage erteilt. Die entsprechenden Überlegungen seien ohnehin nicht ernst gemeint: "Die amerikanischen Invasoren wollen die Mudschahidin unter Vorgaukelung von Verhandlungen zur Kapitulation zwingen."

Der afghanische Präsident Hamid Karzai stehe einer Marionettenregierung der USA vor. Karzai hatte kürzlich erneut Gespräche mit den Taliban vorgeschlagen.

Mullah Omar, der sich verhältnismäßig selten zu Wort meldet, lebt seit dem Sturz des Taliban-Regimes 2001 im Untergrund. Es gibt Spekulationen in Geheimdienstkreisen, denen zufolge er sich in Pakistan aufhält.

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