Logbuch al-Qaida Paranoia auf Dschihad.net

Es gibt nur wenig wirklich wichtige Dschihad-Foren. Aber dort sind Tausende Terrorsympathisanten angemeldet. Jetzt sollen die Akkreditierten einen Eid schwören - wer nicht mitmacht, ist verdächtig, ein Spion zu sein.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es gibt alle möglichen Arten von Dschihadisten: eingefleischte Terroristen natürlich, aber auch reine Cyber-Aktivisten. Dschihadisten, die in Osama Bin Laden eine Art islamischen Popstar sehen, zählen ebenso dazu wie technisch versierte Terrorsympathisanten, die in ihrer Freizeit als Dozenten von al-Qaidas Fernuniversität im Internet wirken, oder solche Dschihadisten, die sich vor allem mit der theologischen Rechtfertigung des Kampfes beschäftigen.

Und dann gibt es noch eine Sorte: Man könnte sie, mangels eines treffenderen Begriffs, die Mystiker oder auch Romantiker des Dschihadismus nennen. Aber nicht, weil sie dem mystisch inspirierten Sufi-Islam anhängen. Sondern weil diese Untergruppe derart von der Realität des religiösen Endkrieges überzeugt ist, dass sie ständig mit einem göttlichen Eingriff in die Weltgeschichte rechnet. Es ist kein Zufall, dass ihre Vertreter sich im Internet gerne Nicknames wie "Verachter des Diesseits" oder "Das Ende ist nah" geben.

Einige der Repräsentanten dieses Flügels sorgen gerade auf den einschlägigen dschihadistischen Diskussionsforen für Furore: Mit einer inszenierten Jagd auf vermeintliche "Spione" und "Agenten", von denen sie fürchten, dass sie sich in "ihren" Foren tummeln.

Nun ist das so eine Sache mit der geschlossenen Gesellschaft im dschihadistischen Internet: Auf der einen Seite sind praktisch alle wichtigen Foren mittlerweile passwortgeschützt, und seit ein paar Jahren ist es Usus, dass der Interessent, bevor er ein Passwort zugeteilt bekommt, per Mausklick bestätigen muss, dass er Muslim ist und dem Pfade des militanten Dschihad anhängt.

Auf der anderen Seite haben einige der zentralen Foren eigens Akkreditierungsverfahren für Journalisten eingeführt: Wer angab, für wen er arbeitet, durfte mitlesen, was al-Qaida und Co. so zu veröffentlichen haben und was ihre Sympathisanten dazu zu sagen haben. Die Administratoren der Foren scheinen jedenfalls mehrheitlich der Meinung zu sein, dass ruhig jeder mitlesen darf. "There's no such thing as bad publicity" - das ist ihre Devise.

Schwören auf Gott

Die Mystiker-Fraktion aber will die vermuteten Spione und Feindbeobachter (etwa aus dem Lager der verhassten Schiiten) identifizieren und verbannen. Ihre Mitglieder haben eine Methode erdacht, die ihrem Denken entspricht: Sie fordern alle in den Foren angemeldeten Nutzer auf, einen Eid zu schwören, dass sie keine Verräter sind.

Der Schwur, den sie vorschlagen, geht so: "Ich schwöre bei dem großen Gott, der mich geschaffen hat und ernährt und alle Arten von Gnade zuteil werden lässt, dass ich kein Spion bin und kein Kollaborateur für irgendeine Seite, die die Mudschahidin bekämpft. Und sollte ich einen falschen Eid schwören, dann liege der Hass Gottes auf mir und der der Engel und aller Menschen."

"Ich denke, damit ist wohl klar, was wir beabsichtigen", setzte der Nutzer, der den Schwurvorschlag formuliert hatte, stolz als Kommentar dazu. Für ihn und seine Fraktion ist eine solche Selbstverfluchung wirklich und wahrhaftig und völligen Ernstes eine ziemlich sichere Sache: Sie können sich nicht vorstellen, dass irgendjemand freiwillig den Hass Gottes auf sich ziehen könnte und rechnen damit, dass die vermuteten Feinde eher die Foren verlassen als dieses Risiko auf sich zu nehmen. Wer nicht mitschwört, sei deshalb als verdächtig anzusehen, schreiben die Initiatoren weiter.

Eid per Copy und Paste

Nun kommt diese Idee nicht völlig aus dem Nichts. Schon der Prophet Mohammed soll ganze Stämme zum Übertritt zum Islam gebracht haben, indem er ihnen Angst vor Gottes Vergeltung machte, falls sie nicht auf ihn schworen. Aber heute gehören solche Methoden nicht mehr unbedingt zum Standardrepertoire islamistischer Strategen.

Wie immer, wenn verschiedene Denkschulen des radikalen Islam aufeinanderprallen, ist interessant zu beobachten, wie sich die Debatte entwickelt. Bisher ist das Echo auf die Aktion deutlich, aber überschaubar. Einige hundert Internetaktivisten haben den Eid per Copy und Paste bislang mitgeschworen.

Allerdings gibt es auch Gegenstimmen: "Auch wenn ich nicht überzeugt bin, dass das der richtige Weg ist, schwöre ich den Eid mit", schreibt einer, der seine Kritik nur anklingen lässt. Er wolle nicht mitschwören, teilt ein zweiter schon entschiedener mit; man solle solche Dinge Gott allein überlassen.

Ein dritter antwortet hingegen beinahe schon spöttisch: "Wieso glaubt ihr eigentlich, dass gerade die Spione den Eid nicht mitschwören würden? Sie sind doch schon Verräter an ihrer Religion, oder etwa nicht?"



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