Logbuch al-Qaida Phantom IJU wird greifbar
Propaganda der Islamischen Dschihad-Union: Aktenzeichen IJU gelöst?
Berlin - Es war Ende April 2007, als Fritz Gelowicz zum ersten Mal in seinem Leben von einer "Islamischen Dschihad-Union" las: Der SPIEGEL hatte gemeldet, dass die CIA die deutschen Behörden vor einer Gruppe Terrorwilliger warne, die über die Türkei auf dem Weg nach Deutschland sei und aus dem Umfeld dieser Organisation stamme.
Gelowicz, der zu diesem Zeitpunkt schon mitten in den Planungen für eine potentiell verheerende Anschlagsserie in Deutschland steckte, nahm die Nachricht aufmerksam zur Kenntnis. Dass er selbst und seine Mitverschwörer Daniel Schneider, Attila Selek und Adem Yilmaz mit der Warnung gemeint waren, kam ihm allerdings nicht in den Sinn. Erst einen Monat später habe es "Klick gemacht", sagte Gelowicz im Juni dieses Jahres den Vernehmungsbeamten des Bundeskriminalamtes (BKA).
Gelowicz war nicht das einzige Zellen-Mitglied, dem es so ging. Attila Selek, der zu diesem Zeitpunkt in der Türkei Zünder für den Bombenplot beschaffen half, wunderte sich ebenso über die vermeintlich andere Terrorgruppe wie Adem Yilmaz und Daniel Schneider, die später dem BKA ebenfalls attestierten, dass sie den Namen "Islamische Dschihad-Union" oder deren gängige Abkürzung "IJU" allein aus den Medien kannten.
Dabei hatten alle vier Männer im Jahr 2006 eine Ausbildung in einem Lager der IJU im pakistanischen Waziristan nahe der Stadt Mir Ali durchlaufen. Und nicht nur das: Der IJU-Chef persönlich gab Gelowicz und Yilmaz damals den Auftrag, in Deutschland Terroranschläge durchzuführen und dabei vorzugsweise US-Soldaten ins Visier zu nehmen, gern aber auch symbolträchtige deutsche oder usbekische Ziele. Bis auf Selek hatten die verhinderten Terroristen sogar eine "Bai'a", also einen Treueeid, im Terrorcamp abgelegt. Yimaz sagte dem BKA gar, er betrachte sich deswegen nach wie vor als Mitglied.
Eigentliches Ziel: Tschetschenien
Die scheinbare Ahnungslosigkeit der Sauerland-Gruppe über die IJU wirkt irritierend, lässt sich aber leicht erklären - denn die vier, die auszogen, den Dschihad zu lernen, kannten die Usbeken-Organisation unter anderen Bezeichnungen. Meistens war schlicht von der "Ahmad-Gruppe" die Rede, so benannt nach dem Kampfnamen ihres Anführers, dessen Klarname, wie mittlerweile feststeht, Nadschmeddin Schalolow ist. Auch der Begriff "usbekische Gruppe" kursierte. Am nächsten kam Gelowicz dem wahren Namen: Er betrachtete im Lager ein Propaganda-Video der IJU, in welchem ein Logo mit dem Schriftzug "Badr al-Tawhid", arabisch für "Vollmond des Monotheismus", eingefügt war. Er fragte, ob das der Name der Gruppe sei. Nein, beschied man ihm, der laute "Ittihad al-Jihad al-Islami", was übersetzt "Union des islamischen Dschihad" (so Gelowiczs Übertragung) oder eben "Islamische Dschihad-Union" heißen kann.
Ihr auch gegenüber dem BKA offen bekundetes Desinteresse an der Gruppe, die sie ausbilden sollte, hatte zudem einen spezifischen Grund: Sie hatten eigentlich vor, in Tschetschenien zu kämpfen; nach Waziristan zur Schulung gingen sie nur, weil die Vermittler für den Front-Trip im Kaukasus der Meinung waren, dies sei nötig. So eröffneten sie den vier Dschihadisten aus Deutschland den Weg nach Waziristan. Wenn es aber nach ihnen gegangen wäre, hätten sie sich danach tatsächlich nach Tschetschenien abgesetzt. Es kam anders: "Ahmad" wollte Bomben in Deutschland.
Näher kommt man nicht an die IJU
Als die CIA im April 2007 ihre vagen Warnungen nach Deutschland kabelte, da war die "Islamische Dschiad-Union" freilich auch den deutschen Sicherheitsbehörden nicht besonders gut bekannt. Es gab Material zu usbekischen Dschihadisten, aber es war nicht viel verlässliches darunter. Die vorherrschende Lesart war, dass die IJU eine Abspaltung der Ende der Neunziger gegründeten "Islamischen Bewegung Usbekistan" war. Man hatte aber immerhin Informationen über einige Kader der Truppe, schätzte sie auf ein paar hundert Kämpfer, war sicher, dass sie in Pakistan operierte und hatte Kenntnis, dass sie einen Schleuserring zur Verfügung hatte.
Heute, fast genau zwei Jahre nachdem Gelowicz, Schneider und Yilmaz beim Testkochen von Sprengstoff im Sauerland festgenommen wurden (Selek wurde wenig später in der Türkei verhaftet), sieht die Sache anders aus: Dank der über 1400 Seiten geständigen Auslassungen der vier Angeklagten gegenüber dem BKA ist die IJU vermutlich die am besten aufgeklärte Terrororganisation der Welt - jedenfalls für die deutschen Behörden. Es ist schwer genug, überhaupt mehr als Halbwissen und Gerüchte über solche Gruppen zu sammeln, geschweige denn, einen Spion zu platzieren. Umfassende Geständnisse von direkt Involvierten sind da eine große Hilfe.
Da die vier Angeklagten unabhängig voneinander und ohne vorherige Absprachen vernommen wurden, haben ihre Aussagen immer dann besonderen Wert, wenn sie sich decken. Das ist bei vielen Details der Fall.
Trouble mit der usbekischen Konkurrenz
So ergibt sich in der Summe das Bild einer eher kleinen und eher schlecht ausgestatteten Dschihadisten-Gruppe unter vielen, die in Waziristan ihre Basis haben und von dort aus entweder die pakistanische Armee angreifen oder gelegentlich nach Afghanistan einsickern, um US-Soldaten zu attackieren.
Auf ein paar Dutzend dauerhafte Mitglieder schätzen die Sauerländer die IJU, aufgeteilt in zwei Hauptgruppen: Einmal in Mir Ali, einmal an der Front, wo es einen eigenen Kommandeur gibt. Die Kooperation mit anderen Gruppen erschien den Kronzeugen nicht besonders ausgedehnt zu sein: Waffentausch mit al-Qaida, gelegentliche Begegnungen mit türkischen oder arabischen Gruppierungen. Zur anscheinend deutlich mitgliederstärkeren "Islamischen Bewegung Usbekistan", die ebenfalls dort operiert, gibt es demnach Spannungen.
In persönlichen Gesprächen plauderten "Ahmad" und seine rechte Hand "Suleyman" auch über die Ursprünge der IJU, und bestätigten damit die These der Abspaltung von der IBU. Die IJU, heißt es in den Aussagen, sei eher international orientiert.
Unabhängig von al-Qaida
Für Anschläge im Ausland, vermuten die Angeklagten, sei eine Absprache mit al-Qaida indes nicht erforderlich. Nur wenn sie in Afghanistan auftrete, unterstelle sie sich dem lokalen Taliban-Kommando.
Finanzieren würde sich die IJU wohl vor allem über Spenden, vermuten die Angeklagten weiter. Und zumindest zeitweise schloss die Gruppe wohl auch einen Waffenstillstand mit der pakistanischen Armee - sehr zum Missfallen von Adem Yilmaz, der gern gegen sie gekämpft hätte.
Schließlich offenbarten die Angeklagten das Curriculum der Terrorausbildung (Waffenkunde, Sicherheit, Gifte, Bombenbau, Sprengstofflehre, Sport, wenig Religion), mutmaßten über veraltete Lehrbücher, identifizierten auf Propaganda-Videos einzelne Kader der IJU und Häuser, und erklärten dem BKA, dass die IJU-Kader nur wenig Ahnung von Europa hätten.
Gegenwart aufgeklärt, Vergangenheit unklar
Es sind genau solche Informationen, nach denen Geheimdienste und Sicherheitsbehörden lechzen - sie helfen, dass Risiko, das von einer Gruppe ausgeht, einzuschätzen. Die IJU ist demnach kein besonders großer Faktor. Wenn doch, dann vor allem, weil sie nach wie vor einige deutsche Rekruten in ihren Reihen hat, namentlich Eric Breininger und Houssain al-M.1, beide mutmaßlich von Daniel Schneider vermittelt.
Nie dürfte ein aktuelleres und umfassenderes Bild von der IJU vorgelegen haben. Andererseits helfen die Aussagen nur bedingt dabei, den Ursprung der IJU einzuschätzen. Verschwörungstheoretiker und andere Skeptiker haben von Beginn an gemutmaßt, die IJU sei eine Erfindung der usbekischen Behörden. Die Sauerländer können das kaum einschätzen, auszuschließen ist es nicht. Aber selbst wenn es so wäre: Für die Gegenwart hat es keine Bedeutung, die IJU hat sich längst verselbständigt.