Logbuch al-Qaida Showdown im Apfelgarten

Totgesagte leben länger, das gilt manchmal auch für Terroristen. Angeblich wurde der pakistanische Qaida-Mann Ilyas Kashmiri am 3. Juni durch eine US-Drohne getötet. Vieles spricht dafür, dass diese Nachricht stimmt - aber nicht alles.

HUJI-Chef Ilyas Kashmiri: Desinformationskampagne, um ihn zu schützen?
AFP

HUJI-Chef Ilyas Kashmiri: Desinformationskampagne, um ihn zu schützen?

Von Yassin Musharbash


Zwei Dinge stehen so gut wie fest: Auf den Kill-Listen der CIA stand Ilyas Kashmiri ziemlich weit oben. Und Kashmiri selbst hatte große Sorgen, eines Tages von einer US-Drohne getötet zu werden.

Einer seiner früheren Gefolgsleute sagte kürzlich vor einem US-Gericht aus, Kashmiri habe deshalb ein Attentat auf einen Lockheed-Martin-Funktionär geplant. Die Firma, davon war Kashmiri offenbar überzeugt, produziert die unbemannten Flugzeuge, die der US-Auslandsgeheimdienst zur Terroristenjagd einsetzt.

Am vergangenen Wochenende ging dann die Meldung um die Welt, Ilyas Kashmiri, pakistanischer Top-Terrorist in Diensten al-Qaidas, sei tot - getroffen von, genau, eben einer solchen CIA-Drohne.

Tod im Apfelgarten

Hier nun beginnen freilich die Zweifel. Ist Ilyas Kashmiri wirklich tot? Er war schließlich schon einmal, 2009, zum Drohnenopfer erklärt worden - nur um ein paar Wochen später eines seiner seltenen Interviews zu geben.

Zugegeben, in diesem Fall spricht vieles dafür, dass Kashmiri wirklich tot ist. Mehrere Anführer der pakistanischen Taliban haben es verschiedenen Medien gegenüber behauptet; außerdem Qari Mohammed Idris, ein Anführer der Terrortruppe HUJI (Harakat al-Jihad al-Islami), deren nomineller Chef Kashmiri war; und schließlich ein hochrangiger Beamter der pakistanischen Regierung mit Zuständigkeit für die Region Südwaziristan, in der es zu dem Drohnenbeschuss kam.

Idris sagte laut der pakistanischen Tageszeitung "Dawn", dass Kashmiri in einem Apfelgarten gesessen habe, als die Raketen einschlugen. Verschiedene US-Beamte erklärten zudem, sie seien ziemlich sicher, dass der Top-Kader tot sei. Die pakistanische Regierung sagt in etwa dasselbe.

"Die USA sind unser einziges Ziel"

Und dann noch das beste Argument: eine schriftliche Erklärung der HUJI, dass Kashmiri tot sei. Dieses Kommuniqué wurde sogar auf einer der von al-Qaida autorisierten Webseiten veröffentlicht. Darin heißt es, dass die HUJI, beziehungsweise die "Brigade 313" (eine Unterabteilung, die mit al-Qaida kooperiert) Kashmiris Tod bestätige. Die USA seien fortan "unser einziges Ziel".

Warum sollte man da noch Zweifel hegen?

Weil es (möglicherweise) kleinere Ungereimtheiten gibt. So weist der Analyst Arif Rafiq laut dem Fachblog The Long War Journal zum Beispiel darauf hin, dass im Originaltext des HUJI-Statements der Name der Gruppe falsch geschrieben sei. Das wäre in der Tat seltsam. (Ich kann das nicht beurteilen - mir liegt nur die arabische Version vor, da tritt dieses Problem nicht auf.)

Außerdem kursiert ein Foto, dass angeblich den getöteten Kashmiri zeigt. Tatsächlich, so wiederum The Long War Journal, zeige es aber gar nicht Kashmiri, sondern einen der Attentäter der Mumbai-Anschläge von 2008.

Dass ein falsches Foto kursiert, heißt natürlich an sich gar nichts. Aber The Long War Journal behauptet, dieses Bild sei von der HUJI veröffentlicht worden. Wenn das stimmt, würde es die Bestätigung des Todes von Ilyas Kashmiri natürlich in Zweifel ziehen - seine eigene Gruppe wird ihren Chef wohl kaum verwechseln.

Leider kann ich nicht bestätigen, dass wirklich die HUJI das falsche Bild veröffentlicht hat. The Long War Journal zeigt das Bild zwar - hat es aber offensichtlich nicht selbst besorgt, sondern dankt dem privaten Terrorforschungsdienst "Site" für die Genehmigung zur Veröffentlichung. Site hat das Bild also gefunden - aber hat Site das Foto dem HUJI-Kommuniqué zugeordnet? Oder hat The Long War Journal dies getan? Oder hat bloß irgendein Spaßvogel das falsche Foto irgendwo auf einer dschihadistischen Web-Seite unter das HUJI-Kommuniqué gestellt - und Site oder The Long War Journal haben es irrtümlich als von der HUJI gepostet einsortiert? All das ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar.

Ein Schlag gegen al-Qaida

Immerhin reichen die Ungereimtheiten aus, um die USA zu verwirren. The Long War Journal zitiert US-Geheimdienstler mit der Aussage, dass die Verwirrung um Bild und Kommuniqué eine Bestätigung des Todes von Ilyas Kashmiri erschwere, und dass man es möglicherweise mit gezielter Desinformation der HUJI zu tun habe. Die HUJI, soll das wohl heißen, könnte versuchen, Kashmiri als tot zu verkaufen, um ihn, der in Wahrheit noch lebt, zu schützen.

Das klingt abenteuerlich und ist auch keine gängige Praxis dschihadistischer Gruppen. Aber ausschließen würde ich es auch nicht.

Die wahrscheinlichste Variante bleibt, dass Kashmiri tot ist - und dass sein Tod ein schwerer Schlag für al-Qaida und HUJI ist. Kashmiri ist jemand, auf den das Label Topterrorist tatsächlich passt. Dutzende schwerste Anschläge in Pakistan gehen auf sein Konto, aber auch eine Bombe in Indien, mehrere Attentatsversuche und Pläne, in Dänemark ein Massaker anzurichten. Auch die mehrtägige Stürmung einer Einrichtung der pakistanischen Marine im Mai soll auf sein Konto gehen.

Zudem hat er nach Informationen von SPIEGEL ONLINE aus dem vergangenen Herbst in der Tat den Auftrag bekommen (oder sich selbst gegeben), einen oder mehrere größere Anschläge im Namen von al-Qaida in Europa zu planen. Die "Brigade 313" soll zu einer Art Qaida-Kommando für externe Operationen umgemodelt worden sein. Aus Gerichtsverfahren ist zudem bekannt, dass Kashmiri ein eigenes Netz von Helfern hatte, das bis nach Skandinavien und Großbritannien reichte - und Beziehungen zu Ex-Offizieren des pakistanischen Geheimdienstes. Kashmiri war in der Terroristenszene in Waziristan auf dem aufsteigenden Ast. Zwar wäre er keineswegs (entgegen anderslautenden Kolportagen) ein möglicher Nachfolger für Osama Bin Laden gewesen. Aber er war ein wichtiger Planer von Anschlägen, mit viel Erfahrung und extremer Skrupellosigkeit.

Sein Tod wird al-Qaida weniger schwächen als der Osama Bin Ladens. Aber er könnte zur Unterbrechung von mehr akuten Anschlagsplanungen führen als der seines Chefs.



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Seite 1
Willie, 06.06.2011
1. -
Was fuer ein Schreibstil. "Zwei Dinge stehen so gut wie fest:..." Was bedeutet denn da genau "...so gut wie..."? "Zugegeben, in diesem Fall spricht vieles dafür..." Warum "zugegeben"? Warum erfordert ein Sachverhalt in einem Zeitungsartikel ein "zugeben"? "Und dann noch das beste Argument: eine schriftliche Erklärung..." Warum ist die schriftliche Erklaerung einer Terroristenbande ein besseres Argument als das der Terroristenjaeger? Zumal diese schriftliche Erklaerung im nachfolgenden Teil des Artikels ja gleich in Zweifel gezogen wird. Was eigentlich sogar der Kern des Artikels ist. Womit sich der Schreiber dann quasi selbst auf's Kreuz legt. Der Rest des Beitrages ist nicht viel besser. Schaurig, was beim SPON an Beitraegen alles eingestellt wird.
JDR 06.06.2011
2. ...
Zitat von WillieWas fuer ein Schreibstil. "Zwei Dinge stehen so gut wie fest:..." Was bedeutet denn da genau "...so gut wie..."? "Zugegeben, in diesem Fall spricht vieles dafür..." Warum "zugegeben"? Warum erfordert ein Sachverhalt in einem Zeitungsartikel ein "zugeben"? "Und dann noch das beste Argument: eine schriftliche Erklärung..." Warum ist die schriftliche Erklaerung einer Terroristenbande ein besseres Argument als das der Terroristenjaeger? Zumal diese schriftliche Erklaerung im nachfolgenden Teil des Artikels ja gleich in Zweifel gezogen wird. Was eigentlich sogar der Kern des Artikels ist. Womit sich der Schreiber dann quasi selbst auf's Kreuz legt. Der Rest des Beitrages ist nicht viel besser. Schaurig, was beim SPON an Beitraegen alles eingestellt wird.
... Nun, selten musste man einem "Herrn Kritiker" entschiedener widersprechen, als bei diesem Artikel. Ihnen mag der Stil nichtgefallen, aber er ist hervorragend geeignet, um die Inhalte des Artikels zu repräsentieren. Was der Artikel schildert ist vielleicht nicht die "große Enthüllung", welche mancher bei jedem Beitrag erwartet, oder der "wichtige politische Kommentar", sondern vielmehr ein Blick auf das Puzzle, welches ernsthafter Journalismus bei der Berichtertsattung von Sicherheitsthemen jedesmal lösen muss. Was Yassin Mushahrbash bietet ist eine Sammlung von Fakten, eine Darstellung von Minderheitenpositionen, Präsentation von eigenen Recherchen (welche "verdaubarere" Reporter gerne unterlassen) und Beschreibung von deren Grenzen - kurz er zeigt uns einen enorm interessanten Prozess, dessen Verständnis für den Interressierten weit wichtiger ist, als so manche Datensammlung: Den Schritt von der "guesswork" zum "educated guess". Und dafür ist sein Schreibstil sehr geeignet gewählt.
lord_blaulicht 06.06.2011
3. Das Video....
... das angeblich die Leiche Kashmiris zeigen soll, ist auch nicht wirklich aufschlussreich: mehrere eingewickelte Leichen halt, aber keine Nahaufnahmen. Immerhin könnte es die These "Apfelgarten" untermauern. Das verbreitete angebliche Leichenfoto scheint in der Tat nicht authentisch. Dass das Gesicht der gezeigten Leiche rasiert ist - geschenkt. Die Unterschiede zeigen sich vor allem im Setup der Zähne, vor allem der Schneidezähne, sowie bei den Augenbrauen und dem Haaransatz. Bei rechter Ohrmuschel und den Nasenflügeln komme ich zu keinem abschließenden Urteil; die Ohrmuschel scheint nach oben hin unterschiedlich zu verlaufen, allerdings weist die Leiche auf dem Foto an der Stelle auch Verletzungen auf. Dass englische Übersetzungen, auch die "offiziellen", von Namen von militanten Gruppen manchmal falsch sind, ist an sich noch kein Zeichen für mangelnde Echtheit. Die afghanischen Taliban machen z.B. ständig solche Fehler, erst jüngst schon auf der Titelseite ihres "In Fight"-Magazins.
brndnbg 07.06.2011
4. Richtig, Willie!
Zitat von WillieWas fuer ein Schreibstil. "Zwei Dinge stehen so gut wie fest:..." Was bedeutet denn da genau "...so gut wie..."? "Zugegeben, in diesem Fall spricht vieles dafür..." Warum "zugegeben"? Warum erfordert ein Sachverhalt in einem Zeitungsartikel ein "zugeben"? "Und dann noch das beste Argument: eine schriftliche Erklärung..." Warum ist die schriftliche Erklaerung einer Terroristenbande ein besseres Argument als das der Terroristenjaeger? Zumal diese schriftliche Erklaerung im nachfolgenden Teil des Artikels ja gleich in Zweifel gezogen wird. Was eigentlich sogar der Kern des Artikels ist. Womit sich der Schreiber dann quasi selbst auf's Kreuz legt. Der Rest des Beitrages ist nicht viel besser. Schaurig, was beim SPON an Beitraegen alles eingestellt wird.
So ein Glück das SPON wenigstens so gebildete Leser wie Sie hat! An Ihnen ist eine exzellente Lehrkraft verlorengegangen, so eine konstruktive und sachliche Kritik hätte ich mir damals von meinen Deutschlehrern in der Schule gewünscht.
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