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18. Juni 2010, 13:57 Uhr

Logbuch al-Qaida

Sind Bin Ladens Krieger pleite?

Von Yassin Musharbash

Der kürzlich getötete Qaida-Kassenwart hat eine Audiobotschaft hinterlassen. Danach hat das Terrornetzwerk so wenig Geld, dass "durchgeplante Operationen" verschoben wurden. Zugleich reklamiert der Ägypter posthum den Anschlag auf eine deutsche Bäckerei in Indien für al-Qaida.

Al-Qaida & Co. haben einige Exzentriker in ihren Reihen: Osama Bin Laden ist ein dichtender Pferdenarr, Chalid Scheich Mohammed ließ einst für eine Frau Blumen aus Helikoptern regnen, Abu Mussab al-Sarkawi, der Schlächter von Bagdad, schickte seiner Mutter selbstgemalte Muttertagskarten. Unter diesen illustren Figuren ragte Mustafa Abu al-Yazid, so etwas wie der Finanzchef al-Qaidas, stets hervor - weil er mit Abstand der langweiligste von allen war.

Nachdem er vor drei Jahren zum Afghanistan-Chef al-Qaidas berufen wurde, musste er fortan wohl oder übel gelegentlich in Propagandavideos auftreten; man konnte ihm ansehen und anhören, dass das nicht gerade seine Berufung war. Vor wenigen Wochen starb der Ägypter beim Angriff durch eine US-Drohne. Nun ist ein vermutlich allerletztes Tonband von ihm veröffentlicht worden - und es fügt sich in seine übrigen Botschaften: Es ist das nüchterne Vermächtnis einer Buchhalterseele.

"Aus Mangel an Geld aufgeschoben"

Was allerdings nicht heißt, dass das Band uninteressant ist! Im Gegenteil. Wörtlich sagt Mustafa Abu al-Yazid etwa, dass "viele geplante und einstudierte Operationen aus Mangel an Geld aufgeschoben wurden." Schon im vergangenen Jahr hatte er sich in einer Botschaft an türkische Terrorsympathisanten bitter beschwert, dass diese nicht genügend Geld schickten. Mochte Bin Laden ruhig dröhnen, dass Anschläge im Westen unmittelbar bevorstehen und dass die Sicherheitsvorkehrungen der USA seine Krieger nicht aufhalten werden - wer wollte, der konnte in Abu al-Yazids kontinuierlicher Fundraising-Bettelei durchaus einen Kontrapunkt erkennen, der möglicherweise näher an der Wirklichkeit liegt.

Ob al-Qaida wirklich pleite ist, kann man aus diesen Botschaften freilich nicht eins zu eins herauslesen. Auch Abu al-Yazid hat Propaganda betrieben. Aber die Ernsthaftigkeit seiner Appelle - wenn ihr schon nicht selber zum Kämpfen kommt, schickt uns wenigstens Geld, das ist auch nicht schwierig zu bewerkstelligen - spricht mindestens dafür, dass al-Qaida nicht üppig ausgestattet ist.

Bei denen, die Geld gesandt haben, bedankt er sich zudem in der nun aufgetauchten Hinterlassenschaft. Unter den Spendern seien auch solche, "die wir gar nicht kannten", aber keine Sorge: "Gott kennt sie!". Interessanterweise nennt er in diesem Zusammenhang die Gruppe "Taifa al-Mansura", eine türkisch dominierte Gruppierung unter dem (nominellen) Kommando der afghanischen Taliban, die wiederum eng mit den "Deutschen Taliban-Mudschahidin" kooperiert.

"Al-Qaida in Kaschmir" für Pune-Anschlag verantwortlich?

Noch ein weiteres Details des 26 Minuten langen Tonbands ist interessant: Ein Bekenntnis im Namen al-Qaidas zu dem Anschlag in der indischen Stadt Pune am 13. Februar, bei dem zehn Menschen starben und Dutzende verletzt wurden. Der Sprengsatz explodierte in einer deutschen Bäckerei, die in unmittelbarer Nähe einer jüdischen Einrichtung gelegen war.

Wörtlich sagt Mustafa Abu al-Yazid: "Ich erfreue euch mit der Information über den Anschlag in Indien im vergangenen Februar (...) auf jüdische Einrichtungen in der Nähe der deutschen Bäckerei." Und weiter: "Diese Operation führte ein Held und Kämpfer von al-Qaida in Kaschmir aus, die von Ilyas Kaschmiri angeführt wird."

Schon kurz nach dem Anschlag hatte sich Ilyas Kaschmiri selbst indirekt per E-Mail an die "Asia Times Online" bekannt. Kaschmiri ist Kader der in Südasien aktiven HuJI ("Harakatul Jihad al-Islami") und zudem Kommandeur der HuJI-Brigade 313. Diese Einheit wiederum gilt schon lange als eine Art informeller Arm al-Qaidas.

Insofern könnte Abu al-Yazids Aussage eine glaubwürdige Bestätigung sein: Al-Qaida bestätigt, dass eine kooperierende Organisation in ihrem Auftrag oder auf ihre Anregung hin einen Terroranschlag ausgeführt hat; beide bekennen sich unabhängig voneinander dazu. Deutsche Sicherheitsbehörden sind allerdings noch skeptisch. Ein Grund ist, dass das Bekenntnis von Kaschmiri so merkwürdig indirekt war, ein zweiter, dass der Anschlag von Pune noch nicht abschließend aufgeklärt ist.

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