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30. Juli 2008, 14:41 Uhr

Logbuch al-Qaida

So besiegt man Terroristen!

Von Yassin Musharbash

Wissenschaftler haben hunderte Terrorgruppen analysiert und daraus Schlüsse für den Kampf gegen al-Qaida gezogen. Haupterkenntnis: Die Rolle des Militärs ist zu groß, die der Polizei und der Nachrichtendienste zu klein.

Berlin - Wow, eine beeindruckende Zahl: Sechshundertachtundvierzig (648!) Terrorgruppen, die seit 1968 aktiv waren, haben die Wissenschaftler der amerikanischen RAND Corporation studiert, um daraus zu lernen, wie man al-Qaida besiegen kann.

Dies ist der Chef von al-Qaida, nicht der "Animal Liberation Front"

Dies ist der Chef von al-Qaida, nicht der "Animal Liberation Front"

Dabei haben die Leute von RAND, einem US-Think-Tank, der für die Wirtschaft, aber auch die US-Regierung tätig ist, vom Ende her gedacht: Wie gehen solche Netzwerke zugrunde, welche Rezepte sind erfolgversprechend - und was heißt das für die Gegenwart?

Das entscheidende Ergebnis steht, wie es sich gehört, im ersten Absatz der Zusammenfassung der 253-Seiten-Studie*: "Die Erkenntnisse seit 1968 deuten darauf hin, dass diese Gruppen zugrunde gingen, weil sie in einen politischen Prozess eingetreten sind oder weil lokale Polizeibehörden oder Nachrichtendienste Schlüsselfiguren verhaftet oder getötet haben." Andere Gründe für das Einstellen des Terrors, namentlich "Ziel erreicht" und "militärische Bekämpfung", waren wesentlich seltener. (10 Prozent, beziehungsweise 7 Prozent.)

Für den Kampf gegen al-Qaida heiße das, man müsse "die Nach-9/11-Strategie der Terrorbekämpfung fundamental überdenken", weil diese vor allem auf militärische Lösungen setze, für die es aber praktisch keine historischen Vorbilder gebe.

Äpfel und Apfelsinen

Nun ist der Vorschlag, die US-Armee zur Zurückhaltung aufzufordern, meistens nicht schlecht. Aber ich glaube trotzdem, dass diese RAND-Studie logischer klingt als sie es in Wahrheit ist.

Es ist jedenfalls arg schablonenhaft, wie Seth G. Jones und Martin C. Lebicki vorgegangen sind. Von der deutschen "Bewegung 2. Juni" über die "Tigers" (die tamilischen, aber auch die aus Swaziland) bis zur kanadischen "Animal Liberation Front" ist wirklich alles dabei.

"Animal Liberation Front"? Ich behaupte, auch ohne das Geringste über diese Truppe zu wissen: Von der Art und Weise, wie die "Animal Liberation Front" zugrunde ging, kann man nichts über den Umgang mit al-Qaida lernen.

Die RAND-Leute versuchen's trotzdem. Und so ist es kein Wunder, dass sie zu dem Schluss kommen, dass sehr häufig die Gegenwart von lokalen Polizisten geholfen hat, Terrorgruppen einzudämmen.

In Kanada mag das mit den Wachtmeistern an jeder Ecke ja noch einleuchten. Meinethalben sogar im Kampf gegen die RAF. Aber da, wo al-Qaida vor allem aktiv ist, sieht die Lage etwas komplizierter aus.

Im Grunde ist das, was die Autoren tun, als würde man Äpfel mit Apfelsinen vergleichen und als Ergebnis vermelden: Das Orange muss man abmachen! Hilft mir nichts, wenn ich einen Korb Äpfel vor mir habe.

Und was ist mit Ideen?

Das Problem ist also schon mal die zu breite Basis der Untersuchung. Weniger wäre mehr gewesen. Kürzlich hat der Georgetown-Terrorexperte Bruce Hoffman in einem Aufsatz in einem einzigen Satz eine viel treffendere Beobachtung gemacht. Anlässlich des (nach seiner Rechnung) 20. Geburtstags von al-Qaida in diesem Jahr schreibt er: "In der Tat und ohne Ausnahme waren die Terrorgruppen, die das wahrscheinlich größte Problem für die amerikanische Außenpolitik der letzten Jahre darstellten, diejenigen, die seit zwei Jahrzehnten oder mehr bestehen: Die Farc in Kolumbien (gegründet 1966); Hisbollah (1982) und Hamas (1987)."

In der Folge des zu breiten Ansatzes unterscheidet die RAND-Studie praktisch nicht zwischen Terrorgruppen, die nur lokal agieren, und solchen, die weltumspannend tätig sind. Das ist aber absolut bedeutend. Vor allem, wenn man empfiehlt, dass lokale Polizisten das Problem lösen sollen.

Es ist zwar ehrlich, wenn Jones und Lebicki zu dem Ergebnis kommen, die vergangenen Jahre hätten im Kampf gegen al-Qaida nicht viel gebracht. Aber müsste man nicht irgendwie kenntlich machen, dass in diese negative Bilanz auch genau solche Maßnahmen eingeflossen sind, die man vorschlägt - namentlich eine größere Rolle für CIA und FBI und deren Zusammenarbeit mit ausländischen Sicherheitsbehörden?

Gerade erst hat die CIA den Pakistanern mal wieder Belege vorgezeigt, dass ihre Sicherheitsbehörden die Taliban und al-Qaida unterstützen.

Und dir Rolle der CIA im bisherigen "Krieg gegen der Terror" ist auch nicht gerade rühmlich, siehe "extraordinary renditions" und Geheimgefängnisse. Ein Argument gegen US-Soldaten, das die Studie anführt, ist, dass "deren Gegenwart terroristische Rekrutierungsbemühungen wahrscheinlich bestärkt". Natürlich gibt es weniger CIA-Agenten als US-Soldaten. Aber so, wie sie sich in den vergangenen Jahren aufgeführt haben, dürften sie ebenfalls neue Rekruten in die Fänge von al-Qaida und Co. getrieben haben.

Der stärkste Punkt der Studie ist vermutlich, dass Jones und Lebicki eine ehrliche Bilanz über die Rolle des Militärs ziehen. Sie leiten daraus zwei sinnvolle Forderungen ab: Die Armee sollte nur noch eine große Rolle spielen, wenn al-Qaida Teil eines Aufstands ist. Und schließlich wünschen sich die Autoren, man würde überhaupt nicht mehr vom "Krieg gegen den Terror" sprechen, sondern besser von "Counterterrorism", also Terrorabwehr. Der alte Begriff würde die Vorstellung am Leben erhalten, es könne eine "Schlachtfeldlösung" geben, die es aber ihrer Überzeugung nach nicht gibt. Für eine Organisation, die dem US-Verteidigungsministerium zuarbeitet, ist das vermutlich mutig.

Was leider fehlt, ist eine Untersuchung darüber, ob auch Faktoren jenseits von Soldaten, Geheimdienstlern oder Polizisten vielleicht geholfen haben könnten, eine Terrorgruppe zu besiegen. Öffentliche Meinung etwa. Ideen. Die interessanteren Ansätze zu der Frage, wie man al-Qaida bekämpfen könnte, basieren immer häufiger auf solchen Überlegungen.

*Disclaimer: Ich habe nicht alle 253 Seiten gelesen, sondern quergelesen und mich ansonsten darauf verlassen, dass die neun Seiten Zusammenfassung von RAND die zentralen Punkte der Studie angemessen wiedergeben.

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