Logbuch al-Qaida Terror in der Trattoria

Al-Qaidas Filiale auf der Arabischen Halbinsel hat eine neue Ausgabe ihres Hochglanzmagazins "Inspire" veröffentlicht. Noch nie haben Terroristen potentielle Rekruten im Westen so gezielt mit Ratschlägen versorgt - etwa für Anschläge in Restaurants in Washington.

Von Yassin Musharbash


Nichts ist leichter, als sich über dschihadistische Online-Magazine lustig zu machen. Auch über die gerade im Internet veröffentlichte zweite Ausgabe von "Inspire", dem digitalen englischsprachigen Hochglanzheft von al-Qaidas Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP). Im Terrorcamp, heißt es dort etwa, erwarten den Rekruten harte Geduldsproben. Man solle den Leerlauf zwischen den Kampfeinsätzen aber sinnvoll nutzen: zum Beispiel für alle Kameraden die Wäsche waschen. Oder kochen lernen. Und die Fußpflege soll der Gotteskrieger auch nicht vernachlässigen, es drohen anderenfalls "merkwürdige Krankheiten".

Aber etwas anders sieht es aus, wenn man sich für einen Moment klarmacht, an wen sich das Magazin richtet. An solche bereits radikalisierten Islamisten im Westen nämlich, die an der Schwelle zur Militanz stehen. Die vielleicht schon auf dem Sparbuch nachgesehen haben, ob's für einen Flug nach Sanaa oder Peschawar reicht. Und für diese Gruppe ist das Magazin, so steht jedenfalls zu befürchten, tatsächlich eine Quelle der Inspiration.

Da berichtet AQAP-Führer Othman al-Ghamdi von den Schlachten, die er an der Seite von Osama Bin Laden geschlagen hat, schildert die anschließende Festnahme in Pakistan, seinen Transport nach Guantanamo, die fünf Jahre in dem US-Gefangenenlager und die Überstellung nach Saudi-Arabien. Er beschreibt die Versuche der Saudis, ihn umzuerziehen - und schließlich, wie er sich al-Qaida auf der Halbinsel anschloss. Eine autobiografische Skizze, die beim geneigten Leser wahrscheinlich Ehrfurcht erweckt.

Bitte an die Brüder: Bleibt im Westen!

Auch Kämpfer, die an der Zielgruppe näher dran sind, werden präsentiert. Etwa ein angeblicher US-Dschihadist namens Samir Khan aus North Carolina, der beschreibt, wie er sich al-Qaida im Jemen angeschlossen hat - Irreführung der auf ihn (angeblich) angesetzten FBI-Agenten inklusive. "Ich bin ein Verräter an Amerika, weil meine Religion das vorschreibt", schließt er.

Der Subtext des gesamten Magazins ist leicht zu decodieren: Auch du kannst mitmachen, es gibt keine Hürden, kein Halten und vor allem keine Rechtfertigung mehr für deine bisherige Passivität!

Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel ist die erste Qaida-Filiale, die versucht hat, in den USA einen Anschlag auszuüben. Am Weihnachtstag 2009 sollte der nigerianische Student Omar Abdulmutallab einen US-Jet über Detroit zum Absturz bringen. Das misslang, aber AQAP hat gelobt, es abermals zu versuchen. Die Leser von "Inspire" sollen in die Fußstapfen des Attentäters treten. Und damit das auch klappt, sollen sie am besten da bleiben, wo sie sind. Zwar wird die Reise in ein Terrorcamp stets als Möglichkeit angedeutet, besser aber, sagen die Magazinmacher, sei es, sie schlügen im Westen zu: "Wir raten unseren Brüdern eindringlich, auf US-Boden Dschihad zu treiben."

Terror in der Fußgängerzone wäre "fabelhaft"

Ein Autor namens "Yahya Ibrahim" macht dafür Vorschläge: Man möge sich einen Pick-up-Truck mit Vierradantrieb besorgen, Metallteile vor die Kühlerhaube schweißen und damit in eine Menschenmenge rasen - möglichst schnell, um maximale Schlagkraft zu entfalten. Am besten sei es, in eine Fußgängerzone zu rasen. Vielleicht in Australien, Kanada, Frankreich oder Deutschland, in Israel oder Dänemark, das wäre "fabelhaft".

Das zweite Szenario: mit einer Waffe ein Lokal stürmen, am besten in Washington zur Mittagszeit - da seien die Chancen recht groß, dass man "ein paar Regierungsmitarbeiter erwischt".

Natürlich sind die Vorschläge nicht originell. Yahya Ibrahim ergänzt denn auch, besser sei etwas Innovatives, das man sich selbst ausdenkt. Aber auch hier ist der Tenor klar: minimaler Aufwand, maximale Wirkung. Bloß nicht zu aufwendig, lieber oft und schnell und an so vielen Orten wie möglich.

US-Behörden halten AQAP nicht zuletzt wegen des Detroit-Anschlagsversuchs für extrem gefährlich, einige Analysten sind überzeugt, es drohe gar mehr Gefahr aus der jemenitischen Wüste als von al-Qaidas Zentrale im pakistanischen Versteck. AQAP weiß das - und das Magazin sollte daher auch als Propaganda gegenüber den Nachrichtendiensten gelesen werden. Diese sollen weiter verunsichert werden und ihre Bevölkerungen möglichst durchgängig vor drohenden Terroranschlägen warnen: der zweite Zweck von "Inspire".

Es ist nicht immer klar, wer die Autoren sind - und ob das Magazin, wie einige Analysten vermuten, in Wahrheit im westlichen Ausland produziert wird. Aber der Inhalt, beispielsweise zwei (eher langweilige) Aufsätze des AQAP-Ideologen und Hasspredigers Anwar al-Awlaki sprechen zumindest dafür, dass die Macher mit AQAP in Kontakt stehen.

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