Logbuch al-Qaida Wie echt ist die Dschihad-Union?

Phantom oder reale Gefahr? Deutsche Sicherheitsbehörden haben unterschiedliche Einschätzungen zur usbekischen "Islamic Jihad Union", die an den im September vereitelten Anschlagsvorbereitungen in Deutschland beteiligt gewesen sein soll.

Von Yassin Musharbash


Zugegeben, besonders viel weiß niemand über die "Islamische Dschihad-Union" (a.k.a. "Islamic Jihad Group" a.k.a. "Islamic Jihad Union" a.k.a. "IJU"). Zum ersten Mal tauchte der Name 2004 in Usbekistan auf: Eine Truppe dieses Namens reklamierte die Verantwortung für eine Serie von Terroranschlägen. Die seriöse MIPT Terrorismusdatenbank beschreibt die IJU als Abspaltung der "Islamischen Bewegung Usbekistans", was die meisten Experten und wohl auch westlichen Geheimdienste ähnlich sehen. Immerhin verschweigt die MIPT-Datenbank nicht, dass (gemeint sind wohl: usbekische) "Beamte" die Existenz der Organisation in Frage stellen.

Hier erschien die "Pressemitteilung" der IJU. Aber was ist sie wert?

Hier erschien die "Pressemitteilung" der IJU. Aber was ist sie wert?

Auch deutsche Sicherheitsbehörden bemerkten seinerzeit die Neugründung und nahmen sie in ihre Sammlungen von militanten islamistischen Gruppen auf.

So wussten sie zumindest, welche Organisation gemeint war, als die IJU 2007 erneut - und erstmals mit einem Bezug nach Deutschland - auf den Radarschirmen auftauchte: Anfang dieses Jahres nämlich warnten US-Geheimdienste ihre deutschen Kollegen, die IJU plane Anschläge in der Bundesrepublik; wahrscheinliche Ziele seien US-Einrichtungen.

Lose Verbindung oder Auftragsarbeit?

Monate später, Anfang September, nahm die deutsche Polizei denn auch tatsächlich eine mutmaßliche Terrorzelle hoch, die Attacken nach genau diesem Muster geplant haben soll: Die beiden deutschen Konvertiten Fritz G. und Daniel S. sowie eine Reihe Mitverschwörer hatten offenbar schon damit angefangen, Sprengstoff herzustellen. Die Warnung der US-Behörden entpuppte sich dabei anscheinend als zutreffend: Einige Mitglieder der Zelle sollen per E-Mail in der Tat Kontakt mit mindestens einem IJU-Kader gehabt haben.

Aber handelte es sich bei dem Bombenplot deshalb auch um eine Aktion der IJU? Terrorgruppen sind schließlich keine Vereine mit Mitgliedslisten und Kassenwart. Es wäre zum Beispiel durchaus plausibel, dass die Rädelsführer der deutschen Zelle, als sie sich in Lagern in Pakistan aufhielten, Kontakt zu einem IJU-Mann bekamen und dass sich dadurch eine lose Kooperation ergab.

Auf der anderen Seite schien sich die IJU-Connection eher zu erhärten, als eine Woche nach den Festnahmen eine "Pressemitteilung" der Truppe erschien, in der ein "Politbüro" der IJU die Vorwürfe gegen Fritz G. & Co. bestätigte.

Was bedeutet das "Bekennerschreiben" der IJU?

Das Bundesinnenministerium erklärte damals recht schnell, es halte das Kommuniqué für authentisch. Dabei gab es auch hier wieder Grund zur Skepsis: Die Website, auf der das Schreiben erschien, war nicht etwa eine IJU-Homepage, sondern ein türkischsprachiges, islamistisches Forum, in dem zwar immer wieder einmal IJU-Material aufgetaucht war - aber nicht genügend, um die Echtheit der Erklärungen zu verifizieren. Andere Terrorgruppen, etwa al-Qaida im Irak, liefern ihren Lesern Hinweise für die Authentizität mit. Die IJU nicht - das macht es unmöglich auszuschließen, dass etwa Trittbrettfahrer die Gelegenheit nutzten, im Namen der IJU zu publizieren, was ihnen, warum auch immer, in den Kram passte.

Seit den Festnahmen ist nun ein guter Monat vergangen. Doch die Frage, wie echt die IJU ist, wird in deutschen Sicherheitsbehörden immer noch diskutiert. So wies der baden-württembergische Verfassungsschützer und Islamwissenschaftler Benno Köpfer in der vergangenen Woche in zwei Interviews noch einmal darauf hin, dass aus den Internet-Veröffentlichungen allein keine harten Hinweise für eine Beteiligung der IJU gezogen werden können.

"Es mag sein, dass es Personen in Asien gab, die die drei zu ihren Planungen inspiriert haben. Es gab Aufenthalte der drei in Pakistan und regen E-Mail-Verkehr. Ich bezweifle aber, dass die drei im Auftrag einer festen Organisation namens Islamische Jihad-Union tätig waren", sagte Köpfer der "tageszeitung". Er könne weder beweisen, dass die Gruppe bestehe, noch dass sie eine Erfindung sei.

Erfindung des Geheimdienstes?

In anderen Sicherheitsbehörden sind die Ermittler und Analysten sich derweil offenbar sicherer: "Wir sehen das ein bisschen anders", heißt es zum Beispiel. Das "Bekennerschreiben" sei "kein Fake", die IJU eine "existierende Terrororganisation".

Nun hatte Köpfer freilich auch nicht behauptet, die IJU gebe es gar nicht. Andere aber tun das. Der ehemalige britische Botschafter in Usbekistan Craig Murray zum Beispiel.

Die "Neue Zürcher Zeitung" berichtete am 16. September, dass Murray nach den Explosionen in Taschkent die Tatorte in Augenschein genommen habe. "Die physikalischen Beobachtungen am Platze entsprachen nicht den offiziellen Erklärungen" (...) "Ich habe keinen in Usbekistan getroffen, auch nicht aus der islamistischen Szene, der jemals von der IJU gehört hat", habe er auf seiner Website geschrieben. Murray vermute, dass diese Organisation eine Erfindung des usbekischen Geheimdienstes sei.

Leider ist Murrays Eintrag nicht mehr zu finden. Und auch eine Einschätzung seiner Expertise und Glaubwürdigkeit ist nicht ganz einfach einzuholen, wenn man sich nicht auf Gerüchte und Hörensagen verlassen will.

Was aber soll man aus all diesen Spekulationen für Schlüsse ziehen? Wenn, dann nur einen - und der ist noch nicht einmal neu: Terrororganisationen sind ausgesprochen unscharfe Zusammenschlüsse. Sehr häufig kann man Terroranschläge überhaupt keiner Organisation eindeutig zuschreiben. Und es ist sehr gut möglich, dass das auch beim Bombenplot von Fritz G. und seinen Mitverschwörern am Ende so sein wird.



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Stefan Fricke 08.10.2007
1. Nicht nur die Dschihad-Union....
...sondern die ganze Story um den angeblich von deutschen Islamisten geplanten Anschlag ist sehr merkwürdig. Da passt einfach nicht zusammen. Zunächst mal: In einem Ferienhaus im Sauerland wurden große Mengen Wasserstoffperoxid (H2O2) gefunden, die angeblich zur Herstellung eines Sprengstoffes verwendet werden können. Angeblich sollen die "Terroristen" das H2O2 über einen längeren Zeitraum beschafft haben. Pech nur, dass H2O2 zerfällt, nämlich in Sauerstoff und Wasser. Der Sauerstoff wird an die Luft abgegeben, das Wasser bewirkt ein Sinken der Konzentration bis zu einem Wert, beidem die Sprengstoffherstellung nicht mehr möglich ist. Der aus H2O2 gewonnene Sprengstoff ist als TATP (Triacetontriperoxid) bekannt. Zu seiner Herstellung werden weitere Chemikalien benötigt, insbesondere eine größere Menge Aceton. Wo waren die? Warum wurden sie nirgendwo erwähnt. Das Ganze steht im Widerspruch zu der Aussage, dass der Anschlag unmittelbar bevorstand. Unter den Bedingungen, die man in einrm Ferienhaus zur Verfügung hat und unter der Bedingung, dass es unauffällig geschehen muss, würde die Herstellung von TATP aus 750 Kilo H2O2 und 500 Kilo Aceton Wochen dauern. Auch der Transport wäre praktisch unmöglich. TATP ist extrem stoßempfindlich und allein die Erschütterungen während einer Autofahrt vom Sauerland nach Ramstein könnten das Zeug schon hochgehen lassen. Ein Selbstmordanschlag im wahrsten Sinne des Wortes, allerdings würde das eher an der fliegende Suizidkommando der Judäischen Volksfrond aus dem Film "Das Leben des Brian" erinnern. Es wird Zeit, dass Herr Schäuble mal ein glaubwürdigeres Drehbuch liefert.
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