Logbuch al-Qaida Wie US-Beamte eine Qaida-Quelle verbrannten

Redselig statt zuverlässig: Hochrangige US-Beamte hielten ein ihnen vorab zur Verfügung gestelltes Bin-Laden-Video entgegen der Absprache nicht unter Verschluss. Das war fatal - eine Quelle mit Zugang zu al-Qaidas Propaganda-Abteilung wurde verschüttet.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Wer genau hinsah, der wusste schon seit dem 5. Juli 2007: Das Washingtoner Terrorforschungsinstitut "SITE" muss einen Informanten im unmittelbaren Umfeld von al-Qaida haben. Denn an diesem Tag zitierte SITE aus einer Video-Ansprache des Qaida-Vize Aiman al-Sawahiri, die noch gar nicht auf den üblichen Kanälen des Terrornetzwerks veröffentlicht worden war. Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, woher diese Informationen stammten, beantwortete SITE nicht.

Zwei Monate später war es ein zweites Mal so weit: SITE hatte diesmal Zugriff auf ein Tape von Qaida-Chef Osama Bin Laden, bevor es von der Qaida-Produktionsfirma "al-Sahab" publiziert worden war.

Zwar hatte al-Sahab am 6. September 2007 ein solches Tape angekündigt - und auch SPIEGEL ONLINE hatte das entsprechende Werbebanner auf einschlägigen dschihadistischen Websites gefunden und darüber berichtet. Aber SITE berichtete zum selben Zeitpunkt bereits, dass die Botschaft Bin Ladens " an das amerikanische Volk" gerichtet sein würde. Diese Information ging aber aus der Sahab-Werbung nicht hervor und ließ nur einen Schluss zu: SITE hatte auch diesmal ein Vorabexemplar der Aufzeichnung.

Wieder stellte sich die Frage nach dem Woher, wieder fragte SPIEGEL ONLINE nach - wieder gab es keine Antwort aus Washington.

Diesmal aber ging die Geschichte noch weiter - und sollte schlimme Folgen für das SITE-Institut haben. Denn einen Tag später, am 7. September, berichtete CNN plötzlich, dass der US-Regierung ein Vorabexemplar des angekündigten Bin-Laden-Videos vorläge. Schon damals lag nahe, dass SITE die US-Regierung informiert hatte. Und so war es auch, wie sich heute bestätigte: Die "Washington Post" berichtet, dass SITE an jenem Tag zwei "hochrangigen Beamten" Zugang zu der Aufzeichnung gewährte - freilich unter der Maßgabe, dass diese alles für sich behalten, bis al-Qaida das Video selbst veröffentlicht.

Die beiden Regierungsvertreter waren aber offenbar genau dazu nicht in der Lage: Innerhalb von nur 20 Minuten versuchten Mitarbeiter gleich mehrerer US-Geheimdienste, das Band von der SITE-Website herunterzuladen (wo es wohl geparkt, aber nicht öffentlich zugänglich war).

Und nicht nur das: Wenige Stunden später wurde das Tape mitsamt einem Transkript an gleich mehrere Medien weitergegeben, berichtet die "Post". Alles natürlich entgegen der Absprache mit SITE.

Die Gründerin von SITE, Rita Katz, erhebt nun schwere Vorwürfe: Die "voreilige Enthüllung", sagt die gebürtige Irakerin, die lange in Israel lebte, bevor sie in die USA auswanderte, habe al-Qaida gezeigt, dass es ein Leck im Umfeld ihrer Propaganda-Abteilung geben müsse. Jahrelange Arbeit, so Katz, sei dadurch zunichte gemacht worden.

Das SITE-Institut wurde 2002 gegründet und beobachtet vor allem islamistische Terrorgruppen im Internet; dabei gelangen Katz und ihren Mitarbeitern mehrfach spektakuläre Beobachtungen. Zu den Kunden von SITE zählen private Firmen, Individuen, aber auch Geheimdienste mehrerer Staaten und andere Regieungsbehörden in- und außerhalb der USA.

Genaueres über die Quelle, die SITE bei al-Sahab oder al-Qaida oder deren gemeinsamen Umfeld hatte, ist natürlich nach wie vor nicht bekannt. Hatte SITE einen Spion bei al-Sahab eingeschleust? Hat ein Sahab-Mitarbeiter - gegen Geld, aus Eitelkeit oder unwissentlich - SITE frühzeitigen Zugriff auf das Material ermöglicht? Oder war "die Quelle" gar keine reale Person? Auch das ist vorstellbar, falls al-Sahab zum Beispiel, wie einige andere Terrorgruppen, für das Rohmaterial bestimmte Webseiten als "Lagerhalle" verwendete.

Wie auch immer der Zugang beschaffen war: Katz' Zitate in der "Washington Post" legen nahe, dass die Quelle nunmehr versiegt ist: "Techniken, die aufzubauen Jahre gedauert hat, sind jetzt ineffektiv und wertlos", sagte sie der Zeitung.

Es ist wohl kaum zu bestreiten ist, dass die beiden redseligen US-Beamten bei diesem Quellen-Verlust eine unrühmliche Rolle spielten. Allerdings bleibt auch richtig: Wer die wenigen Andeutungen auf SITEs eigener Website richtig interpretieren konnte, der konnte auch schon im Juli vermuten, dass das Institut über einen exklusiven Zugang zu dem Qaida-Material verfügte.

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