Logbuch Wer ist al-Qaida - und wenn ja, wie viele?

Ausgefranst, geschwächt - aber nach wie vor gefährlich: Neun Jahre nach den Anschlägen vom 11. September stellen die USA ihr Bild von al-Qaida & Co. scharf. Die Nationale Anti-Terror-Zentrale rechnet mit weiteren Anschlagsversuchen innerhalb der USA.

Operationszentrum der Anti-Terror-Behörde NCTC: Aktualisiertes Bild vom Gegner
REUTERS

Operationszentrum der Anti-Terror-Behörde NCTC: Aktualisiertes Bild vom Gegner

Von Yassin Musharbash


Zwei Mal wäre es in den vergangenen zwölf Monaten in den USA beinahe zu einem dschihadistischen Terroranschlag gekommen:

An beiden Anschlagsplanungen war die Zentrale des Terrornetzwerks al-Qaida um Osama Bin Laden und Aiman al-Sawahiri nicht beteiligt.

Stattdessen hatte die Qaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) Abdulmutallab den Sprengstoff in seine Unterwäsche eingenäht. Und der Anschlagsversuch am Times Square ging auf das Konto des Dachverbands der pakistanischen Taliban (TTP). Für beide Organisationen war es der erste Versuch, in den USA zuzuschlagen.

Aus al-Qaida 1.0, einer straff geführten Organisation, ist längst al-Qaida 2.0 geworden: ein interaktives Mitmachnetzwerk. Und daneben gibt es mittlerweile eine Vielzahl Gruppierungen, die sich wie neue, kleine al-Qaidas ausnehmen. Für die Strategie der USA in ihrem Kampf gegen dschihadistische Terroristen heißt das: Die Bedrohung ist diffuser geworden, es gibt neue Akteure, und ihre Überlegungen sind schwieriger vorherzusehen.

Eher kein zweites 9/11

Diesen Schluss zieht nun auch das National Counterterrorism Center in den USA - für eine Super-Behörde dieser Art ist das eine ziemlich zügige analytische Anpassung. Im NCTC führen alle Sicherheits- und Geheimdienstbehörden einen großen Teil ihrer terrorismusrelevanten Erkenntnisse zusammen, tauschen sich aus und stimmen ihre Planungen und Strategien aufeinander ab. Außerdem arbeitet das NCTC dem Präsidenten zu. Die Behörde wurde 2004 geschaffen - als Konsequenz aus dem Bericht der Untersuchungskommission zum 11. September 2001, in der eine mangelnde Integration der Dienste moniert worden war.

Die aktuellen Einschätzungen des NCTC haben daher Gewicht; sie sind, neben der erst im Mai veröffentlichten "National Security Strategy" eines des Schlüsselelemente für alle, die wissen wollen, wie die USA den Feind im "Krieg gegen den Terror" definieren und einschätzen.

Michael Leiter, der Chef des NCTC, hat sie am Mittwoch in Washington in einer Anhörung vor dem Senatsausschuss für "Homeland Security" vorgestellt. Zehn Seiten umfasst die schriftliche Version.

Al-Qaidas zentrale Führung, heißt es dort, sei heute so schwach wie nie zuvor. Die Haupterkenntnis freilich ist eine andere: Die Bedrohung sei komplexer geworden; entsprechend schwieriger sei es, Anschlagsszenarien zu antizipieren, sprich: vorherzusehen. Im Spiegel der Anschlagsversuche der vergangenen zwölf Monate sei es deshalb wahrscheinlich, dass al-Qaida & Co. "versuchen werden, weitere Anschläge von geringerem Ausmaß in den USA zu planen, die dafür häufiger vorkommen."

Mit anderen Worten: Viele "kleine" Bomben sind wahrscheinlicher als ein zweiter 11. September.

Hinweis auf potentiell gefährliche Somalia-Rückkehrer

Eine deutlich gewachsene Bedeutung misst das Papier vor allem drei Gruppen zu: Neben AQAP und TTP werden auch die Shabab-Milizen in Somalia genannt, die al-Qaida ideologisch nahe stehen und mit al-Qaida kooperieren, aber - offiziell - keine Filiale sind. Mindestens 20 Personen aus den USA hätten sich den Milizen angeschlossen: "Die Möglichkeit, dass in Somalia Ausgebildete in die USA zurückkehren oder anderswo im Westen landen, um Anschläge auszuführen, bleibt eine ernsthafte Sorge."

Die vierte explizite Gefahrenquelle sieht Leiter in den USA selbst - und zwar in Form von sogenannten homegrown terrorists. Auch aus dieser Szene gab es Anschlagsversuche und Anschläge, zum Beispiel den Terror-Amoklauf des Militärpsychiaters Nidal Hassan im Herbst 2009, der 13 Soldaten auf einer Militärbasis tötete. Der NCTC-Chef macht hier eine regelrechte "Subkultur" aus, angefeuert durch den nie versiegenden Strom dschihadistischer Propaganda, die zunehmend auch auf Englisch und über das Internet verbreitet wird.

Deutlich heruntergestuft wird die Bedeutung von al-Qaida im Irak, zumindest was die Gefahr angeht, die für die USA selbst von der einst berüchtigtsten Filiale ausgeht. Diese sei zwar noch nicht "eliminiert", aber zum Beispiel durch die Tötung ihres Führungspersonals im Sommer 2009 deutlich und nachhaltig geschwächt.

Der vermutlich interessanteste Punkt ist fast ganz am Ende versteckt: In den Bestrebungen, Radikalisierung zu bekämpfen, heißt es dort, habe sich herausgestellt, dass Regierungsbehörden höchstens als Vermittler auftreten sollten - die Schlüsselakteure seien aber lokale gesellschaftliche Gruppen.

Das Leiter-Papier enthält keine Überraschungen - aber es zeichnet ein akkurates und aktualisiertes Bild der USA von ihren terroristischen Herausforderern. Und es berücksichtigt, dass es kaum noch sinnvoll ist, auf Osama Bin Laden zu blicken, wenn man die Gefahr eines Terroranschlags im Westen einschätzen will.

Zumindest analytisch haben die USA die dschihadistische Bedrohung im Griff.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Holzhausbau 24.09.2010
1. Ist doch klar
Zitat von sysopAusgefranst, geschwächt - aber nach wie vor gefährlich: Neun Jahre nach den Anschlägen vom 11. September stellen die USA ihr Bild von al-Qaida & Co. scharf. Die Nationale Antiterror-Zentrale rechnet mit weiteren Anschlagsversuchen innerhalb der USA. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,719372,00.html
Al-Quaida, was immer das auch sein mag, wird uns als terroristische Bedrohung verkauft so lange man eine Begründung für die Anwesenheit westlicher Truppen in Afganistan benötigt. Al-Quaida läßt sich auch prima als Grund für die Errichtung des Überwachtungsstaats benutzen. Wird weltweit gern genommen.
Baracke Osama, 24.09.2010
2. --
Zitat von sysopAusgefranst, geschwächt - aber nach wie vor gefährlich: Neun Jahre nach den Anschlägen vom 11. September stellen die USA ihr Bild von al-Qaida & Co. scharf. Die Nationale Antiterror-Zentrale rechnet mit weiteren Anschlagsversuchen innerhalb der USA. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,719372,00.html
Na klar rechnet die nationale Terror-Zentrale mit weiteren False Flag Operationen, äähm Anschlagsversuchen. Die Menschen müssen ja weiterhin in Angst und Bange gehalten werden, vorallem die, welche noch nicht ganz von der Gefährlichkeit der Islamisten überzeugt waren.
schuetze11 24.09.2010
3. Was planen die US-Gemeimdienste?
Zitat von sysopAusgefranst, geschwächt - aber nach wie vor gefährlich: Neun Jahre nach den Anschlägen vom 11. September stellen die USA ihr Bild von al-Qaida & Co. scharf. Die Nationale Antiterror-Zentrale rechnet mit weiteren Anschlagsversuchen innerhalb der USA. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,719372,00.html
Das klingt fatal wie die hellseherischen Warnungen von Rumsfeld & Co. vor dem und am 11.9.2001.
tudobemcanguru 24.09.2010
4. "9/11 was an outside job"
Zitat von Baracke OsamaNa klar rechnet die nationale Terror-Zentrale mit weiteren False Flag Operationen, äähm Anschlagsversuchen. Die Menschen müssen ja weiterhin in Angst und Bange gehalten werden, vorallem die, welche noch nicht ganz von der Gefährlichkeit der Islamisten überzeugt waren.
Irgendwas interferiert mit Ihren Hirnfunktionen. Ruecken Sie doch mal Ihr Alufolienhuetchen zurecht oder stellen Sie sicher, dass saemtliche Ihnen bei Ihrer Geburt implantierten CIA-Peilsender entfernt wurden.
gsm900, 24.09.2010
5. Das war vermutlich ein Goldstein Posting
Zitat von tudobemcanguruIrgendwas interferiert mit Ihren Hirnfunktionen. Ruecken Sie doch mal Ihr Alufolienhuetchen zurecht oder stellen Sie sicher, dass saemtliche Ihnen bei Ihrer Geburt implantierten CIA-Peilsender entfernt wurden.
schlag nach bei Orwell 1984
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