London im Krieg "We don't want your bloody war!"

Die Stimmung in London ist gedrückt, vor dem Parlament und 10 Downing Street demonstrieren Kriegsgegner. Premierminister Blair und Außenminister Straw wurden vom ersten Angriff auf Bagdad im Schlaf überrascht - und Straw verbreitet weiter die Dolchstoßlegende, nach der die Franzosen für den Krieg verantwortlich seien.

Von , London


Studenten und Schüler demonstrieren vor dem Parlamentsgebäude in London
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Studenten und Schüler demonstrieren vor dem Parlamentsgebäude in London

London - Die morgendliche rush hour ist ohnehin keine Zeit, in der die Bewohner der Sieben-Millionen-Metropole besonders fröhlich wirken. Heute allerdings wirken die Gesichter in der U-Bahn noch verschlossener und grauer als gewohnt. Die Menschen auf dem Weg zur Arbeit sind in sich gekehrt und haben den Blick zu Boden geschlagen. Es herrscht eine bedrückende, lähmende Stille.

In groteskem Kontrast dazu stehen die Schlagzeilen der Boulevard-Blätter, hinter denen sich viele verkrochen haben. "Zeigt ihnen kein Mitleid" trommelt Rupert Murdochs "Sun"; über einem Bild Saddam Husseins liest man "Wanted - Dead or Alive". Die "Daily Mail" proklamiert: "Wir gehen in den Irak, um ein zu Volk befreien."

In einem Café am Leicester Square läuft der Fernseher. Die Mutter einer Soldatin, die in Kuweit auf die Invasion wartet, erzählt, wie schrecklich diese Tage für sie seien. Der Reporter, der aus Kuweit berichtet, trägt eine Gasmaske. "Hoffenlich gibt es hier in London jetzt keine Terroristen-Anschläge", sagt die Kellnerin.

Ganz anders die Stimmung vor den Houses of Parliament im Regierungsviertel. Hunderte von Demonstranten, vor allem Schüler, haben sich auf dem Platz im Schatten des Big Ben versammelt. "One, two three four, we don't want your bloody war", rufen sie aufgeregt. "Five, six, seven, eight - Stop the killing, stop the hate!" Ein bekannter Pop-Song wird umgedichtet: "Who let the dogs out? Bush, Bush and Blair!"

Eigentlich hat die "Stop the War Coalition" erst für vier Uhr Nachmittag zu einer Protestkundgebung im Regierungsviertel aufgerufen, doch so lange wollten die jungen Kriegsgegner nicht warten. "Wir haben die Schule einfach Schule sein lassen, berichtet Helen, 17, von der Parliament Hill School in Hampstead. Die Versuche der Lehrer, die Schüler zurückzuhalten, seien wenig erfolgreich gewesen. "Wir haben schon seit Wochen immer wieder in der Schule über den Krieg diskutiert", sagt Helens Freundin Amber. "Und ganz London redet doch seit Tagen über den Krieg."

Die jungen Demonstranten lassen sich nicht von den Polizisten und ihren Absperrgittern aufhalten und blockieren die Straßen rund um den Parliament Square mit einem Sitzstreik. Der Verkehr bricht zusammen. Schließlich durchbrechen mehrere hundert die schwache Polizeikette und laufen auf Whitehall zur Downing Street, wo die Bobbies eilig das schmiedeeiserne Tor schließen.

Tony Blair lässt sich ohnehin nicht vor der berühmten schwarzen Türe blicken. Obwohl er noch gestern ausführlich mit George W. Bush telefonierte, hat ihn sein Freund offenbar nicht vorab über die ersten Cruise-Missile-Attacken auf Bagdad informiert. Nach Informationen der BBC wurde der Premier, ebenso wie sein Außenminister Jack Straw, nach Mitternacht geweckt und über den unmittelbar bevorstehenden Beginn des Krieges informiert.

Blair und seine Regierung kämpfen derzeit an vielen Fronten, nicht nur gegen Saddam Hussein, sondern auch gegen die Regierungen in Paris, Berlin, Moskau und Peking - und gegen die Kriegsgegner im eigenen Land. "Wir hatten keine andere Option mehr als den Einsatz von Gewalt", sagt Außenminister Jack Straw, der auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz weniger den Krieg erklärt, als ihn zu rechtfertigen versucht. Dabei attackiert er auch seinen Kollegen Joschka Fischer, dessen Strategie auf Grund gelaufen sei. Und der britische Außenminister strickt weiter an der in London so populären Dolchstoßlegende, nach der die Franzosen mit ihrer Veto-Drohung im Uno-Sicherheitsrat eine friedliche Entwaffnung des Irak verhindert haben.

Die Demonstranten lassen sich damit nicht mehr überzeugen. "Ich bin wütend", sagt Amber, "ich bin so wütend über Tony Blair." Er habe eine zweite Uno-Resolution versprochen, sagt die Schülerin. "Aber er ist ein Lügner, und jetzt schickt er unsere Soldaten los, um Kinder und Frauen im Irak zu ermorden."

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