Messerangriff in London Passanten überwältigten Attentäter

Augenzeugen schildern Einzelheiten der Messerattacke in London: Demnach verfolgten mehrere Männer den Attentäter, unter anderem bewaffnet mit einem Feuerlöscher - und dem Stoßzahn eines Narwals.

Ein Forensiker sichert nahe der London Bridge Spuren des Attentats
DPA

Ein Forensiker sichert nahe der London Bridge Spuren des Attentats


Bei dem Terroranschlag in London haben Zivilisten durch ihr beherztes Eingreifen wahrscheinlich Schlimmeres verhindert. Ein Attentäter hatte in der Fishmonger's Hall im Zentrum Londons an einer Veranstaltung teilgenommen. Anschließend drohte der 28-Jährige, der eine Sprengstoffattrappe an seinem Körper trug, die ehemalige Halle der Fischhändler-Gilde in die Luft zu sprengen. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) reklamierte den Anschlag später für sich, belegte das aber nicht.

Einem Bericht der Tageszeitung "The Times" zufolge wurde der Mann von mehreren Männern Richtung London Bridge verfolgt. Ein Passant versuchte demnach, dem Attentäter mit einem Feuerlöscher ins Gesicht zu sprühen, ein anderer hatte sich mit dem Stoßzahn eines Narwals bewaffnet, der in der Gilde-Halle als Verzierung an der Wand hing. Ein dritter ging mit bloßen Händen auf den Mann los. Der "Times" zufolge handelte es sich bei dem Mann mit dem Narwal-Stoßzahn um einen polnischen Koch, der in der Fishmonger's Hall arbeitet.

Gemeinsam soll es den Männern gelungen sein, dem Attentäter zwei Messer zu entreißen, die er mit Klebeband an seiner Hand befestigt hatte. Polizisten trennten die Ringenden schließlich und erschossen den Angreifer, wie auf Videos zu sehen ist, die im Internet kursieren. Londons Bürgermeister Sadiq Khan lobte die "Heldenhaftigkeit der Passanten, die buchstäblich der Gefahr entgegenrannten, ohne zu wissen, was sie erwartet. Die Menschen hätten ihre eigene Sicherheit riskiert.

Bei der Messerattacke am Frühen Freitagnachmittag waren fünf Menschen verletzt worden. Eine Frau und ein Mann starben anschließend im Krankenhaus. Eine weitere Person befindet sich der Polizei zufolge in kritischem, aber stabilem Zustand. Großbritanniens Königin Elizabeth sendete "Gedanken, Gebete und tiefe Sympathie" an alle, die einen geliebten Menschen verloren haben.

Verurteilter Terrorist - nach sechs statt 16 Jahren freigelassen

Bei dem Attentäter handelt es sich um einen verurteilten Terroristen, der vor einem Jahr vorzeitig aus der Haft entlassen worden war. Die Entlassung war Medienberichten zufolge routinemäßig erfolgt. "Ich habe seit Langem argumentiert, dass es ein Fehler ist, Schwer- und Gewaltverbrecher vorzeitig aus dem Gefängnis zu entlassen", sagte Boris Johnson am Freitagabend. Der Premierminister besuchte am Samstagmittag den Tatort.

Premierminister Boris Johnson am Tatort bei der London Bridge
REUTERS

Premierminister Boris Johnson am Tatort bei der London Bridge

Bürgermeister Khan von der oppositionellen Labour-Partei hinterfragte, ob die zuständigen Behörden ausreichend Mittel zur Verfügung hätten, um gefährliche Personen zu überwachen. Das Thema fällt mitten in den Wahlkampf. Am 12. Dezember wählen die Briten ein neues Parlament. Für Samstag wurden mehrere Wahlkampfveranstaltungen aus Respekt vor den Opfern abgesagt.

Der heute 28-jährige Angreifer war 2012 zu 16 Jahren Haft verurteilt worden, nachdem er als Teil einer Gruppe von mehreren Extremisten einen Anschlag auf die Londoner Börse geplant hatte. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, im pakistanischen Teil Kaschmirs ein Trainingscamp für Terroristen aufbauen zu wollen. Er war im Dezember 2018 unter Bewährungsauflagen freigelassen worden, wie die Polizei mitteilte. Mehrere Medien berichteten, der Mann habe zum Zeitpunkt der Attacke eine elektronische Fußfessel getragen.

Richter warnte vor Attentäter als "dauerhaftes Risiko"

Man müsse nun herausfinden, wie der Mann das Attentat ausführen konnte, sagte der Chef der britischen Anti-Terror-Ermittler, Neil Basu. Laut "Guardian" hatte der Richter die Pläne des Mannes bei der Verurteilung als "ernsthaftes, langfristiges Projekt" bezeichnet und gewarnt, der Mann könne ein dauerhaftes Risiko für die Öffentlichkeit darstellen. Ursprünglich sollte der 28-Jährige nicht wieder freigelassen werden, es sei denn, er werde nicht mehr als Bedrohung angesehen. Diese Bedingung sei später aufgehoben worden.

Nach Mittätern fahndete die Polizei zunächst nicht. Es werde aber mit Hochdruck geprüft, ob weitere Personen an der Tat beteiligt waren, teilt Scotland Yard mit. In der Grafschaft Staffordshire in Mittelengland wurde im Rahmen der Ermittlungen eine Wohnung durchsucht. Der Ort befindet sich mehr als 200 Kilometer von London entfernt.

IS reklamiert Tat für sich

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verbreitete am Samstagabend über eines seiner Sprachrohre, der Angreifer von London sei ein "Krieger des Islamischen Staates". Der Terrorexperte Peter Neumann vom Londoner King's College hält die Mitteilung für echt. Er gab aber zu bedenken, dass es sich lediglich um eine Behauptung der Terrormiliz handele. Sie beinhalte keine Details oder Täterwissen.

Der Anschlag weckt Erinnerungen an den Sommer 2017. Damals starben in der britischen Hauptstadt acht Menschen, als Terroristen mit einem Transporter erst drei Passanten auf der London Bridge umfuhren und anschließend fünf weitere am Borough Market erstachen. Polizisten erschossen die drei Täter.

Im März desselben Jahres fuhr ein Angreifer mit einem Auto auf der Westminster Bridge in mehrere Fußgänger, vier Passanten starben. Der Mann erstach zudem einen Polizisten, ehe er von Beamten erschossen wurde.

Erst im November hatten Sicherheitsexperten die Terrorismusgefahr in Großbritannien von "severe" auf "substantial" heruntergestuft. Demnach war eine Attacke nur noch "wahrscheinlich" und nicht mehr "hochwahrscheinlich".

irb/AP/dpa/Reuters

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.