Nordirland Polizei macht "neue IRA" für Tod junger Journalistin verantwortlich

Eine terroristische Gruppe soll für die tödlichen Schüsse auf die Journalistin Lyra McKee in Nordirland verantwortlich sein - das vermutet die Polizei. Die Sorgen vor einer neuen Gewaltwelle in der Region wachsen.

JESS LOWE/ EPA-EFE/ REX

Die nordirische Polizei vermutet gewalttätige Separatisten hinter dem tödlichen Angriff auf eine Journalistin in der hauptsächlich von Katholiken bewohnten Stadt Derry/Londonderry.

Die Gruppe "Neue IRA" stecke "wahrscheinlich dahinter", zitierte der Sender BBC den stellvertretenden Polizeipräsidenten von Nordirland, Mark Hamilton. Seine Behörde stufte die Tat als "terroristischen Vorfall" ein.

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Nordirland: Tödliche Schüsse in Derry

Nach Informationen der BBC, ereignete sich der Angriff auf McKee während eines Polizeimanövers im Wohnviertel Creggan im Randbezirk der Stadt.

Dort seien schwer bewaffnete Sicherheitskräfte im Einsatz gewesen, nachdem Unbekannte rund 50 Brandsätze auf die Polizei geworfen hatten. Auf Bildern waren brennende Autos und gepanzerte Einsatzfahrzeuge der Polizei zu sehen. Als McKee neben einem Polizeiauto stand, habe sich ihr ein maskierter Bewaffneter genähert. Smartphone-Aufnahmen eines Passanten zeigten, wie der Mann das Feuer auf sie eröffnete. McKee wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht, wo sie starb. Der Schütze sei ein "gewalttätiger Nationalist", sagte Hamilton. Polizeiangaben zufolge war die Frau zur Zeit der Attacke nicht als Journalistin im Dienst.

"Derry heute Abend. Völlig verrückt"

McKee hat viel über den Nordirland-Konflikt und seine Folgen geschrieben und war unter anderem für das US-Magazin "The Atlantic" und das Onlineportal "BuzzFeed News" tätig. Sie hatte noch am Donnerstagabend ein Foto auf Twitter veröffentlicht, das die Unruhen in Creggan zeigte. "Derry heute Abend. Völlig verrückt", schrieb sie dazu.

McKee habe ihren Beruf "mit Mut, Stil und Integrität ausgeübt", sagte ein Vertreter des nordirischen Journalismusverbands.

Die Polizei war in das Gebiet um Creggan eingerückt, um nach Waffen und Munition zu suchen. Offenbar fürchteten die Behörden Anschläge auf Polizisten in den kommenden Tagen. Die Atmosphäre heizt sich in Nordirland zu Ostern oft auf, das Wochenende wird traditionell für politische Kundgebungen genutzt.

Politiker in Irland und Großbritannien beobachten die Entwicklung in Nordirland mit Sorge. Jahrelang herrschte weitgehend Ruhe, nachdem sich Protestanten und Katholiken im sogenannten Karfreitagsabkommen 1998 auf einen Friedensprozess geeinigt hatten. Die IRA, die jahrzehntelang gewaltsam für eine Loslösung Nordirlands von Großbritannien gekämpft hatte, schwor der Gewalt 2005 offiziell ab.

"Neue IRA" bekannte sich zu Anschlag im Januar

Doch seit Jahresbeginn sind in Londonderry mehrmals Sprengsätze explodiert, die allerdings niemanden verletzten. Einer davon detonierte im Januar vor einem Gericht mitten in der Stadt, nachdem kurz zuvor eine Warnung bei den Behörden eingegangen war. Kurz darauf bekannte sich eine Gruppe namens "Neue IRA" zu dem Anschlag. Die Separatisten lehnen das Karfreitagsabkommen ab und haben in den vergangenen Jahren immer wieder sporadisch Anschläge verübt.

Die Zerrissenheit der Stadt wird schon beim Namen deutlich. Londonderry ist der offizielle britische Name. Die meisten der etwa 85.000 Einwohner sind aber Katholiken. Sie nennen die Stadt Derry.

Zuletzt waren im Zuge der Brexit-Verhandlungen die Sorgen gewachsen, dass Grenzkontrollen zwischen Nordirland und der auch künftig zur EU gehörenden Republik Irland Gewalt in der Ex-Bürgerkriegsregion verstärken könnte. In dem über Jahrzehnte währenden Konflikt standen katholische Separatisten, die eine Vereinigung mit Irland anstrebten, protestantischen Unionisten gegenüber, die weiterhin zu Großbritannien gehören wollen.

"Angriff auf die Gemeinschaft"

Großbritanniens Premierministerin Theresa May verurteilte die Schüsse auf McKee und nannte die Tat "schockierend und sinnlos". Irlands Premierminister Leo Varadkar sagte, man dürfe denen, die Gewalt, Angst und Hass verbreiteten, nicht erlauben, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen.

Von "sinnloser" Gewalt sprach auch die Vorsitzende der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP), Arlene Foster. "Diejenigen, die in den Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren Schusswaffen in unsere Straßen gebracht haben, lagen falsch. 2019 ist es genauso falsch", erklärte sie.

Auch die Vizechefin der irisch-republikanischen Partei Sinn Fein, Michelle O'Neill, verurteilte den Tod der jungen Frau. "Das war ein Angriff auf die Gemeinschaft, ein Angriff auf den Friedensprozess und auf das Karteifreitagsabkommen."

nis/dpa/afp/rtr/ap



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