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09. Oktober 2012, 19:12 Uhr

Johnson beim Tory-Parteitag

"Boris-Mania" verunsichert Cameron

Von , London

Boris Johnson ist der Held des Tory-Parteitags in Birmingham. Der Londoner Bürgermeister mit Rockstar-Status stellt selbst Parteichef David Cameron in den Schatten. Das nährt Spekulationen, er wolle den Premierminister beerben - und sorgt für Unruhe in der Downing Street.

Es ging schon los, als er am Bahnhof in Birmingham eintraf. "Boris, Boris", riefen Dutzende Fans dem Londoner Bürgermeister entgegen. So einen Empfang habe Premierminister David Cameron noch nie bekommen, raunten die mitgereisten Reporter. In den Hallen des Tory-Parteitags bildeten sich dann lange Schlangen, wo immer Boris Johnson auftrat. Keiner der Delegierten wollte das Spektakel verpassen.

Johnson, der dieses Jahr erst als Bürgermeister wiedergewählt wurde und dann über die erfolgreichen Olympischen Spiele präsidierte, ist der neue Hoffnungsträger der britischen Konservativen. Wie ein Rockstar sei der "Hurrikan mit dem blonden Haar" empfangen worden, schrieb der "Daily Telegraph". Der "Guardian" konstatierte beim Fußvolk in Birmingham "Boris-Mania".

Hingerissen lauschten die Parteimitglieder, als Johnson auf der großen Parteitagsbühne am Dienstag den obersten Cheerleader der Nation gab. Er forderte sie auf, auch in Zeiten der Rezession nicht die Zuversicht zu verlieren. Großbritannien sei ein Can-do-Land, kreativ und selbstbewusst. Das habe man gerade bei den Olympischen Spielen unter Beweis gestellt.

Auch britische Unternehmen müssten wieder zu "Goldmedaillengewinnern" werden, rief Johnson. Er selbst habe in London gerade die Ziehharmonikabusse aus deutscher Produktion gegen neue britische Busse ausgetauscht. Er vergaß auch nicht, seinen Wahlsieg im Mai zum Modell für das Land zu erklären. "Wenn wir in einer Rezession einen Labour-Umfragenvorsprung von 17 Prozentpunkten auslöschen konnten, dann weiß ich, dass David Cameron 2015 gewinnen kann, wenn die Wirtschaft sich wieder gedreht hat", sagte er.

Johnson vermied es, den Premierminister direkt zu kritisieren. Das macht man auf einem Parteitag nicht. Doch er hatte kein Problem damit, ihm die Schau zu stehlen. Der 48 Jahre alte Bürgermeister habe seine Rolle als größter Rivale von Cameron zementiert, kommentierte der "Independent".

"Wenn ich ein Mopp bin, bist du ein Besen"

Cameron tat so, als mache ihm die Beliebtheit des Konkurrenten nichts aus. "Es ist großartig, dass wir jemanden mit Rockstar-Status in der Partei haben", sagte er dem Fernsehsender ITV. Er könne die konservative Botschaft unter die Leute bringen. Auf die Frage, warum die Leute "Boris, Boris" riefen, aber nicht "Dave, Dave", entgegnete der Regierungschef, er habe eben schwierige Entscheidungen zu treffen. "Viele Leute in der Welt sind beliebter als ich." Bereits am Wochenende hatte er erklärt, er sehe die Sprüche des "blonden Mopps" gelassen.

Die Mopp-Anspielung auf seinen Topfhaarschnitt verwandelte Johnson in seiner Rede am Dienstag prompt in eines seiner klassischen Zitate. "Wenn ich ein Mopp bin, David Cameron, dann bist du ein Besen", sagte er unter dem Gelächter des Publikums. Finanzminister George Osborne sei ein Kehrblech und Außenminister William Hague ein Schwamm. Es sei eben die historische Aufgabe der Konservativen, die von Labour hinterlassene Unordnung aufzuräumen, witzelte Johnson. Freude im Saal, auf den Vergleich des Kabinetts mit Haushaltsgeräten war noch niemand gekommen.

Die Leichtigkeit, mit der Johnson die Herzen der Parteibasis eroberte, verfehlte ihren Eindruck nicht. Die Begeisterung über Boris verunsichere Cameron mehr als der Oppositionsführer Ed Miliband, schrieb der "Telegraph" unter Berufung auf das Umfeld des Regierungschefs. Auch Camerons eigene Parteitagsrede am Mittwoch wird wieder mit Johnsons verglichen werden.

Tory-Veteran soll Heißsporn Johnson einbremsen

Bei aller Loyalität konnte sich der Spötter Johnson den einen oder anderen Seitenhieb auf Cameron nicht verkneifen. Der Humanist warb für mehr Lateinunterricht in Londoner Schulen - und erinnerte beiläufig daran, dass Eton-Absolvent Cameron neulich in der Letterman-TV-Show in New York das lateinische Wort Magna Carta nicht ins Englische übersetzen konnte. Cameron habe es natürlich gewusst, nur nicht gesagt, schob Johnson hinterher.

Der Premierminister, der im Publikum saß, gab sich alle Mühe, über die Witze auf seine Kosten zu lachen. Gleich zu Beginn lobte Johnson grinsend die "harten Entscheidungen", die Cameron getroffen habe, "nicht zuletzt die, zu dieser Rede zu kommen".

Die britischen Medien lieben das unerklärte Duell der beiden Spitzen-Tories. Noch herrscht Skepsis, dass Johnson wirklich einmal Parteichef oder gar Premierminister werden könnte. Zu unernst und chaotisch wirkt er immer noch. Obendrein weist er alle Ambitionen weit von sich. Doch seine Beliebtheit macht die Downing Street unruhig. Tory-Veteran Ken Clarke wurde bereits vorgeschickt, um das blonde Enfant terrible zu warnen. Johnson solle es nicht übertreiben, mahnte der Ex-Justizminister. Sonst sei er ganz schnell wieder aus der Mode.

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